Freitag, Mai 27, 2005


Seit einiger Zeit schon fühle ich mich innerlich leer, irgendwie ausgedünnt und verschlissen, einer Verankerung nach innen dringend bedürftig. Tja, nun fahren Andrea und ich morgen um 6 Uhr früh mit dem Auto los, nach Italien, ins Casentino, ein Landstrich östlich von Florenz. Für 2 Wochen werden wir unweit von Bibbiena ein Haus beziehen. Von dort sind es nur wenige Kilometer nach La Verna, dem Ort, wo die Liebe Christi dem Heiligen Franziskus die Wundmale des gekreuzigten Heilands in den Leib schlug. Für 14 Tage habe ich nun das Privileg an diesem Ort täglich an der Feier der Eucharistie teilhaben zu dürfen. Etwa 20 Kilometer nördlich davon liegen das Kloster und die Einsiedelei von Camaldoli, neben den Kartäusern wohl der letzte Eremitenorden der katholischen Kirche. Auch dort werde ich zeitweilig Gast sein.

Eben noch packte ich einen ziemlich großen Stapel Bücher zusammen. Ein altes Leiden von mir: die Bücherkrankheit. Aber wie soll ich denn heute schon wissen, was ich morgen oder in den nächsten Tagen alles lesen will? Neben einigen Kunst- und Reiseführern sind es vorrangig, da ich ja nach innen horchen will, Bücher die dem Horchen dienlich sein sollen: das Münchener Neue Testament, dessen wortgetreue Übersetzung mir hoffentlich die herbe Schönheit Jesu näher bringen wird; dazu noch Romano Guardinis "Der Herr", Ratzingers "Gott und die Welt", Bergers "Jesus", Niggs "Große Heilige" und Johannes Paul II "Römisches Triptychon". Zwei luftige Ausnahmen liegt auch im Gepäck: SPQR - Kriminalabenteuer des ehrwürdigen Römers Decius Caecilius Metellus aus John Maddox Roberts Feder.

Einen Tag habe ich eingeplant, an dem ich die Nähe des Santuario Francescano verlasse. Da will ich, wenn nichts dazwischenkommt und Gott es mir ermöglicht, nach Rom fahren, ans Grab des Heiligen Vaters Johannes Paul II. Santo subito!

In 14 Tagen sprechen wir uns wieder! Allen, die mich hier derweilen besuchen, wünsche ich eine schöne Zeit!

Donnerstag, Mai 26, 2005

unhistorisch-unkritisch
Ein Musterbeispiel für eine misslungene Diskussion über die historisch-kritische Methode der Bibelinterpretation, gescheitert an der Ignoranz der von mir schon erwähnten Berufschristen. Und da einer abseits vom Fach - Ralf - es sich herausnahm Fragen zu stellen, Antworten heischte, wurde ihm gerade daraus, seinem Fragen und Drängen auf Antwort, ein Strick gedreht. Die Diskussion, sagt man, ermüdet; diese Art der Auseinandersetzung, sagt man, ermüdet; da klinkt man sich, sagt man, lieber aus der Diskussion aus. In Wahrheit sind das, kenne ich meinen Popper nur recht, geradezu klassische Beispiele einer Haltung, die sich nicht mit dem verträgt, worauf man meint, sich berufen zu dürfen: Wissenschaft. Die nämlich hat eine Unverträglichkeit wider die Immunisierung gegen Kritik. Dabei hätte Ralf durchaus prominente Unterstützung für seine Fragen anführen können, nämlich den Papst, der bei aller Würdigung der historisch-kritischen Bibelinterpretation doch durchaus kritisch an ihr Gemäuer klopft.

Die oben zitierte Diskussion, wenn man es denn überhaupt als solche bezeichnen will, ist eine gute Illustration der Gründe, die mich zum Rückzug aus solchen Diskussionen trieben. Zumal Glaube, denke ich, ohnehin weniger diskutiert, als vielmehr bezeugt werden will.

Fronleichnam
Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
traumhaft hasten sanfte Nonnen
unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
schaun des Todes reine Bilder,
großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.
...
Hoch im Blau sind Orgelklänge.
Georg Trakl (1887-1914): Die schöne Stadt

Fronleichnamsprozession in der Salzburger Altstadt. Man wird wohl weit ausblicken müssen, will man eine Stadt finden, die eine vergleichbare Kulisse für dieses Schauspiel vor den Augen Gottes und der Menschen zu bieten hat. Das Pflaster der Altstadt ist, weiss der Himmel, mit Menschenmassen vertraut. Nicht umsonst ist die Altstadt Weltkulturerbe, entsprechend ist auch der touristische Andrang an schönen Tagen. Heute allerdings drängte der "Himmel" die Touristen an den Rand. An diesem Tag wurde in der Salzburger Altstadt Christus unter dem Fronleichnamsbaldachin Vorfahrt gegeben. Was hat sich wohl die Gruppe japanischer Touristen gedacht, als der Baldachin, begleitet von Hunderten und Aberhunderten Menschen, an ihnen vorübergetragen wurde, begleitet von Bannern, von denen Heilige auf sie niederblickten, begleitet auch vom dröhnenden Erz der Glocken des Domes (Salzburg hat zwar nicht die größte Glocke, wohl aber das schwerste Geläut im deutschsprachigen Raum), verstärkt noch durch die Glocken der Franziskanerkirche und der Abtei St. Peter? Das muss ihnen nicht minder exotisch erschienen sein, wie mir die Zeremonien des Shintoismus. Dabei scheint das Staunen nicht länger mehr auf die Angehörigen gänzlich fremder Kulturen beschränkt; zumindest deuten dies die weit geöffneten Objektive der Camcorder und digitalen Fotoapparate jener Menschen an, die offensichtlich aus unserem Nachbarland stammen, und die sich von uns nur durch die scheinbar gemeinsame Sprache unterscheiden. Es war ihnen der Himmel eine Aufnahme wert, der Himmel und die Menschen, die lauthals auf den Straßen und Plätzen ihren Gott, Christus, anriefen. Pange lingua, Brot vom Himmel ...

Morgen ist nochmals Fronleichnam in Salzburg. Nach der Frühmesse in St. Peter wird Christus erneut unter dem Himmel getragen, diesmal durch den Bezirk des ältesten Klosters nördlich der Alpen.

Generalaudienz Benedict XVI vom 25.5.2005
Des Papstes gestrige Katechese (mp3) zu den Psalmen kreiste um den Psalm 116, wo der Beter im Vers 11 bestürzt ausruft: "Die Menschen lügen alle. Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?"

Bei den ersten Worten des Papstes musste ich unwillkürlich lächeln. "Die Inkohärenz des Menschen ...". Der Gebrauch eines einzigen Wortes - Inkohärenz - bezeugt, dass Benedict XVI aus dem intellektuellen Holze eines Joseph Ratzinger geschnitzt ist. Die Inkohärenz des Menschen, seine Schwäche, das Gebrochene seines Wirkens, das in scharfem Kontrast zu Gottes Treue und Wahrhaftigkeit steht. "In meiner Bestürzung sagte ich: Die Menschen lügen alle ...". Und dennoch, oder gerade deshalb, aus dieser Not geschöpft, der unverzichtbare Dank: Eucharistia.

