Mittwoch, Juli 13, 2005

wie sich die Zeiten nicht ändern
"... Manchmal lächle ich still vor mich hin, mit einem Anflug von Traurigkeit, wenn ich merke, dass es Menschen gibt, die meinen, ich würde dich und andere in eine sehr schwierige, hohe und seltsame Sache einführen, die nur für große und gelehrte Köpfe verständlich sei. Wohlgemerkt, dies sagen nicht die einfachen Menschen ohne Bildung, sondern Gelehrte und berühmte Theologen. Diesen möchte ich sagen, ihre Auffassung sei zu bedauern und gäbe Aufschluss über den inneren Zustand derer, die sich Gott geweiht haben. Ausser dem einen oder anderen Freund Gottes sind heute fast alle durch eine unkontrollierte Jagd nach der neuesten Theologie oder nach den Erfindungen der Naturwissenschaft so blind geworden, dass sie den Sinn dieser einfachen Übung nicht mehr verstehen. Eine Übung, so einfach, dass selbst ein Mensch ohne viel Bildung dadurch zu einer echten Vereinigung mit Gott finden kann in der erfüllten Ungeteiltheit vollkommener Liebe. Leider können jene verbildeten Menschen das kaum verstehen, so wenig wie ein Schulanfänger die schwierigen Gedanken gescheiter Theologen. ..."

Oh, wie sich die Zeiten nicht ändern! Diese Schelte wider die Theologen und Gelehrten, jene Blinden, die dennoch führen wollen, sie stammt von dem unbekannten Verfasser von "The Cloud of Unknowing" und "The Book of Privy Counseling" (Die "Wolke" hier auf Englisch im Public Domain), kleinen Werken zum geistlichen Leben, dessen Einfluss im angelsächsischen Raum wohl jenem der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen vergleichbar ist. Auch damals, im 14. Jahrhundert, pochten sie auf ihre Deutungsmacht, dass nämlich nur das gut sei, was von ihnen gutgeheissen werden; und was den Horizont dieser Jäger nach der jeweils "neuesten Theologie oder nach den Erfindungen der Naturwissenschaft" nicht berührt, was sie aus Verbildung nicht verstehen, das wird von ihnen als abwegig verworfen und als seltsame Sache verschrien. Bevor ich mir aber wieder unfreundliche Kommentare einhandle ob dieser Attacke wieder die Berufschristen und Theologen, ich gar wieder einer Verleumdung bezichtigt werde: nicht ich habe diese Attacke geritten, nicht aus meiner Feder ist diese Beurteilung geflossen, sondern aus dem Kiel jenes längst schon heimgegangenen Mannes, dessen Name und Stand unbekannt blieb. Von mir stammt nur die Überzeugung, die Zeiten, die Menschen, sie ändern sich nicht. Mensch ist Mensch geblieben, in seinen Stärken, in seinen Schwächen.

Donnerstag, Juli 07, 2005

Rede, Herr; denn dein Diener hört
"Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört" (1 Sam 3,1). So riet der Priester Eli dem jungen Samuel. Der Rat birgt den Keim des Gebetes der Sammlung in sich. Dieses Gebet nistet in jenem Moment eines Gesprächs, in dem man aus dem Reden in das Schweigen eintritt, nicht länger mehr Worte schwingt, sondern sich dem Anderen zuwendet, um dessen Rede zu lauschen. Man spricht nicht mehr, man hört. Ist einem der Andere wichtig, liebt man ihn gar, ist man ganz Aufmerksamkeit, um nichts von dem zu versäumen, was gleich, im nächsten hauchdünn nur entfernten Moment, der Andere spricht.

Rede, Herr; denn Dein Diener hört.

