Freitag, April 29, 2005

Das Martyrium der Ute Ranke-Heinemann
Im Standard ein Interview mit Ute Ranke-Heinemann. Eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, nicht lesenswert. Ich hab's trotzdem getan, es ist ja heute ein recht trüber Tag bei uns, da neigt man - vielmehr: ich - zu wenig sinnvollen Taten. Eine Passage aus dem Interview will ich Euch, liebe Leser, vergönnen. Ich musste darüber ein klein wenig koboldhaft grinsen.

"... Immerhin habe ich mich gefreut, dass er in seiner Anfangsrede nicht das Universum der Jungfrau Maria dargebracht und als road map den Rosenkranz empfohlen hat - wie ich das 26 Jahre lang non-stop ertragen mußte. ..."

26 Jahre, das ganze wunderbare Pontifikat Johannes Paul II lang, was muss die arme Frau darunter gelitten haben, dass andere Leute in diesen Jahren den Rosenkranz beteten, am Ende gar noch mit den von Johannes Paul II eingeführten lichtreichen Geheimnissen. Ein wahres Martyrium.

"Erotik, Erotik für einen Papst?" | "... Zum Negativen kann sich nichts mehr ändern, denn unter Johannes Paul II. ist der Gipfel einer 2000-jährigen Frauenvertreibung und Sexualfeindlichkeit erreicht. Die Hirten haben sich zu Schlafzimmer kontrolleuren und Eheverkehrs polizisten entwickelt." ... - [Der Standard].

"Ist das wirklich der Ratzinger, über den wir immer geschimpft haben?"
Wortmeldung eines Zeitgenossen, der sich an Kardinal Ratzingers Werte in Zeiten des Umbruchs versucht, dem letzten Buch des Kardinals vor seiner Erwählung zum Nachfolger des Heiligen Petrus: "Ist das wirklich der Ratzinger, über den wir immer geschimpft haben?" Da der derart erstaunt fragende Leser offensichtlich von Ratzingers Gedankenwelt bislang keinen Begriff und keine Vorstellung hatte, auf welcher Basis, frage ich mich, glaubte er den mit Grund über den Kardinal schimpfen zu können? "Nix Hardliner... Ich war wohl auch einem Klischee aufgesessen" fügt der eifrige Leser achselzuckend hinzu. Manche haben sich wirklich ihre Klischees redlich verdient.

Donnerstag, April 28, 2005

Schadenfreude
"... In the immediate aftermath of the election of Benedict XVI, several readers wrote, not without a tinge of schadenfreude, ..."
Schadenfreude: sich darüber freuen, dass jemand anderer Schaden nimmt. Es gibt im Englischen keinen Begriff, der diese Freude in einem Wort auszudrücken vermag. Also wird nicht selten auf das deutsche Wort zurückgegriffen. Auch andere Sprachen haben kein einzelnes Wort für diese Art Freude herausgebildet, im Japanischen etwa wird Schadenfreude mit dem Satz »ein Gefühl der Freude haben gegenüber einem, der vom Unglück vefolgt wird« umschrieben. Das Gefühl der Schadenfreude ist sicherlich nicht alleine auf den deutschen Kulturkreis beschränkt. Ist aber der Umstand, dass es in unserer Sprache ein eigenes Wort dafür gibt, so zu deuten, es wäre dieses Gefühl hierzulande so häufig und verbreitet, dass dafür ein eigenes Wort nötig schien?

Das einleitende Zitat stammt übrigens aus John Allens letztem Word from Rome. Er schreibt darin über seine im Jahr 2002 formulierte Prognose, ein gewisser Kardinal Ratzinger würde nicht Papst werden, über die Schadenfreude, mit der ihn manche Leser an etwas erinnern, an das er sich vielleicht selber nicht mehr so recht erinnern will. Diesen letzten Satz habe ich - oh weh! - mit einer Prise Schadenfreude geschrieben.