Der Papst lässt übrigens ganz besonders alle Münchner und Haslacher grüßen. Das sei diesen hiermit ausgerichtet. ;-)

Dienstag, Mai 24, 2005

Was Jesus wirklich wollte
Heute abend hielt Klaus Berger einen Vortrag in Salzburg. Ausgangspunkt war natürlich sein neuestes Buch, Jesus, das während des Vortrags auf dem Tisch vor ihm lag. Es war kein Vortrag für ein wissenschaftliches Fachpublikum, so wie auch das Buch, das ich mir bei der Gelegenheit kaufte, soweit ich es nach schnellem Durchblättern und Querlesen beurteilen kann, sich nicht an theologische Insider wendet. Vielmehr erzählte er im lockeren Gesprächsstil von seiner Arbeit und seiner Sicht auf die Dinge, die in mancherlei Hinsicht durchaus ketzerisch ist; ketzerisch, weil sie die Bibel zwar nicht fundamentalistisch buchstabengetreu auslegt, aber sich doch auch nicht in den Chor jener einreihen will, die pausenlos vermeintlichen Ballast des Glaubens abwerfen wollen. Engel, meinte er, an die zu glauben sei in der heutigen Theologie praktisch verpönt, an Engel glaube nahezu kein Theologe mehr. Und da es also Engel in der modernen Theologie nicht gäbe, müssten entsprechend auch alle jene Berichte in der Bibel, insbesondere im Neuen Testament, in denen Engel aufträten, unwahr sein. Im besten Falle wären es Mythen oder Legenden. Der Engel des Herrn, der Maria die Botschaft brachte? Mythos, Legende, wie die ganze Geschichte. Die Engel im Grab des Herrn? Mythos, Legende, wie die ganze Geschichte. Die Engel bei Christi Himmelfahrt? Die Antwort auf die Frage kann man sich denken.

Nach der Logik dieser Exegese bleibt vom Glauben, ja, was eigentlich? Was bleibt davon noch übrig? Die Konsequenz dieser Entwicklung skizziert laut Berger das kürzlich erschienene Buch eines bekannten deutschen Religionspädagogen - Berger nannte den Namen, den ich aber mittlerweile bereits wieder vergaß. Das Buch will das Christentum erneuern. So nebenbei erklärt der Religionspädagoge, Jesus wäre weder der Messias gewesen, noch auferstanden. Was genau will er dann eigentlich noch erneuern?

Er sprach auch über die Liebe Christi, über Gott, der die Liebe ist. Gott ist die Liebe: so oft wird einem dieser Satz aus des Apostels Brief entgegengereicht, dass er (für mich) fast schon gänzlich seine schroffen Konturen verlor. Was ist denn das: Lieben? Gott liebt uns, liebt mich: was heisst das für mich? Berger sprach von Christi Liebe, die streng und fordernd ist. Und ist es nicht wirklich so, dass Liebe fordert? Wer könnte denn lieben und wiedergeliebt werden, und fühlte nicht den unwiderstehlichen Anreiz sich dem Geliebten zuliebe von seiner besten Seite zu zeigen? Wenn uns die Liebe anrührt und Widerhall in uns findet, wie könnten uns das nicht unerbittlich zum Handeln drängen? Als am 20. Jänner 1539 der BuchhändlerJoao Ciudad einer Predigt Johannes von Ávila lauschte, und nach dieser wie von Sinnen durch die Straßen von Granada lief, bitterlich weinend und klagend, Christus laut um Verzeihung anflehte, seine Bücher, die ihm das tägliche Brot waren, zerriss, sein gesamtes Hab und Gut verschenkte, da tötete die Liebe Christi Joao Ciudad, um Johannes von Gott zu gebären. So ist die Liebe Christi. Von dieser Liebe habe ich nur soviel verstanden, dass es die kleine Münze des ubiquitären Mantras "Gott ist die Liebe" nicht ist.

Theologie, Wissenschaft, historisch-kritischer Glaube
Welcher Zugang zur Bibel ist erlaubt? Welcher geboten? Sind nur mehr studierte Theologen in der Lage die Bibel richtig auszulegen? Im Diskussionsforum katholon scheinen einige diese Frage im Sinne der Religionslehrer, Pastoralassistenten und anderer studierter Berufschristen beantworten zu wollen: sie, die einige Semester Theologie absolvierten, sind die letztlich zuständige »Interpretationsmacht«, denen alle anderen Interpretationen nachzustehen haben. Und selbstverständlich ist die einzig richtige - weil wissenschaftliche (sagen sie, nicht ich) - Weise des Bibelverständnisses jene der historisch-kritische Methode. Nach meinem eigenen Wissenschaftsverständnis, zugegebenermaßen naturwissenschaftlich geschult, halte ich viel von dem, was historisch-kritisch daherkommt, eher für einen Ausfluss der gerade herrschenden Strömung der Zeit. Historisch ja, im Sinne einer Gebundenheit an die Denkmode des Tages. Aber wissenschaftlich kritisch? Das ziehe ich stark in Zweifel.

Theologie als Wissenschaft, wissenschaftlich kritisch betrieben, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis ohnehin ein Problem. Wissenschaft schließt von vorneherein Wunder vollständig aus. Für die Wissenschaft gibt es keine Wunder. Nach wissenschaftlichem Gesichtspunkt kann es Jesu Auferstehung nicht geben; nichts von dem, das die Routine und Zuverlässigkeit das Ablaufs unserer Welt in Frage stellt, der direkte Eingriff Gottes in das Räderwerk der Welt, ist in der Wissenschaft als Erklärung zulässig. Damit ist natürlich auch eine Theologie als Wissenschaft in Frage gestellt, die auf Wunder beharrt, nicht zuletzt auch Christi Auferstehung als Tatsache behauptet. Kein Wunder also, dass konsequenterweise nicht wenige Theologen die Auferstehung in den »Raum« eines geistigen Aha-Erlebnisses stellen, die Frage, ob Er tatsächlich auferstand, das Grab leer gewesen sei oder nicht, zu einem unwichtigen Detail unseres Glaubens erklären. Dann allerdings wird uns Gott wieder weit in die Ferne gerückt, der Materie entzogen, die er als Mensch betrat, und in der er in jeder Messe erneut gegenwärtig ist.

Der Zwiespalt zwischen heutigem Wissenschaftsverständnis und einer wissenschaftlich betriebenen Theologie drückt sich besonders deutlich im Zugang zur Bibel aus. Ich persönlich halte die Theologie nicht für eine Wissenschaft, zumindest nicht nach heutigem Verständnis derselben. Sie kann in bestimmten Teilen mit wissenschaftlichen Methoden betrieben werden, sich wissenschaftlicher Werkzeuge bedienen, sie kann aber nicht Wissenschaft sein, sofern sie nicht willens ist ihren innersten Gehalt preiszugeben. Und insofern ist auch das Herausstreichen der historisch-kritischen Methode als die einzig richtige und unerlässliche Methode des Bibelzugangs - weil »wissenschaftlich« - eine Denkmode unserer Zeit, die durchaus bedenklich ist und ihrerseits ernsthaft historisch-kritisch hinterfragt werden muss. Zudem oft genug die Methode mit der Erkenntnis verwechselt wird. Entsprechend hat sich auch Joseph Ratzinger in einem Interview mit der Tagespost geäussert.

Im Glauben geeint, in allem anderen frei | Gottesbewusstsein und Liturgie, Theologie und Ökumene: Zur Lage der Kirche in Deutschland Bilanz und Perspektive – Ein Gespräch mit dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger
DT vom 03.10.2003
...
Frage: Nochmals zur Lage des Glaubens: Sicherlich hat die moderne Bibelexegese viel zu der Verunsicherung unter den Gläubigen in den deutschsprachigen Ländern beigetragen. Viele Schriftkommentare interpretieren den Glauben der ersten Gemeinden, geben aber den Blick auf den historischen Jesus und seine Taten nicht mehr frei. Ist das Frucht einer soliden wissenschaftlichen Erkenntnis der Bibelwissenschaft? Haben wir zum Beispiel die Evangelien des Neuen Testaments über Jahrhunderte hinweg zu wörtlich genommen? Oder ist es doch angebracht, zu dem historischen Jesus wieder durchzustoßen?

