Montag, Juni 27, 2005

Generalaudienz Benedict XVI vom 22.06.2005
Des Papstes Katechese (mp3) vom Mittwoch vergangener Woche (ja, ich weiss, ich bin damit spät daran, aber die ersten beiden Tage nach der Audienz war die Audio-Datei noch nicht online gestellt, und über das Wochenende nahm ich mir nicht die Zeit danach zu sehen), die Katechese also zum Psalm 124 spricht uns vom rettenden Eingreifen Gottes. Gott ist keiner, der unbewegt abseits der Geschichte steht, wenn sich "die wilden und wogenden Wasser" über seine Kinder ergießen, sondern ist vielmehr Retter aus der Not. Die Netze der Bedrängnis zerreisst er, sodass unsere Seele den Verfolgern zu entkommen weiss und wie ein Vogel himmelwärts steigt.

Der Christ, sagt uns der Papst, weiss: "Gott steht auf der Seite der Bedrängten, Verfolgten und Unterdrückten, die Tag und Nacht zu ihm rufen. Gerade wo menschliche Hoffnungen zerbrechen, wird die Größe seiner erlösenden Macht sichtbar. Die Antwort darauf ist das Bekenntnis des Psalmisten, das in die Liturgie Eingang gefunden hat: Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat."

Montag, Juni 20, 2005

vielleicht der gebildetste Mann seiner Zeit
Scipio und Ralf haben seiner bereits gedacht. Die Rede ist von Hans Urs von Balthasar, dem großen Schweizer Theologen und Gelehrten, der vor rund 100 Jahren geboren worden war. 1988 vom Papst zum Kardinal der katholischen Kirche ernannt, war es ihm nicht vergönnt die ehrende Würde des Kardinalsbirettes aus dessen Hand entgegenzunehmen. Er starb zwei Tage zuvor. Henri de Lubac, selber einer der großen der Theologenzunft im 20. Jahrhundert, bezeichnete ihn 1975 als den "vielleicht ... gebildetsten Mann seiner Zeit". Auf jeden Fall aber war er jener Theologe der wie kein anderer die gedankliche Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen abseits der Kirche suchte und pflegte. Dazu mag ihn besonders prädestiniert haben, dass er vor seinem Studium der Theologie bereits ein Doktorat in Philosophie und Germanistik erworben hatte. Er war übrigens auch leidenschaftlicher Pianist, in der Musik nicht minder bewandert und zu Hause wie in der Literatur. Sein erstes Werk überhaupt (aus dem Jahr 1925) trägt den Titel "Die Entwicklung der musikalischen Idee", 1955 folge die kurze Schrift "Bekenntnis zu Mozart" (das wäre eigentlich eine Pflichtlektüre für mich). Was mich persönlich an von Balthasar besonders anspricht, ist seine Beschäftigung mit der Literatur, mit den geistigen Strömungen, die sie transportiert. Und es sind nicht ausschließlich, sogar nicht vorwiegend religiöse literarische Stimmen, sondern gerade solche abseits der Religion, im tiefen Unglauben zu Hause. Nietzsche vor allem, aber auch andere, zeitgenössische, etwa Bert Brecht. Bernanos und Reinhold Schneider hat er eigene umfangreiche Werke gewidmet, kürzere Abhandlungen über die beiden las ich in Spiritus Creator. In diesem Werk las ich auch seine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Brechts Dramen; vor allem seine Kommentare zu "Der gute Mensch von Sezuan" haben sich mir nachhaltig eingeprägt. Daraus resultiert auch unter anderem meine heutige Überzeugung, dass jegliche Erleichterung in Hinblick auf den Glauben - die "kleine Herabminderung der Vorschriften ... in Anbetracht der schlechten Zeiten" - unweigerlich dessen Erschwerung und Verunmöglichung nach sich zöge. Auf lange Sicht wird Glauben dadurch nicht einfacher, sondern schwerer, wenn nicht sogar unmöglich.

Interessant ist eine gegenwärtige Beobachtung aus der Dombuchhandlung in Salzburg. Im Regal das die Werke der bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts fasst, ist Karl Rahner mit etwa ein Dutzend Werke vertreten. Die aneinandergereihten Werke von Balthasars, das sind schon einige Meter Buch. Da drückt sich durchaus eine Wertung aus. Es gab Zeiten, da war es gerade umgekehrt.