Etwa 20 Minuten sitze oder kniee ich so in aufrechter Haltung. Und lausche. Natürlich ist es mir nicht möglich dabei beständig reine Aufmerksamkeit zu sein; alle möglichen Gedanken - gute, kluge, dumme, böse - steigen aus mir empor und buhlen um Aufmerksamkeit und Gehör. Ich aber versuche sie alle nicht weiter zu beachten. Es ist auch hier nicht anders als bei einem Gespräch, wenn man der Antwort des Gegenübers lauscht. Mögen auch um mich herum Reden geschwungen werden und ein Stimmenwirrwarr herrschen, ich achte dennoch nicht darauf, sondern richte meine Aufmerksamkeit auf mein Gegenüber, damit mir kein Wort seiner Rede entgeht. Gleicherweise beachte ich auch diese Gedanken nicht weiter, sondern lasse sie einfach ziehen. Und sollte sich ein bestimmter Gedanke allzu aufdringlich gebaren und meine Aufmerksamkeit an sich binden, so rufe ich das eine heilige Wort zu Hilfe, das mir als Stütze und Geländer dient, an dem ich mich zurück in die Aufmerksamkeit taste, die ein Lauschen ist auf Gott. Mein heiliges Wort ist jenes, das mir, wie ich gestern schrieb, in gefährlichen Situationen ohne Überlegung aus der Seele fährt. Für andere mag ein anderes Wort heilig sein, mir ist es dieses in besonderem Maße. Der Name, den ich anrufe, gibt meiner Aufmerksamkeit Ziel und Sinn. Zu manchen Zeiten muss ich das Wort, den einen Namen, nicht allzu häufig zu Hilfe rufen; zu anderen Zeiten kehre ich oft und oft zu ihm zurück. Manchmal höre ich eben einigermaßen passabel, nicht selten aber bin ich gleichsam stocktaub.

Mittwoch, Juli 06, 2005

Vom Beten
Zur Zeit lese ich gerade Thomas Keatings Das Gebet der Sammlung, ein kleines Buch aus dem Vier-Türme-Verlag der Abtei Münsterschwarzbach. Ein Buch über das Beten. Beten ist ein seltsames Geschäft. Einerseits ist es von großer Einfachheit: es gibt wohl niemanden, der es nicht zustande brächte, besonders in Zeiten der Not. Ich für mein Teil denke da an die eine oder andere haarige Situation auf der Strasse, wo es knapp herging, und mir dabei wie ein Blitz der Gedanke - vielmehr: das Gebet - "Christus" durch den Kopf fuhr, ein Hilferuf und Griff nach dem letzten Rettungsseil, wenn man so will. Ehrlicher ist wohl keins meiner Gebete gewesen.

Aber auch sonst gibt es Gelegenheiten, wo Beten von größter Einfachheit und Selbstverständlichkeit ist, in der Liturgie etwa, oder im Chorgebet, wo die eigene Stimme eine unter mehreren Stimmen ist und mein Gebet wie ein Schwimmer im Fluss von der Strömung des gemeinschaftlichen Gebets getragen wird.

Und dann - das leider unvermeidliche "andererseits" - geht man - ich - in eine Kirche, kniee mich hin, beginne zu beten ... und ertappt mich dabei, dass ich zwar damit begann zu Gott zu sprechen, schließlich aber nur mehr zu mir selber spreche, über die eigenen Probleme und Gedanken zu räsonieren beginne. Und was, über die vorgegebenen Gebete hinweg, hätte ich Gott schon zu sagen, was er nicht schon vor aller Zeit von mir und über mich wusste? Wobei natürlich mein Gebet nicht Gott dient, sondern mir. Ich bin es, nicht Gott, der des Gebets bedarf. Aber wie beten? Jedenfalls nicht so, dass ich "plappere wie die Heiden", mehr zu mir, denn zu Gott spreche, und nicht so, dass ich mich in den Worten verfange, und an ihnen hängen und kleben bleibe.

Father Thomas KeatingEine lange Einleitung für die wenigen Worte, die ich eigentlich über dieses Buch schreiben wollte. Verfasst wurde es also von Thomas Keating, Trappist und vormaliger Abt der Abtei Saint Joseph in Massachusetts in den Vereinigten Staaten. Sein an die Praxis angelehntes Büchlein, ausdrücklich an Laien adressiert die mitten in der Welt und im Berufsleben stehen, hat mir einen Weg eröffnet zu einem Gebet, das nicht viele Worte braucht. Um genau zu sein, benötigt es nur eines, ein "heiliges Wort", wie Keating es nennt. Und auch dieses nur dann, wenn es notwendig ist um zum eigentlichen Gebet zurückzufinden.

Zu mehr habe ich jetzt keine Zeit. Heute abend darüber mehr. Nur soviel noch, dass ich nunmehr begonnen habe die ersten stolpernden Schritte auf den Weg zu setzen, den dieses kleine Buch beschreibt: Das Gebet der Sammlung.