Ratzinger: Auf jeden Fall. Das Problem der historisch-kritischen Exegese ist natürlich gewaltig. Seit über hundert Jahren erschüttert es die Kirche, und zwar nicht nur die katholische Kirche. Auch für die protestantischen Kirchen ist das ein großes Problem. Es ist ja sehr bezeichnend, dass sich im Protestantismus die fundamentalistischen Gemeinschaften gebildet haben, die diesen Auflösungstendenzen entgegentreten und den Glauben durch Ablehnung der historisch-kritischen Methode integral wieder erhalten wollten. Dass heute die fundamentalistischen Gemeinschaften wachsen, weltweit Erfolg haben, während die mainstream-churches in einer Überlebenskrise stehen, zeigt die Größe des Problems an.

In vieler Hinsicht haben wir Katholiken es da besser. Für die Protestanten, die nun den exegetischen Strom nicht annehmen wollten, blieb eigentlich nur der Rückzug, die Wörtlichkeit der Bibel zu kanonisieren, sie für unverhandelbar zu erklären. Die katholische Kirche hat sozusagen einen größeren Raum, insofern die lebendige Kirche der Raum des Glaubens ist, der einerseits Grenzen absteckt, der andererseits aber auch eine Variationsbreite zulässt. Eine globale einfache Verdammung der historisch-kritischen Exegese wäre ein Irrtum. Wir haben unglaublich viel von ihr gelernt. Die Bibel erscheint viel lebendiger, wenn man die Exegese mit all ihren Ergebnissen ansieht: das Wachsen der Bibel, ihr Weitergehen, ihre innere Einheit im Vorangehen und so weiter.

Also: Einerseits hat die moderne Exegese uns viel gegeben, aber sie wird dann zerstörerisch, wenn man sich einfach all ihren Hypothesen unterwirft und die vermeintliche Wissenschaftlichkeit zum einzigen Maßstab erhebt. Besonders verderblich hat gewirkt, dass man die gerade herrschenden Hypothesen unverdaut in die Katechese übernommen und als die Stimme der Wissenschaft angesehen hat. Das war der große Irrtum dieser letzten fünfzig Jahre, dass man jeweils die augenblicklich mit großer Gebärde auftretenden Exegesen mit »der Wissenschaft« identisch gesetzt hat und »die Wissenschaft« als die Autorität ansah, die nun allein gültig ist, während der Kirche keine Autorität mehr zukam. Dadurch sind Katechese und Verkündigung fragmentiert worden. Entweder hat man Traditionen nur noch mit halber Überzeugung weitergeführt, so dass jeder erkennen konnte, dass man letztlich doch eher daran zweifelt, oder man hat scheinbare Ergebnisse sofort als gesicherte Stimme der Wissenschaft ausgegeben. In Wirklichkeit aber ist die Geschichte der Exegese zugleich ein Friedhof von Hypothesen, die mehr den jeweiligen Zeitgeist als die wahre Stimme der Bibel repräsentieren. Wer zu schnell, zu eilfertig darauf baut und das für die reine Wissenschaft nimmt, der gerät in einen großen Schiffbruch und sucht sich vielleicht irgendeine Planke heraus – aber die kann auch schnell untergehen.

Wir müssen zu einem ausgewogeneren Bild kommen – das ist ein Ringen, das gerade jetzt wieder voll im Gange ist: Dass die historisch-kritische Exegese ein Strang der Auslegung ist, der wesentliche Erkenntnisse vermitteln kann und als solcher respektiert werden muss, der aber auch kritisiert werden muss. ... Was scheinbar nur Tatsachen spiegelt und die Stimme der Wissenschaft sein soll, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines bestimmten Weltbildes, demzufolge es zum Beispiel Auferstehung nicht geben oder Jesus so nicht geredet haben kann, oder was auch immer. Heute ist gerade unter jungen Exegeten eine Relativierung der historischen Exegese im Gang, wobei diese ihre Bedeutung behält, ihrerseits aber philosophische Voraussetzungen in sich trägt, die kritisiert werden müssen. Deswegen muss diese Art, sich des Sinnes der Bibel zu vergewissern, ergänzt werden durch andere Formen, vor allem durch die Kontinuität mit den Einsichten der großen Glaubenden, die auf einem ganz anderen Weg in den wirklichen, inneren Kern der Bibel vorgestoßen sind, während die scheinbare, aufklärerische Wissenschaft, die nur Tatsachen sucht, sehr an der Oberfläche geblieben ist und in den inneren Grund, der die ganze Bibel bewegt und zusammenhält, nicht vorstößt. Wir müssen wieder erkennen, dass der Glaube der Glaubenden eine echte Weise des Sehens und des Erkennens ist, und so zu einem größeren Zusammenhang kommen. Zweierlei ist wichtig: Skepsis gegenüber dem, was sich als »die Wissenschaft« ausgibt, und vor allem Vertrauen zum Glauben der Kirche, der die eigentliche Konstante ist und der uns den wirklichen Jesus zeigt. Immer noch ist der Jesus, den uns die vier Evangelien bieten, der wirkliche Jesus. Alles andere sind fragmentarische Konstruktionen, in denen sich der Geist der Zeit viel mehr spiegelt als die Ursprünge. Das haben jetzt auch exegetische Studien analysiert: Wie sehr die verschiedenen Jesusbilder nicht Ergebnisse der Wissenschaft sind, sondern Spiegelungen dessen, was ein bestimmter Mann oder eine bestimmte Zeit für das Wissenschaftsfähige hielt. ... - [Die Tagespost].

Freitag, Mai 20, 2005

Sprachlos?
Martin versucht sich am schwierigen Geschäft der Definition von Fachbegriffen des Christentums. Nach seiner Meinung leidet das Christentum am "Verlust der Sprachfähigkeit, also der Fähigkeit, sich in heutigen Worten verständlich zu machen", es hätte den heutigen Christen sozusagen die Sprache verschlagen. Dies ist zum einen sicherlich richtig, zum anderen sicherlich falsch.

In den darauf spezialisierten Buchhandlungen, etwa der Dombuchhandlung in Salzburg, reihen sich Hunderte Bücher aneinander, die sich mit diesen zentralen Begriffen auseinandersetzen, und noch mehr wären über die Verlage zu bestellen. So kann man von einer Sprachlosigkeit nicht wirklich sprechen, eher von einem Redeüberfluss. Auch ist es nicht so, dass die Inhalte schwer zu verstehen wären. In gewisser Weise ist das Christentum - rein intellektuell betrachtet - sogar ziemlich einfach "gestrickt". Alleine, das Problem ist, dass es, wie Kardinal Ratzinger an einer Stelle in Salz der Erde schreibt, eigentlich primär ein Weg ist, auf dem man gehen muss, um wirklich begreifen zu können. Christ sein kann man nicht in der Theorie, sondern nur in der Praxis. Und da beginnen die Probleme mit der schweren Verständlichkeit des Christentums. In der Praxis hieße dies, sich in gewisser Weise ins eigene Fleisch zu schneiden, wenn dieser Weg beschritten werden soll; und darauf ausschreiten muss ich, um Christ sein zu können. ... Oder sagen wir lieber: wenn ich damit beginnen will.