Samstag, Juni 18, 2005

Marienleben
Eins zu eins, so war in etwa das Verhältnis. Heute abend gab die Chorgemeinschaft Maria vom Guten Rat aus München-Schwabing in Salzburg ein Konzert, verbunden mit einer Lesung von Rilkes Marienleben. Gerahmt wurden Musik und Lesung von der Architektur der Dreifaltigkeitskirche, dem erste Kirchenbau Fischer von Erlachs in Salzburg, der nicht zufällig an die Kirchen Borrominis in Rom erinnert. Wer also barocke Architektur nicht scheut, sollte sich ein wenig Zeit für einen kurzen Besuch in der Dreifaltigskeitkirche gönnen. Dieses Bauwerk also stellte den bezaubernden Klangraum für eine Aufführung, bei der der recht ungewöhnliche Fall eines Verhältnisses von eins zu eins - nämlich gleich viele Zuhörer wie Sänger - zu verzeichnen war; und dies trotz (oder gerade wegen?) freiem Eintritt! Beides, Konzert wie Lesung, war durchaus auf hohem Niveau, und hätte sich ein zahlreiches Publikum verdient. Allerdings war die Ankündigung des Konzertes derart verborgen, dass auch mich nur der zufällige Griff nach einem Flugblatt auf einem Ablagebord in der Dombuchhandlung seiner kundig werden ließ. Gegeben wurden Marienmotetten von Brahms, Arcadelt, Franck, Schubert, Fauré, Aichinger, Luzzi und Saint-Saëns.

Rilkes Text ist nicht nur ästhetische Reflexion der Gestalt Mariens, sondern hat durchaus auch theologische Tiefe, wie man etwa an dem Stück Von der Hochzeit zu Kana sieht.

...
Aber da bei jenem Hochzeitsfeste,
als es unversehns an Wein gebrach, -
sah sie hin und bat um eine Geste
und begriff nicht, dass er widersprach.

Und dann tat er's. Sie verstand es später,

wie sie ihn in seinen Weg gedrängt:
denn jetzt war er wirklich Wundertäter,
und das ganze Opfer war verhängt,

unaufhaltsam. Ja, es stand geschrieben.
Aber war es damals schon bereit?
Sie: sie hatte es herbeigetrieben
in der Blindheit ihrer Eitelkeit.

An dem Tisch voll Früchten und Gemüsen
freute sie sich mit und sah nicht ein,
dass das Wasser ihrer Tränendrüsen
Blut geworden war mit diesem Wein.
Rainer Maria Rilke (1875-1926): Das Marienleben - Von der Hochzeit zu Kana

Das ist schon eine recht eindrucksvolle Interpretation des Berichtes im 2. Kapitel des Evangeliums nach Johannes (Joh 2,1-12). "...wie sie ihn auf seinen Weg gedrängt ...": mit der Geburt setzte sie ihn auf seine Lebensbahn, mit der Hochzeit zu Kana auf die Bahn seines öffentlichen Wirkens. Und damit war, wie Rilke dichtet, bereits alles spätere vorweggenommen, das ganze Opfer verhängt, Golgotha als Ziel ins Auge gefasst, das Kreuz ferne am Horizont sichtbar: "das Wasser ... Blut geworden mit dem Wein". Auch wenn man dies, ihr Drängen, nicht mit Rilke als Eitelkeit auffassen mag, sondern als Wille zum Guten, so hat doch ihr guter Wille Schmerz zur Blüte getrieben, und Tränen und Blut als Früchte getragen; letztlich allerdings auch Erlösung. Ist es das, wohin wahrhaft guter Wille, zum Guten, zum Bösen, zu allerletzt mit Sicherheit führt: zu Schmerz, Tränen und Blut, und darüber hinaus zu Erlösung? Und ist das eine vergangene Sache, alleine Jesus, dem Sohn Mariens, zugehörig? Oder etwas, das auch mich heute berührt? Ist das der Schoß, der meine Erlösung gebiert?