Mittwoch, April 27, 2005

Plädoyer für die Schönheit
... Das Getroffensein vom Strahl der Schönheit, das den Menschen verwundet, ist das eigentliche Erkennen. Das Berührtwerden von der Wirklichkeit, von der persönlichen Gegenwart Christi selbst. Die Überwältigung durch die Schönheit Christi ist realere und tiefere Erkenntnis als blosse rationale Deduktion. Die Bedeutung theologischer Reflexion, genauen und sorgsamen theologischen Denkens, dürfen wir nicht gering schätzen. Es bleibt absolut notwendig. Aber darob die Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit als wahr Weise der Erkennens zu verachten oder abzuweisen, verarmt uns, und verödet Glaube wie Theologie. Diese Weise des Erkennens müssen wir wiederfinden, das ist eine dringliche Forderung unserer Stunde. ... Dies ist freilich nicht nur, und wohl nicht vor allem ein Problem der Theologie, sondern der Pastoral, die den Menschen wieder die Begegnung mit der Schönheit des Glaubens vermitteln muss. Die Argumente treffen so oft ins Leere, weil zuviel Argumentation gegensätzlicher Art in unserer Welt konkurriert, sodass sich dem Menschen unmittelbar der Gedanke aufdrängt, den die mittelalterlichen Theologen in die Form gefasst haben, die Vernunft habe eine wächserne Nase, das heisst, man könne sie, wenn man nur geschickt genug ist, nach den verschiedensten Richtungen herumdrehen. Alles ist so gescheit, so einleuchtend. Wem sollen wir vertrauen? Die Begegnung mit der Schönheit kann das Auftreffen des Pfeils werden, der die Seele verwundet, und sie damit hellsichtig macht, sodass sie nun, vom Erfahrenen her, Maßstäbe hat und jetzt auch die Argumente recht wägen kann. ... - [Kardinal Joseph Ratzinger: Die Betrachtung des Schönen].

Radio Vatikan bietet eine Reihe von Audiokassetten an, die von Benedict XVI - damals noch Kardinal Ratzinger - zu verschiedenen Gelegenheiten und über unterschiedliche Themen besprochen wurden. Der oben angeführte Text ist ein kurzer Auszug aus einer von ihm auf Kassette gesprochenen Betrachtung, die sich der Betrachtung des Schönen widmet. Ausser dieser Kassette ließ ich mir noch "Glaube zwischen Vernunft und Gefühl", "Gegen die Ideologie des Laizismus", "Das Geheimnis von Tod und Auferstehung" sowie "Die Versuchungen Jesu und das Ende des Jahrtausends" zusenden. Wer in Benedict nur den scharfsinnigen Denker, nicht aber den Liebhaber der Schönheit erkennt, hat die wächserne Nase der Vernunft in eine beliebige Richtung gedreht. Mein eigener zwanzigjähriger Irrweg fand über die Ästhetik, die Begegnung mit der Schönheit, das nicht erwartete, auch nicht geahnte oder erhoffte Ziel, den Glauben an Christus.

Reuters Video: Vatican Channel
Amy Welborn (eigentlich ihrem Gatten) verdanke ich den Hinweis auf den "Videoroom" von Reuters, der dem Vatikan einen eigenen Channel einräumt, der immerhin 110 verschiedene kurze Videos umfasst. Wer sich noch einmal in Wort und Bild an die Verkündigung einer großen Freude erfreuen will, dem «Habemus Papam!», hier wird er fündig. Einfach den Vatican-Channel auswählen (Load Channel) und bis zum gewünschten Video scrollen. Oder soll es die Ansprache des Papstes an seine deutschen Landsleute sein? Die Begegnung mit den Vertretern der anderen christlichen Kirchen? Nur zu: das Video wartet schon.