Ins eigene Fleisch schneiden: tut das nicht weh? Oh ja, das tut es. Es ist mitunter eine bittere Medizin. Warum also sie schlucken? Es erscheinen die Behinderungen und Begrenztheiten unserer Existenz derart gewöhnlich und üblich, derart von allen anderen geteilt, dass sie es sind, unsere Gebreste, die uns scheinbar nicht bitter sind. Bitter hingegen erscheinen uns jene Mittel, die uns kurieren. Lieber leiden wir an der Lepra unserer Existenz und werden allmählich - wie alle anderen um uns herum auch - von ihr zerfressen, als uns selber ins faule Fleisch zu schneiden, das Gesunde vom Kranken zu trennen.

Leidet unser Glaube also tatsächlich an einer Sprachlosigkeit? Sind seine zentralen Begriffe tatsächlich sprachlich so sperrig, inhaltlich so unsagbar schwierig, dass sie nahezu unvermittelbar sind? Die Begriffe gibt es, aber wie sie aussprechen? Schallt nicht dem, der sie ausspricht, laut und vernehmlich entgegen "die Rede ist hart, wer kann sie hören?". Vielleicht ist die Rede über die Rede derart zu klären, dass sich das Christentum domestizieren ließ von unserer Zeit (wie das noch jede Zeit wohl versuchte). "Eine Provokationsmacht" sei unser Glaube, schreibt Kardinal Ratziner, "Stachel und Widerspruch ... oder wie der heilige Paulus es ausdrückt: Skandalon - ein Stolperstein." Ach, das geht gegen unser Bedürfnis nach Harmonie, nach allgemeinem Wohlgelittensein in der Gesellschaft. So lange war die Kirche, das wohlerzogene Christentum, der Gesellschaft liebstes Kind. Und jetzt will sie vom Christentum nichts mehr wissen, stösst es von seiner Bettkante hinunter, wo es sich so gut schlummern ließ. Das tut weh. Wie groß ist da die Versuchung zu einem Seperatfrieden, irgend eine Form des Abkommens zwischen Glaube und nichtmehrglaubender Gesellschaft: "Sieh her, meine Nützlichkeit! Sieh her, die Diakonie! Die Hilfe in der Dritten Welt! Unsere Arbeit in den Pflege- und Altenheimen! Auch gute Schulen haben wir! Wir sind nützlich! Ihr braucht uns! Dürfen wir nicht doch noch - bitte! - auf der Bettkante schlummern?"

Ein anderer Punkt: im Salzburger Dommuseum werden kostbare liturgische Geräte verwahrt, darunter auch die Waschgarnituren der Erzbischöfe, Kannen und Becken, die sie in der Heiligen Messe für die rituelle Waschung der Hände nutzten. "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein." Das waren tatsächlich noch Kannen und Becken, die Liter um Liter Wasser zu fassen vermochten, und reichlich Wasser spendeten und wieder auffingen. Die Erzbischöfe, soviel ist klar, sind keine wahren Unschuldslämmer gewesen. Jeder im Dom, auch noch der letzte ganz hinten, konnte es sehen, konnte erkennen, worum es bei dieser Waschung ging. "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein."

Heute ist aus dem Waschbecken ein kleines Tablett geworden, aus der Kanne ein winziges Kännchen, aus dem einige Tropfen Wasser milde über die Hände träufeln. So wird ein Symbol minimiert. Das bleibt nicht ohne Folgen. Symbole, so klein geworden, verlieren tatsächlich an Sprache, zumindest an Ausdruckskraft und Lautstärke. Das ist aber nun seinerseits fast so etwas wie ein Symbol, ein Symbol für zurückgenommenen Glauben, der nur sachte aufzutreten wagt, der zwar das Richtige meint, darüber aber nur mehr sehr leise spricht. Spricht? Wohl eher flüstert. Darum sage ich: her mit den Kannen! Und her mit den großen Becken! Das Wasser literweise über die Hände gegossen! "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein." Auf dass der Glaube wieder lauter spreche. Eine leise Stimme trägt nicht weit.

Dienstag, Mai 17, 2005

Mai ist Mariens Monat
Cimabue: Thronende Maria mit Kind

P. Martin Gebhard OSB (1776-1836): Salve Regina (mp3).

SALVE, Regina, mater misericordiae: vita, dulcedo, et spes nostra, salve. Ad te clamamus exsules filii Hevae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Eia, ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Iesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria!

Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit: unser Leben, unsre Wonne und unsre Hoffnung, sei gegrüßt! Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas; zu Dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsre Fürsprecherin, wende Deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht Deines Leibes. O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.

Ein fast schon opernhaft anmutender musikalischer Gruß an die Gottesmutter von Pater Martin Gebhard, einem Benediktiner aus der ehemaligen Abtei Benediktbeuern, komponiert wohl um das Jahr 1800. Fast schon opernhaft? Sagen wir lieber: vollständig. Interessant.

Sonntag, Mai 15, 2005

Komm, o Geist der Heiligkeit!
Veni Sancte Spiritus | Komm, o Geist der Heiligkeit!
et emitte caelitus | Aus des Himmels Herrlichkeit
lucis tuae radium. | Sende Deines Lichtes Strahl.

Veni pater pauperum, | Vater aller Armen Du,
veni dator munerum, | Aller Herzen Licht und Ruh,
veni lumen cordium. | Komm mit Deiner Gaben Zahl!

Consolator optime, | Tröster in Verlassenheit,
dulcis hospes animae, | Labsal voll der Lieblichkeit,
dulce refrigerium. | Komm, o süßer Seelenfreund!

In labore requies, | In Ermüdung schenke Ruh,
in aestu temperies, | In der Glut hauch Kühlung zu,
in fletu solatium. | Tröste den, der Tränen weint.

O lux beatissima, | O Du Licht der Seligkeit,
reple cordis intima | Mach Dir unser Herz bereit,
tuorum fidelium. | Dring in unsre Seelen ein!

Sine tuo numine | Ohne Deinen Gnadenschein
nihil est in homine, | Steht der arme Mensch allein,
nihil est innoxium. | Kann nicht gut und sicher sein.

Lava, quod est sordidum, | Wasche, was beflecket ist,
riga, quod est aridum, | Heile, was verwundet ist,
sana, quod est saucium. | Tränke, was da dürre steht,

Flecte, quod est rigidum, | Beuge, was verhärtet ist,
fove, quod est frigidum, | Wärme, was erkaltet ist,
rege, quod est devium. | Lenke, was da irre geht!

Da tuis fidelibus | Heil'ger Geist, wir bitten Dich,
in te confidentibus | Gib uns allen gnädiglich
sacrum septenarium. | Deiner sieben Gaben Kraft!

Da virtutis meritum, | Gib Verdienst in dieser Zeit
da salutis exitum, | Und dereinst die Seligkeit
da perenne gaudium. | Nach vollbrachter Wanderschaft.
Amen. Alleluja.

Samstag, Mai 14, 2005

Santo Subito
Johannes Paul II"Ich habe noch eine sehr freudige Ankündigung zu machen", sagte Papst Benedict XVI während eines Treffens mit römischen Klerikern in seiner eigenen Bischofskirche, der Lateran-Basilika. Und verlas daraufhin einen lateinischen Text. Darin verkündete er den sofortigen Beginn des Prozesses zur Seligsprechung Johannes Paul II.