Donnerstag, Juni 16, 2005

Vigili del Fuoco

Dass in der Kirche so mancher Brandherd glost und lodert, ist nicht neu. Aber nicht mehr lange! Benedict XVI hat schon zum Feuerwehrhelm gegriffen ... ;-). - [Yahoo! News].

Mittwoch, Juni 15, 2005



Ein Mitbringsel von meiner Reise. Laut dem Zertifikat auf der Rückseite ist die Ikone Handarbeit, gearbeitet nach der alten traditionellen Weise der byzantischen Kunst; Eitempera und Gold auf altes Holz. Gemalt wurde sie von einem der Mönche in Camaldoli, wo ich sie auch erwarb. 55 Euro, das ist sehr günstig (die Dombuchhandlung in Salzburg verkauft auch Ikonen; vergleichbare Stücke liegen preislich zwischen 100 und 200 Euro). Als ich die ersten Tage im Klosterladen die ausgestellten handgemalten Ikonen bewunderte, gab es noch an die 6 Stück davon, allesamt unterschiedlichen Themen gewidmet. Als ich mir schließlich in der zweiten Woche dieses Stück - nunmehr "meine Ikone" - erwarb, gab es nur mehr drei davon (nach meinem Kauf also nur mehr zwei). Jetzt wird es vermutlich keine mehr geben, zumindest solange nicht der Mönch, der sich dem Ikonenmalen widmet, neue gemalt haben wird. Nachträglich bedauere ich, nicht noch eine weitere erworben zu haben, speziell diese eine, die Jesus im Kreis seiner Jünger beim Letzten Abendmahl zeigt.

Generalaudienz Benedict XVI vom 15.06.2005
Des Papstes heutige Katechese (mp3) zu den Psalmen war dem kurzen Psalm 123 gewidmet, den er in Hinblick auf das Gebet deutet. Im 2. Vers dieses Psalmes spricht der Beter vom Augenmerk, dass wir Gott zuwenden, um seine Gnade zu erfahren: "Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin, so schauen unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig ist."

Laut Benedict ist damit ein Verweis auf das Gebet insgesamt gegeben, das "einem geistigen Erheben der Augen, einem hoffnungserfüllten Aufschauen zu Gott gleicht", mit diesem "Blick richtet der Beter sein Innerstes, seine Seele auf den Herrn". Ohne dieses Aufschauen zu Gott, ohne Gebet, ist unser Leben in Gefahr sein Ziel zu verfehlen. Heil werden wir nur durch den Blick auf Gott, durch seine Berührung, die im Gebet möglich ist.

Dienstag, Juni 14, 2005

Der Ruf
"... Eines Mannes sanfte Stimme brach die Stille, rief ihren Namen. "Julia", sagte er. Sie schaute über ihre Schulter um zu sehen, ob jemand die Kapelle betreten hätte, obwohl die Stimme nicht von hinten gekommen war. Sie war immer noch alleine. Die sanfte Stimme wiederholte beharrlich "Julia". Es klang sehr nahe. Sie hielt still. Die Dunkelheit teilte sich langsam vor ihren Augen und eine strahlende Lichtsäule formte sich zur Gestalt eines Mannes, entkleidet, verwundet. Er sagte "Julia, ich bin ganz alleine. Komm mit mir in die Wüste. Ich werde Dich niemals verlassen!" Julia fühlte keine Angst. Sie wusste, wer dieser Mann war. Als sie ihm in die Augen schaute, sah sie Liebe, eine Liebe, größer als alles, was ihr bislang in ihrem Leben an Liebe begegnet war. Wortlos gab sie ihm ihre Einwilligung. Dann hüllte sie wieder die Dunkelheit und Stille der Kapelle ein, und sie weinte vor Freude. ..."