Montag, April 25, 2005

"Schon viele schreiben und sagen es: dieser Mann wird uns noch überraschen!"*
Wenn ich solches lese, beginne ich um ihn zu fürchten. Und für ihn zu beten. Die Erwartungen, sind sie nicht zu groß? Vor allem aber zu unterschiedlich, als dass sie durch einen Menschen - und sei er der Papst selbst - erfüllt werden könnten? In den ersten Stunden nach dem »Habemus Papam« schlug ihm aus dem benachbarten Deutschland, dem Land, aus dem er kam, nicht wenig öffentlich ausgesprochenes Mißtrauen entgegen. Dann begann diese Stimmung zu kippen, und Simsalabim!, der Mann, den man Stunden zuvor noch als »Großinquisitor aus Marktl am Inn« verspottete, den, wie manche mutmaßten, ultrakonservative Kreise quasi auf den Stuhl Petri gepusht hatten, wurde plötzlich als altersweiser großer Theologe und Kulturphilosoph gesehen. Und nun erwartet man sich von ihm, Benedict XVI, für jedes Leiden und jede Krankheit der Kirche Arznei. Und feiert ihn schon im voraus für die Heilung.

Was aber, wenn der Papst beginnt einen anderen Umgang mit der Liturgie anzumahnen? Bekanntlich ist er kein Freund von so manchem liturgischen Wildwuchs. Und was, wenn er nicht subito das gemeinsame Abendmahl einführt (was er nicht tun wird, weil er es nicht tun kann)? Wenn es das Frauenpriestertum weiterhin nicht geben wird? Der Zölibat bestehen bleibt? Schließlich das eine oder andere Papier aus Rom die Lande nördlich der Alpen erreicht? Wird sich dann wieder halb Deutschland vor Abscheu winden, wie es das bei ähnlichen Gelegenheiten unter dem Pontifikat seines Freundes Johannes Paul II fast schon rituell tat? Wird die Stimmung am Ende nicht noch einmal kippen? Je höher die Erwartungen hochgeschraubt werden, was Benedict nicht alles vollbringen kann und soll (nicht weniges davon unvereinbar mit dem Glauben der Kirche), desto größer die Gefahr eines Umschlagens der Begeisterung in ihr Gegenteil. Der Papst kann das Christentum nicht erfinden. Er kann es nur im Sinne seines Herrn verwalten. Unter der Last der Erwartungen, die von so vielen Seiten hier auf Erden auf seine schmächtigen Schultern gelegt werden, kann er vielleicht nur eines tun: im irdischen Sinne scheitern. Der Dienst des Hirten, das Amt des Fischers: Nachfolge Christi. Gott sei ihm gnädig. Beten wir für ihn.

*Nachtrag: den einleitenden Satz, der mir Ausgangspunkt für meine Überlegungen war, fand ich bei Ralf.

... Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, daß sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können. Da hat mich ein kleiner Brief sehr berührt, den mir ein Mitbruder aus dem Kardinalskollegium geschrieben hat. Er erinnerte mich daran, daß ich die Predigt beim Gottesdienst für Johannes Paul II. vom Evangelium her unter das Wort gestellt hatte, das der Herr am See von Genezareth zu Petrus gesagt hat: Folge mir nach! Ich hatte dargestellt, wie Karol Wojtyla immer wieder vom Herrn diesen Anruf erhielt und immer neu viel aufgeben und einfach sagen mußte: Ja, ich folge dir, auch wenn du mich führst, wohin ich nicht wollte. Der Mitbruder schrieb mir: Wenn der Herr nun zu Dir sagen sollte »Folge mir«, dann erinnere Dich, was Du gepredigt hast. Verweigere Dich nicht! Sei gehorsam, wie Du es vom großen heimgegangenen Papst gesagt hast. Das fiel mir ins Herz. Bequem sind die Wege des Herrn nicht, aber wir sind ja auch nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen. So blieb mir am Ende nichts als Ja zu sagen. ... Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn ich Fehler mache wie jeder Mensch oder wenn manches unverständlich bleibt, was der Papst von seinem Gewissen und vom Gewissen der Kirche her sagen und tun muß. ... - [Ansprache des Papstes Benedict XVI an seine Landsleute].

Zum dritten Mal fragte er ihn: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe." Jesus sagte zu ihm: "Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist hingegangen, wohin du wolltest. Bist du aber alt geworden, so wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst." Mit diesen Worten wollte er andeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen sollte. Darauf sagte er zu ihm: "Folge mir nach!" - (Joh 21,17-19).