In Polen, das war nicht anders zu erwarten, ist man über diese Ankündigung hoch erfreut. Stellvertrend für viele andere Stimmen Franciszek Macharski, der heute dem Bistum Krakau vorsteht, jener Diözese, deren Hirt Karol Woytila einst gewesen war: "Was ich empfinde? Eine enorme Freude! Dieser Papst war für mich der Heilige Vater. Heilig eben! Dieser Papst, der uns allen so nahe war, war wahrhaft ein Geschenk Gottes an uns, in diesen schwierigen Zeiten. Seine Art zu leben, zu sprechen, mit uns zu sein und zu beten - er war so strahlend, er war ein lebendes Zeugnis."

Es erheben sich allerdings auch andere Stimmen, ironischerweise nicht selten aus jener Ecke, die Kirche und Vatikan recht gerne zu wenig und zu langsame Veränderung vorwirft. "Warum", klagen diese nun, "diese Hast?" Eine der Stimmen, von mir in diesem Diskussionsforum vernommen, mutmaßte, es würde das Verfahren nur deswegen so schnell in Gang gesetzt, weil "die" - wer immer »die« auch sein mögen - die also "wollen Ruhe im Karton haben! Je länger man darauf warten müsste, desto lauter würden die Rufe nach Seligsprechung beziehungsweise desto länger würde der verstorbene Papst dem neuen die »Show« stehlen. Also lieber schnell weg mit der Sache vom Tisch ... ".

Ein recht seltsamer Gedanke, der zudem impliziert, Benedict XVI hätte bei nunmehr schon einigen Gelegenheiten die Wahrheit, gelinde gesagt, sozusagen poetisch überhöht, romantisch gefärbt, oder, um es schlichter zu sagen: er hätte geheuchelt und gelogen. "Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vaters steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segne uns, Heiliger Vater." Derart urteilte anlässlich der Predigt beim Begräbnis seines lieben Freundes und Vorgängers Kardinal Ratzinger vor den Gläubigen. Eine Seligsprechung ist ja nichts anderes als die Bekundung der Überzeugung der Kirche, es wäre ein bestimmter Mensch auf Grund seines Glaubens, der sich bezeugt durch sein Leben, im Hause des Vaters. Kardinal Ratzinger hat diese persönlich Überzeugung öffentlich kundgetan. Der ganzen Kirche sagte er, wir könnten dessen sicher sein, der ganzen Kirche sagte er damit, wir könnten der Seligkeit des verstorbenen Heiligen Vaters Johannes Paul II sicher sein.

Warum also das Erstaunen, dass er nun die Kirche beauftragte diese von ihm öffentlich kundgetane Überzeugung formal zu prüfen, um sie dann nochmals, diesmal im Namen und Auftrag der gesamten Kirche, dem Volk Gottes zu bestätigen?

Jahre, meinen nun manche, gar viele Jahre würde es bis dahin noch dauern; fast als Trostspruch ist diese scheinbare Gewissheit formuliert. Ich hingegen versuche mich nun als Prophet: es wird, wenn Gott will, dieser Papst sein, dieses Pontifikat, das die Seligsprechung Johannes Paul II sehen wird. Und noch eine zweite Prophezeiung knüpfe ich an: es wird, wenn Gott es so will, dieser Papst sein, Benedict XVI, der seinen Freund und Vorgänger Johannes Paul II, den Menschen Karol Woytila, heilig spricht. Ich biete darob eine Wette an. Wer hält dagegen?

Freitag, Mai 13, 2005

Dein Packesel bin ich geworden
In Aus meinem Leben, auf den letzten Seiten dieses schmalen Bandes, schreibt Kardinal Ratzinger über die Inhalte des Wappens, das er sich als Münchener Erzbischof erwählte. Der gekrönte Mohr ist schon seit etwa tausend Jahren darin enthalten. Dem fügte er eine Muschel und einen lastenschleppenden Bären hinzu.

Die Muschel, schreibt er, ist einerseits Zeichen unserer Pilgerschaft - Denn wir haben hie keine bleibende Statt, nur Gast sind wir auf dieser Erde, nur das Gastrecht ist unser, nicht aber das Recht zu bleiben - andererseits aber auch ein Verweis auf eine Legende, die sich um den Heiligen Augustinus rankt. Dieser grübelte eines Tages über das Geheimnis der Trinität und wollte schier verzweifeln, dass sein Verstand nicht fähig war, dieses Geheimnis zu begreifen. Da begegnete er am Strand, auf dem er sich gedankenverloren erging, einem kleinen Knaben, der mit einer Muschel Wasser aus dem Meer in eine kleine Grube schöpfte. Als er den Knaben fragte, was er da mache, sagte ihm dieser, er wolle mit der Muschel das Meer in die kleine Grube schöpfen. Da lachte der Heilige und verstand: so wenig die Grube das Wasser des Meeres zu fassen vermag, so ungeeignet die Muschel als Schöpfinstrument für dieses Vorhaben ist, so wenig vermag der Mensch die Geheimnisse Gottes zu erfassen, so ungeeignet ist sein Verstand zu solchem Werk.

Der Bär mit der Last auf dem Rücken ist einer Legende entnommen, die über den Heiligen Korbinian, den Gründer der Freisinger Diözese, erzählt wird. Auf einer Reise nach Rom zerfleischte ein Bär das Pferd des Heiligen. Da habe der unerschrockene Korbinian diesem zur Strafe für seine Tat die Last auf den Rücken gebunden. Nun musste der Bär des Heiligen Gepäck nach Rom tragen. In Rom entließ der Heilige das Tier, das schleunigst das Weite suchte; vielleicht, dass es zurück ins heimatliche Bayern lief, um dort, fernab des Heiligen sein Leben friedlich zu beschließen?

Diese Geschichte des wider Willen lastenschleppenden Bären erinnerte den Theologen Joseph Ratzinger an eine Meditation des Heiligen Augustinus über die Verse 22 und 23 des Psalms 73 (72): "Ich war töricht und ohne Verstand, war wie ein Stück Vieh vor Dir. Ich aber bleibe immer bei dir, Du hältst mich an meiner Rechten." ... war wie ein Stück Vieh vor Dir ... Augustinus schrieb über das Vieh des Bauern, dass diesem auch zur Verrichtung der Arbeit diente, vor allem die Zug- und Lasttiere. Als ein solches Zugtier empfand sich der Heilige. Das Leben eines Gelehrten hatte er ursprünglich für sich gewählt, und sah sich nun plötzlich vor einen Karren gespannt, um Gottes Werk durch diese Welt zu tragen und ziehen. Das mag ihm mitunter recht hart und bitter angekommen sein. In seiner Meditation aber findet der Heilige Trost in dem Gedanken, dass das Zugtier dem Bauern besonders nahe ist, ihm dieses Stück Vieh besonders lieb und wert ist, das ihm zur Arbeit dient. Und so ist dem Herren der Welt ein Augustinus, der sich schweisstriefend vor dem Karren müht, lieber als einer, der ruhig und sauber im Turm der Gelehrten verharrt.

"Der bepackte Bär, der dem heiligen Korbinian das Pferd oder wohl eher den Maulesel ersetzte, sein Maulesel wurde – gegen seinen Willen, war er so und ist er nicht ein Bild dessen, was ich soll und was ich bin? »Ein Packesel bin ich für Dich geworden, und gerade so bin ich ganz und immer bei Dir.« ... Von Korbinian wird erzählt, dass er den Bären in Rom wieder in Freiheit entließ. ... Inzwischen habe ich mein Gepäck nach Rom getragen und wandere seit langem damit in den Straßen der Ewigen Stadt. Wann ich entlassen werde, weiss ich nicht"

Nun wissen wir alle, dass Gott ihn nicht entlassen wird für die gesamte Dauer seines Gastrechts auf Erden. Joseph Ratzinger wird nicht Korbinians Bären nach Bayern folgen können, wird nicht mehr heimkehren. Er wird in Rom bleiben und in Rom sterben. "Dein Packesel bin ich geworden, und so, gerade so bin ich bei Dir."