Im kleinen Laden oben in der Eremitage von Camaldoli stieß ich auf ein Buch, geschrieben von Thomas Matus, einem Mönch aus dem Orden der Kamaldulenser der Kongregation von Camaldoli: Nazarena, an American Anchoress. Aus diesem Buch übersetzte ich die kurze Passage oben. Es ist ein Bericht über die Berufungsvision einer begabten jungen Musikerin, Julia Crotta mit Namen; die wohl einzige Vision die sie in ihrem Leben hatte. Es war aber für sie diese eine Vision Anlass genug ein Leben zu wählen, das vermutlich von nahezu allen Zeitgenossen (davon nehme ich auch - oder besonders - Katholiken nicht aus) zumindest mit Kopfschütteln quittiert würde, häufiger wohl noch verbunden mit der Vermutung, die Frau wäre in ihrem Oberstübchen nicht ganz richtig gewesen. Intellektuelle (und was sich intellektuell dünkt) würden dies vielleicht noch mit dem aus dem Fundus ihrer Fremdwörter hervorgekramten Begriff Masochismus auffetten, von pathologischen Zügen sprechen, einer kranken Psyche.

Julia Crotta nahm nämlich ihre Vision ernst, ebenso ihr Wort der Zustimmung, das sie dem Mann, Jesus, gegeben hatte. Gegen allerlei Widerstände fand sie am Ende den Ort ihre Berufung, die Wüste, in der sie fortan mit Jesus lebte: eine Zelle im Kamaldulenserinnen-
kloster »Antonius des Großen« in Rom, wo sie geschieden von allen anderen Schwestern in strenger Isolation lebte. Nach ihrem Verständnis war sie damit Jesus in die Wüste gefolgt. Und dort blieb sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1990, 45 Jahre lang. Der zu der sterbenden Eremitin gerufene Arzt entdeckte auf dem Hals und im Brustbereich blaue und braune Flecken, hervorgerufen durch das Tragen eines Ciliciums, gewoben aus Ziegenhaar, in das kleine Eisenspitzen eingearbeitet worden waren. Auf der Brust trug sie ein kleines Holzkreuz mit Nägeln, dessen Spitzen sich in die Haut der Frau bohrten. Werkzeuge der Buße und Abtötung.

Daran hatte auch der Autor, der Mönch Thomas Matus, schwer zu kauen. Er erklärte sich (und uns, den Lesern) dies so, dass es damit Julia - Schwester Maria Nazarena von Jesus - nicht um die Abtötung des Leibes, sondern um ein Mittel zur Konzentration des Geistes, der Förderung eremitscher Spiritualität, gegangen war. Nochmals: nahezu alle Zeigenossen hielten diese Frau wohl für verrückt, krank, einen Fall für den Psychiater.

In den vergangenen Tagen war ich öfter oben im franziskanischen Santuario della Verna, jenem Ort, wo - wie ich schon schrieb - Christus dem Heiligen Franziskus seine Wundmale in den Leib schlug. In der Basilika des Heiligtums werden einige Gegenstände ausgestellt, die auf den Heiligen zurückgehen, darunter auch, wie es auf einer kleinen Tafel heisst, ein Bußinstrument, das er zur Züchtigung seines Fleisches, des »Bruders Esel«, wie er seinen Leib nannte, benutzte. Franziskus, bei uns so oft und so gerne zum heiteren Naturfreund, Aussteiger und Vorläufer der Ökologiebewegung verklärt, es hat wohl nicht viele Heilige gegeben, die ein derart hartes Leben der Buße führten. Mitunter war Franziskus von seinen Bußübungen derart geschwächt, dass er von La Verna für einige Tage zur Erholung zur etwa 30 Kilometer entfernt gelegenen Eremo von Camaldoli ging, das Leben der Eremiten für einige Tage zur Erholung teilend. Und dennoch war dieser grimmige Büßer zugleich einer der heitersten Menschen der Kirchengeschichte, tanzte und sang für Jesus, strich mit einem Holzstock über einen anderen Holzstock, Jesus ein Lied aufspielend, das ausser ihm und dem Heiland kein anderer vernahm.

Ich sage nicht, dass ich Julia Crotta - Schwester Nazarena - und Franz von Assisi, ihren Drang zur Buße und Abtötung, nachvollziehen kann. Wie Fremdlinge, rauhe Brocken aus Urgestein, liegen sie störend in den bürgerlichen Vorgärten unseres eigenen Glaubens. Aber zu verurteilen was ich nicht verstehe, oder es mit einigen Vokabeln wie »Masochismus«, »ungesund« oder »krank« auszuradieren, das verweigere ich.

Montag, Juni 13, 2005

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