Sonntag, April 24, 2005

"alles relativ" oder "jedem seine Wahrheit"
In wieviele Länder Benedict XVI in den vergangenen Tagen wohl eingeladen wurde? Eines davon ist natürlich Österreich. Wenn er tatsächlich all diesen Rufen und Einladungen Folge leisten will, muss er vorhaben mindestens 100 Jahre alt zu werden. Die erste Reise ins Ausland soll ihn dem Vernehmen nach in die irdische Heimat seines Freundes und Vorgängers Karol Woytila führen. Dann kommt die Reise zum Weltjugendtag in Köln. Und schließlich soll er dem bayerischen Ministerpräsidenten gesagt haben, dass er bald ins heimatliche Bayern käme. In diesem Falle würde wohl auch ich seiner ansichtig, schließlich ist Bayern von hier quasi in Rufweite.

Und wieviele Wünsche und Programme für sein Pontifikat ihm bis zum heutigen Festtag - und sicherlich auch noch darüber hinaus - angetragen wurden? In dieser Angelegenheit nützte ihm allerdings selbst ein biblisches Alter nichts, Unvereinbares und Widersprüchliches lässt sich auch mit nochsoviel Zeit nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Ich selber habe eigentlich kein spezielles Programm, noch nicht einmal besondere Wünsche, die ich ihm vorschreiben möchte. Dass er Papst sein möge, Menschenfischer im Dienste des Herrn, erscheint mir Programm und Wunsch genug.

Zur Zeit lese ich gerade sein letztes Buch: Werte in Zeiten des Umbruchs. Unmittelbar vor seiner Aussetzung auf der obersten Felsenspitze des Amtes sprach und predigte Joseph Kardinal Ratzinger über das Übel des Relativismus. Wer wissen will, was ihn geistig umtreibt, welche Überlegungen ihn zur Auseinandersetzung wider diesen Übels anstacheln, der mag in diesem Buch nachschlagen. Insbesondere im 3. Kapitel skizziert er die Konsequenzen eines Denkens, dass das Absolute nicht mehr kennt, spricht von den seltsam abwegigen Blüten, die dieses Denken auch (oder gerade) in der Kirche und in der Theologie treibt.

"Ein älterer Kollege, dem die Not des Christseins in unserer Zeit auf der Seele lag, äusserte damals in einem Disput die Meinung, man müsse eigentlich Gott dankbar sein, dass er so vielen Menschen schenke, guten Gewissens ungläubig zu werden. Denn wenn ihnen die Augen aufgingen und sie gläubig würden, wären sie nicht imstande, in dieser unserer Welt die Last des Glaubens und seiner moralischen Verpflichtungen zu ertragen. Nun aber, da sie guten Gewissens einen anderen Weg gingen, könnten sie dennoch zum Heil gelangen. ..."

Im weiteren verneint der Kardinal entschieden eine solche Ansicht. Zum einen, führt er aus, hieße dies in aller Konsequenz gedacht, dass demnach "der Glaube eine kaum zu ertragende Last wäre, beinahe eine Art Strafe ... er würde danach das Heil nicht erleichtern, sondern erschweren. ... Das irrige Gewissen ... wäre dann die eigentliche Gnade, der normale Weg zum Heil. ...Der Mensch wäre besser im Dunkel zu Hause als im Licht; der Glaube nicht gutes Geschenk des guten Gottes, sondern eher ein Verhängnis. ... Wäre es dann nicht besser, andere damit zu verschonen oder gar sie davon abzuhalten? Vorstellungen dieser Art haben in den letzten Jahrzehnten zusehends die Bereichtschaft zur Evangelisierung gelähmt: Wer den Glauben als schwere Last, als moralische Zumutung sieht, mag andere nicht dazu einladen; er lässt sie besser in der vermeintlichen Freiheit ihres guten Gewissens. ...

Die geradezu traumatische Aversion vieler gegen das, was sie für "vorkonziliaren Katholizismus" halten, beruht meiner Überzeugung nach auf der Begegnung mit solchem nur noch Last gebliebenen Glauben. ...