Donnerstag, Mai 12, 2005

Mai ist Mariens Monat
Sandro Botticelli: Magnificat (Ausschnitt)
Claudio Monteverdi (1567-1643): Vespro Della Beata Virgine, XI. Sonata sopra Sancta Maria ora pro nobis (mp3).

Mittwoch, Mai 11, 2005

was morsch ist, ist reif, dass es falle
"Europa, was ist das eigentlich?" Mit dieser Frage leitet Joseph Kadinal Ratzinger, heute als Benedict XVI Hirte der Kirche, seinen im November 2004 gehaltenen Vortrag "Gegen die Ideologie des Laizismus" ein. Und er fügt dieser Frage noch weitere Fragen hinzu: Wo endet Europa? Wo verläuft seine Grenze? Warum gehört Sibirien, das überwiegend von Europäern bewohnt wird, nicht zu Europa? Welche Inseln im Atlantik gehören warum, oder warum nicht, zu Europa? Aus der Formulierung dieser Fragen erwächst ihm die Antwort, dass Europa kein eindeutig geographischer, sondern vielmehr ein kultureller und historischer Begriff ist. Wer hätte gewusst, dass Herodot, der als erster Europa als geographischen Begriff nennt, von einem Europa spricht, das einfach den Raum ausserhalb des persischen Reiches umfasst, und zwar den vorwiegend griechischen Raum. Und dass daraus in der Antike ein Kontinent, ein Europa erwuchs, das die Länder rund um das Mittelmeer umfasste, Länder, die politisch, wirtschaftlich und kulturell aufeinander bezogen waren. Österreich, Deutschland, ganz Mittel- und Westeuropa, lagen zu dieser Zeit ausserhalb der Grenzen des Erdteils. Das Europa dieser Epoche umfasste Teile von Asien, Afrika und von dem, was wir heute als Europa bezeichnen. Erst die Eroberungen des Islam zerstückelten den Kontinent. Das Bewusstsein, dass damit etwas in zwei Teile zerbrochen worden war, das eigentlich eine Einheit gebildet hatte, blieb lange noch im kollektiven Gedächtnis des Restes von dem, was einst Europa gewesen, haften. Auch daraus, denke ich mir, erklären sich die wiederholten Versuche des verbliebenen Restes, der sich mittlerweile nach Norden und Westen bedeutend erweitert hatte, die Einheit mit den verlorengegangenen Teilen des Kontinents wiederherzustellen. Ich spreche von den Kreuzzügen, die heute, wie ich glaube, aus völlig falscher Perspektive betrachtet werden. Aber es ist ja das Unrecht einer jeden Zeit, den Altvorderen aus der Geschichte einen Strick zu drehen, die Sünden der Väter, die sich nicht mehr ändern lassen, zu verdammen, hingegen vor den eigenen Sünden und dem, was zu ändern wäre, die Augen zu schließen. Niemals, glaubt man manchen Zeitgenossen, war die Menschheit besser als heute, und niemals verstanden wir besser als heute, was Jesus wirklich wollte. Niemals gab es bessere Christen als uns ... spätestens hier führt der Gedanke ins Lächerliche.

Ratzinger spricht in dem Vortrag auch von den Pathologien, die die Religion befallen können. Auch das Christentum ist in den zweitausend Jahren, in denen wir nun schon der Wiederkunft des Herrn harren – Veni, Domine Iesu! -, mal mehr, mal weniger, in krankhafte Zustände verfallen. Heute, rühmen wir uns, gibt es solche Pathologien in der christlichen Religion nicht mehr (unsere modernen und aufgeklärten Mitbürger, Europäer wie wir, mögen das vielleicht anders sehen; man lausche nur einmal einer Diskussion über die katholische Sexualmoral in solchen Kreisen).

Wir rühmen uns also der Mäßigung, des gesunden Augenmaßes. Ich hingegen frage mich, ob nicht der Umstand, dass der katholische Glaube solche Pathologien nicht mehr hervorbringt, weniger eine Tugend, als vielmehr ein Zeichen der Kraftlosigkeit ist. Es ist vielleicht unser Glaube zu schwach, um noch ernsthaft erkranken zu können. Dann allerdings ist unsere Mäßigung und unser gesundes Augenmaß ein Zeichen von existenzbedrohender Schwäche. In solchen Fällen mag uns blühen, was einst Ödön von Horvath über seine Zeit sagte: was morsch ist, ist reif, dass es falle.

Da wäre ich wieder beim Holz angelangt, dem Ast, auf dem wir sitzen. Diesen Ast, man kann ihn Europa nennen, kein geographischer, sondern ein geistiger Raum. Auf seine Weise nicht ohne Ironie: das aufgeklärte Europa, das so von sich überzeugte, gescheite und weltzugewandte Europa, es ist gerade dabei sich selbst abzuschaffen; es beschloss, könnte man mit gutem Grund sagen, sich die Mühen der Fortpflanzung zu ersparen. Joseph Ratzinger spricht, um den Faden des Vortrags wieder aufzugreifen, von dem Selbsthass Europas, das für alles offen ist, für alles: nur nicht für seine eigene Geschichte, sein eigenes Herkommen: das ist Christus. "Europa braucht", führt er weiter aus, "um zu überleben, eine neue, gewiss kritische und demütige Annahme seiner Selbst ... wenn es überleben will". Besonders optimistisch schien er mir in dieser Sache allerdings nicht zu sein. Nun ja: wie sollte ich ihm das verdenken? Ich bin es ja auch nicht. Was morsch ist, ist es nicht reif, dass es falle?

Dienstag, Mai 10, 2005

Mai ist Mariens Monat

Robert Parsons (1530?-1572): Magnificat (mp3).

Magnificat anima mea Dominum, et exultavit spiritus meus in Deo salvatore meo, quia respexit humilitatem ancillae suae. Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes, quia fecit mihi magna, qui potens est, et sanctum nomen eius, et misericordia eius in progenies et progenies timentibus eum. Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordi sui; deposuit potentes de sede et exaltavit humiles; esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes. Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae, sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula.

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Sägen, kein Segen
Zur Mitte dieses Jahrhunderts, in dem wir leben, werden 60% der Italiener nicht mehr aus eigener Erfahrung wissen wie das ist: einen Bruder haben, eine Schwester, einen Onkel, eine Tante oder einen Cousin. Spanien wird zu diesem Zeitpunkt seiner Geschichte etwa ein Viertel seiner Einwohner eingebüsst haben. Und Deutschland? Zur Zeit hat das Land rund 82,5 Millionen Einwohner. Nach einer mittleren Variante der Vorausberechnung des deutschen Statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerungszahl bis 2050 auf etwa 75 Millionen Einwohner sinken, also auf das Niveau des Jahres 1963. Von diesen 75 Millionen Menschen sind allerdings die Hälfte fast 50 oder mehr Jahre alt, ein Drittel 60 oder darüber. Österreich wird vermutlich nicht weit hinter Deutschland hinterherhinken. Wird man dann in der Altenrepublik ... pardon: Alpenrepublik Kinder mehr zu schätzen wissen? Oder werden sich die Alten von den wenigen verbliebenen Kindern (zu unruhig, zu laut, zu anstrengend) eher gestört und belästigt fühlen?