Am erwähnten Argument hatte mich, wie schon gesagt, zunächst die Karikatur von Glaube erschreckt, die ich darin zu finden glaubte. In einem zweiten Überlegungsgang erschien mir aber auch der Gewissensbegriff falsch, der dabei vorausgesetzt wurde. Das irrige Gewissen schützt den Menschen vor den Zumutungen der Wahrheit und rettet ihn dadurch - so hatte ja das Argument gelautet. ... Was mir an diesem Gespräch nur am Rande bewusst geworden war, zeigte sich wenig später in greller Deutlichkeit bei einem Disput im Kollegenkreis ... Irgend jemand warf gegen diese These ein, wenn das allgemein gelten würde, dann wären ja auch die SS-Leute gerechtfertigt und im Himmel zu suchen, die in fanatischer Überzeugung und mit einer völligen Gewissenssicherheit ihre Untaten vollbracht hatten. Ein anderer antwortete darauf mit großer Selbstverständlichkeit, so sei es in der Tat. Es bestehe überhaupt kein Zweifel, dass Hitler und seine Mittäter zutiefst von ihrer Sache überzeugt, gar nicht anders handeln durften und daher - bei aller objektiver Schrecklichkeit ihres Tuns - subjektiv moralisch gehandelt hätten. Da sie nun einmal ihrem - wenn auch fehlgeleiteten - Gewissen folgten, müsse man ihr Handeln als für sie moralisch anerkennen und könne daher auch an ihrer ewigen Rettung nicht zweifeln.

Seit jenem Gespräch weiss ich mit aller Sicherheit, dass irgend etwas an der Theorie von der rechtfertigenden Kraft des subjektiven Gewissens nicht stimmt ... "

Zum anderen verweist er in seiner Argumentation wider die Rechtfertigung durch das subjektive "gute Gewissen" auf den Psalm 19, dessen 13. Vers sagt: Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von der Schuld, die mir nicht bewusst ist! Und er erinnert an den Zöllner und den Pharisäer im Tempel. Nicht, weil die Untaten des Zöllners objektiv weniger schwer wögen als jene des Pharisäers, oder geringer an Zahl gewesen wären, findet dieser Gehör und Vergebung vor Gott, sondern weil er sich seiner Schuld stellt, sich nicht seinem schlechten Gewissen entzieht. Der Pharisäer hingegen, mit all seinen objektiv tatsächlich geleisteten guten Taten, ist nicht gerecht vor Gott, da er eigene Schuld nicht mehr erkennt. Subjektiv ist er im Recht, völlig im Recht, ein Gerechter, mit sich im Reinen. "Aber dieses Schweigen des Gewissens macht ihn undurchdringlich für Gott und die Menschen, während der Schrei des Gewissens, der den Zöllner umtreibt, ihn der Wahrheit und der Liebe fähig macht."

Der Kardinal, nunmehr der Papst, glaubt an den Anspruch einer objektiven Wahrheit, die auch dann existiert, wenn Verstand und Gewissen dazu schweigen. Eine Wahrheit, die ebenso wenig demokratisch ist, wie es die Wahrheit der Naturgesetze ist. Die Schwerkraft, die Bindekraft der Atome, das Licht, sie existieren, unabhängig davon, was wir davon denken oder über sie beschließen. Und ebenso ist es mit der Wahrheit der Kirche, das ist das Licht Christi, und was es für uns Menschen bedeutet. Ach ja, nicht zuletzt, wirklich nicht zuletzt!, glaubt der Kardinal, der nun Papst ist, dass diese Wahrheit schön ist und eine Freude, und alles andere denn eine unzumutbare Last. Und ganz zuletzt gesagt: ich glaube das auch. Es ist eine Freude, zu glauben. Eine wirkliche Freude!

Donnerstag, April 21, 2005

verlässliche Freunde
In seinem Buch Auf, lasst uns gehen! benennt Johannes Paul II den Präfekten der Glaubenskonkregation als verlässlichen Freund. Er hatte seinen Joseph Ratzinger. Benedict XVI ist ein Karol Woytila zu wünschen.