Ein erster Einstieg in ein Thema, mit dem sich auch Kardinal Ratzinger in seinem Votrag "Gegen die Ideologie des Laizismus" auseinandersetzte. Preisfrage: was widerfährt jenen, die fleissig an dem Aste sägen, auf dem sie sitzen? In gar nicht so vielen Jahren werden wir alle die Antwort wissen. Oh, wird das eine Überraschung sein.

Sonntag, Mai 08, 2005

Gretchenfrage
Vor einigen Tagen wurde mir eine Gretchenfrage gestellt: "Nun sag, wie hast du's mit Karl Rahner?" Die Frage wurde schriftlich an mich herangetragen, im privaten Rahmen einer Mail; und ebenso privat war die Antwort, sie hing, könnte man sagen, nicht an der großen Glocke.

Ja, und wie halte ich es nun mit Karl Rahner? Ich gestehe, "Rahner-skeptisch" zu sein; nicht notwendigerweise wegen seiner Theologie, die von manchen recht heftig angefeindet wird, sondern wegen seiner Wissenschaftssprache als Theologe. Vor kurzem wurde in einem katholischen Diskussionsforum folgender Satz aus der Feder Rahners zitiert: "Ich möchte sagen, dass dort, wo der Mensch wirklich sich selber loslässt und den Nächsten in einer absoluten Selbstlosigkeit liebt, er schon wirklich an das schweigende, unsagbare Geheimnis Gottes geraten ist, und dass ein solcher Akt schon getragen ist von jener göttlichen Selbstmitteilung, die wir Gnade nennen und die dem Akt, den sie trägt, ihre Heilsbedeutung und Ewigkeitsbedeutung verleiht."

Die Bedeutung des Satzes ist eigentlich ziemlich simpel (wenngleich ich sie inhaltlich schon im Ansatz nicht teile; dass der Mensch fähig wäre in irgend etwas "absolut" zu sein, gar zu einer absolut selbstlosen Liebe, halte ich für unmöglich; wir leben im Zeitalter nach dem Sündenfall). Rahner formuliert also eine eigentlich recht einfache Aussage, aber die Sprache, in die er sie kleidet, entzieht die Aussage trotz der inhaltlichen Einfachheit dem spontanen Verständnis: ein Beispiel für eine hermetische Wissenschaftssprache, die sprachlich derart verklausuliert, dass selbst einfache Aussagen zu einer Art Weltgeheimnis und Weltformel aufgeblasen werden. Die Untugend einer hermetischen Wissenschaftssprache ist natürlich weder auf Rahner, noch auf die Theologie beschränkt, eher so etwas wie ein allgemeines Problem der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur. Dieser spezifischen Stil, den sich Rahner für seine theologischen Werke auserkor, hat mir deren Lektüre gründlich verleidet. Wer sich nicht klar und präzise auszudrücken versteht, ist mir die Mühe des Lesens nicht wert. Bei solcher sprachlicher Unklarheit, einer häufig ausgesprochen vagen Ausdrucksweise, die sich von Adjektiv zu Adjektiv schwingt, "schweigend und unsagbar", darf man sich nicht wundern, wenn Rahner eigener Exegeten bedarf, die dem gläubigen Rahnervolk nicht das Wort Gottes, sondern "was Rahner wirklich meinte" auslegen. Und ob nach dem Durchlauf durch diese Maschinerie der Ausdeutung noch Rahner drinnen ist, was sozusagen oben als Rahner hineinkommt, darf man in nicht wenigen Fällen mit gutem Grunde bezweifeln.

Samstag, Mai 07, 2005

Bewegte Tage
Reuters hat den »Vatican Channel« aus seinem Video Room ausquartiert, sicheres Kennzeichen, dass die Welt zur Normalität zurückkehrt ist, zu einer Normalität, in der die Kirche für die Medien eher Randthema ist denn Top-News. Wo Reuters nun die vielen Clips hortet, konnte ich nicht herausfinden. Als Ersatz dafür einige andere Clips aus dem Archiv des Vatican Television Centers, die uns in Bild und Ton die bewegten - und bewegenden - Tage nach dem Heimgang des Heiligen Vaters, Johannes Paul II, bis hin zu den ersten Tagen nach der Wahl Kardinal Ratzingers zu seinem Nachfolger schildern.

4. April 2005
Aufbahrung in der Sala Clementina - Windows Media | Real Media
Einsegnung - Windows Media | Real Media
Auf dem Petersplatz - Windows Media | Real Media
Überführung in den Dom - Windows Media | Real Media
Ein langer Abschied - Windows Media | Real Media
Pressekonferenz mit Navarro-Valls - Windows Media | Real Media

5. April 2005
Ein langer Abschied: 2. Tag - Windows Media | Real Media
Mons. Dzsiwisz vor dem Papst - Windows Media | Real Media

6. April 2005
Präsident Bush vor dem Papst - Windows Media | Real Media
Pressekonferenz mit Navarro-Valls - Windows Media | Real Media
Der Dalai Lama vor dem Papst - Windows Media | Real Media
Ein langer Abschied - 3. Tag - Windows Media | Real Media

8. April 2005
Requiem für den Heiligen Vater - Windows Media | Real Media

18. April 2005
Das Konklave beginnt - Windows Media | Real Media
Schwarzer Rauch - Windows Media | Real Media
Schwarzer Rauch - Windows Media | Real Media
Heilige Messe - Windows Media | Real Media

19. April 2005
Schwarzer Rauch - Windows Media | Real Media
Weisser Rauch - Windows Media | Real Media
Habemus Papam: Benedict XVI - Windows Media | Real Media

20. April 2005
Die erste Messe Benedict XVI - Windows Media | Real Media

22. April 2005
Audienz für die Kardinäle - Windows Media | Real Media

23. April 2005
Grußworte an die Journalisten - Windows Media

24. April 2005
Heilige Messe: Amtseinführung Bendict XVI - Windows Media
Homilie Benedict XVI - Windows Media | Real Media
Begrüßung der Staatsoberhäupter - Windows Media

Mittwoch, Mai 04, 2005

Soundblox: Hinzufügungen
Robert Parsons, The Latin Works: Iam Christus Astra Ascenderat; Credo quod redemptor meus vivit; Peccantem me quotidie; Libera me Domine; Magnificat; Domine quis habitabit; Retibue servo tuo; Ave Maria.
The English Works: Venite; Te Deum; Benedictus Es Dominus;, Credo; Magnificat; Nunc Dimittis; Te Deum; Deliver Me From Mine Enemies; Holy Lord God Almighty.
Concert Music and Songs: Music for Four Viols: In Nomine a 4 No. 1; In Nomine a 4 No. 2; Ut re me fa sol la; Music for Five Viols: De la Court; In Nomine a 5; A Songe of Mr. R. Parsons; Music for Six Viols: The Song Called Trumpets; Music for Seven Viols: In Nomine a 7 No. 1; In Nomine a 7 No. 2; Songs: Enforced by Love and Fear; Pandolpho Part 1: Pour down you powers divine; Part 2: No grief is like to mine; In youthly years; Abradad: "Alas you salt sea gods".

Mai ist Mariens Monat


Robert Parsons (1530?-1572): Ave Maria (mp3).

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus
et benedictus fructus ventris tui: JESUS.

Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.

Dienstag, Mai 03, 2005

Benedict über Benedict
"... Papst Gregor der Große, 604 gestorben, erzählt in seinen Dialogen von den letzten Lebenswochen des Heiligen Benedict. Der Ordensgründer hatte sich im oberen Stockwerk eines Turmes schlafen gelegt, zu dem von unten eine gerade Stiege hinaufführte. Er habe sich dann vor der Zeit des nächtlichen Gebetes erhoben, um Nachtwache zu halten. Er stand am Fenster und flehte zum allmächtigen Gott. Während er mitten in die dunkle Nacht hinausschaute, sah er plötzlich ein Licht, das sich von oben her ergoss, und alle Finsternis der Nacht vertrieb. Etwas ganz Wunderbares ereignete sich in dieser Schau, wie er später selbst erzählt. Die ganze Welt wurde ihm vor Augen geführt, wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt. Gegen diesen Bericht erhebt der Gesprächspartner Gregors Einspruch mit der selben Frage, wie sie sich auch dem heutigen Hörer aufdrängt. "Was Du gesagst hast, dass Benedict die ganze Welt in einem einzigen Sonnstrahl gesammelt vor Augen sehen durfte, das habe ich noch nie erlebt, und kann es mir auch nicht vorstellen. Wie könnte denn jemals ein Mensch die Welt als Ganzes schauen?" Der wesentliche Satz in der Antwort des Papstes lautet: "Wenn er die ganze Welt als Einheit vor sich sah, so wurde nicht Himmel und Erde eng, sondern die Seele des Schauenden weit." In dieser Darstellung sind alle Details bedeutsam: die Nacht, der Turm, die Stiege, das Obergemach, das Stehen, das Fenster. All das hat über die topographische und biographische Schilderung hinaus eine große symbolische Tiefe. Dieser Mensch ist in einem langen und mühsamen Weg, der in einer Höhle bei Subiaco begann, auf den Berg, und schließlich auf den Turm gestiegen. Sein Leben war ein inneres Aufsteigen, Stufe um Stufe auf der geraden Leiter. Er ist im Turm angelangt, und dann noch einmal im Obergemach, das von der Apostelgeschichte an als Symbol der Sammlung nach oben, des Heraussteigens aus der Welt des Werkens und des Machens gilt. Er steht am Fenster. Er hat den Ort des Ausblicks gesucht und gefunden, an dem die Mauer der Welt aufgeschlagen ist und der Blick ins Freie hinaus sich öffnet. Er steht. Das Stehen ist in der Mönchstradition Sinnbild des Menschen, der sich aus seiner Verkrümmung aufgerichtet hat, nicht mehr in sich verklemmt nur mehr zur Erde schauen kann, sondern die aufrechte Haltung und so den freien Blick nach oben wiedergewonnen hat. So wird er zu einem Sehenden. Nicht die Welt wird eng, sondern seine Seele weit, da er nicht mehr vom Einzelnen absorbiert ist, von den Bäumen, die den Wald nicht erkennen lassen, sondern den Blick auf's Ganze gewonnen hat. Besser: er kann das Ganze sehen, weil er aus der Höhe sieht. Und die kann er finden, weil er innerlich weit geworden ist. Die alte Tradition vom Menschen als Mikrokosmos, der die ganze Welt umspannt, mag nachklingen. Aber das wesentliche ist eben dies: der Mensch muss aufsteigen lernen. Er muss weit werden. Er muss am Fenster stehen. Er muss Ausschau halten. Und dann kann das Licht Gottes ihn anrühren. Er kann ihn erkennen und von Ihm her den wahren Überblick gewinnen. Die Fixierung auf die Erde darf nicht so ausschließlich werden, dass wir des Aufstiegs, der aufrechten Haltung unfähig werden. Die großen Menschen, die im geduldigen Aufsteigen und in den erlittenen Reinigungen ihres Lebens Sehende, und darum Wegweiser der Jahrhunderte geworden sind, gehen uns auch heute an. Sie zeigen uns, wie auch in der Nacht Licht zu finden ist und wie wir den aus den Abgründen menschlicher Existenz aufsteigenden Drohungen begegnen, und der Zukunft als Hoffende entgegen gehen können."

Glaube zwischen Vernunft und Gefühl. Am Beginn des Vortrags, im ersten Satz, erzählt Joseph Ratzinger von einem Gespräch, das Werner Heisenberg 1927 mit Wolfgang Pauli und Paul Dirac führte, ein Gespräch, in dem das, was sich einige Jahre später als Bestie in Deutschland gebar, Leibesfrucht der Religionsvergessenheit, vorausgeahnt wurde.

Sein Ende hingegen findet er nicht zufällig beim Heiligen Benedict von Nursia, ein Mann, der direkt an der Nahtstelle des Abbruchs einer ganzen Kultur stand. Er begleitet diesen Mann, der, ungeachtet des Zusammenbruchs um ihn herum, am Aufbau einer neuen Welt werkte, die Stiege hinauf in ein Obergemach, steht mit ihm aufrecht am Fenster, erzählt, wie dieser Mönch, der die Fleischtöpfe seiner Zeit verschmähte, statt dessen einen anderen, weniger komfortablen Weg wählte, ein Narr wohl nach dem Urteil der aufgeklärten Zeitgenossen seiner Epoche, nach jahrelangem beschwerlichen Aufstieg den Blick hinaus in die finstere Nacht richtet, eine Nacht, aus deren Dunkel sich unversehens ein Licht schälte, das Benedict in einem einzigen Augenblick die ganze Welt erfassen ließ. Am Ende findet die Vernunft ihr höchstes Ziel im Licht von oben. Glaube ist vernünftig, vernünftig über die Vernünftelei hinaus.

Wie mir der Papst vorlas
Zur Zeit fahre ich an den Montagen einer mehrstündigen Lehrveranstaltung wegen frühmorgens von Salzburg nach Eichstätt, spätnachmittags wieder zurück. Gestern nutzte ich die Fahrstrecke, beide Fahrrichtungen zusammengenommen über 500 Kilometer, gute 5 Stunden auf der Straße, um mir von niemand geringerem als dem Papst selbst vorlesen zu lassen. Nun ja, Benedict saß nicht als Beifahrer an meiner Seite, genau genommen war er nicht körperlich anwesend, alleine seine Stimme war es, die mich begleitete. Die schon erwähnten Audiokassetten, bezogen über Radio Vatikan, auf denen er in verschiedenen Vorträgen seine Gedankenwelt ausbreitete, schenkten ihn mir als Begleiter auf meine Fahrt.

Werte in Zeiten des Umbruchs, das Buch, mit dem ich mich gegenwärtig auseinandersetze, ein Kapitel daraus, nämlich das zweite, hat Kardinal Ratzinger unter dem Vortragstitel "Gegen die Ideologie des Laizismus" auf Band gesprochen. Eine ausserordentliche Ergänzung zum gedruckten Wort. Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich die Wahrnehmung eines Textes verändert, wenn die darin fixierten Gedanken nicht still gelesen, sondern vom Autor selbst laut ausgesprochen werden. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie meine eigenen Gedanken schnell bei diesem oder jenem gesprochen Satz hängen bleiben, ihn mit eigenen Überlegungen kommentieren und begleiten ... um dann plötzlich festzustellen, dass der Autor längst ganz andere Erwägungen erörtert. Zum Glück gibt es den Rücklauf. Und Benedict ist ja recht geduldig und findet nichts dabei, mir immer wieder von Neuem seine Gedanken anzuvertrauen. Nach einigen Stunden gemeinsam im Auto sind wir schon richtig dicke Freunde geworden ;-).