Mittwoch, April 20, 2005

wie Benedict auf Benedict kam
Es wird ja nun vielerorts vielerlei gemutmaßt wie Papst Benedict XVI auf Benedict kam. War es eine Anspielung auf Giacomo della Chiesa, Benedict XV, der in schwieriger Zeit, während des ersten großen Menschenschlachtens in Europa, das Schifflein Petri durch die Zeitlichkeit führte? Oder stand Prospero Lambertini, Benedict XIV, Pate bei der Namenswahl? Oder, wie ich gestern schrieb, geht das neue Pontifikat unter dem Stern des Heiligen Benedikt von Nursia auf?

In einem Interview, das der amerikanische Kardinal Roger M. Mahony der Los Angeles Times gab, werden die Gründe genannt, die der Heilige Vater, einst bürgerlich Joseph Ratzinger genannt (nebenbei: hat der Papst eigentlich einen Reisepass? Und was steht da für ein Name verzeichnet? Joseph Ratzinger? Oder schlicht Benedict XVI?), für die Wahl des Namens Benedict den Kardinälen verriet. Der erste Grund, den er nannte, war die Anknüpfung an das Wirken seines Vorläufers, Benedict XV, die Verpflichtung zur Arbeit für Friede, Versöhnung und Eintracht in der ganzen Welt. Als zweiten Grund nannte er das Vorbild des Heiligen Benedikt von Nursia, Vater des abendländischen Mönchtums. "Jesus Christ is first and foremost. Everything else is secondary." Das waren nach dem Bericht Mahonys die Gründe, die der Papst den Kardinälen für die Namenswahl nannte.

Nicht unwesentliches Detail am Rande: am 1. April, einen Tag vor dem Heimgang Johannes Paul II, war Kardinal Ratzinger in der Benediktinerabtei Subiaco, der Wiege des Mönchtums der lateinischen Kirche und erste Gründung des Heiligen Benedikt. Ratzinger hielt dort ein Referat mit dem Titel L’Europa nella crisi delle culture (für jene, die des Italienischen mächtig sind). Nach Sandro Magister von chiesa ist das Referat gespickt mit scharfer Kritik am Kurs des Europas unserer Tage.

Today the transformations in civilization are no less epochal, in his [Anm.: Ratzingers] eyes. The culture that has established itself in Europe "constitutes the most radical possible contradiction, not only of Christianity, but also of the religious traditions of humanity," he argued on April 1 at Subiaco, at his last conference during the reign of John Paul II. And therefore the Church must react with all the courage it can muster, not conforming itself to the times, not falling to its knees before the world, but "bringing, with holy consternation, the gift of faith to all, the gift of friendship with Christ."

Mahony Says the World Soon Will See Pontiff's Pastoral Side | It was an odd pairing: Cardinal Joseph Ratzinger, the Vatican's watchdog of orthodoxy, sat down for breakfast Tuesday next to Cardinal Roger M. Mahony of Los Angeles, one of the most progressive U.S. prelates. Given their sometimes conflicting approaches, the two men might not have ended up next to each other had a protocol officer been present. But Mahony said in an interview that he came away from the encounter — and from two days of secret meetings in the Sistine Chapel — convinced that Ratzinger would show a far more pastoral side of himself as pope than he had in his years as enforcer of doctrine. ... - [Los Angeles Times].

Benedict XVI: The Pope and His Agenda | They called him a conservative. But Joseph Ratzinger revolutionized even the conclave which, on April 19, made him pope, Benedict XVI, "a humble laborer in the vineyard of the Lord." Never in the past century has the choice of a pontiff been spoken in a language so clear and sharp. And it came with a buildup which become more impressive as the hour of truth drew near. Until his last conference on the state of the world, which Ratzinger gave on the last day of the deceased pope’s life. Until, even more importantly, the last homily he proclaimed in Saint Peter’s at the mass "pro eligendo romano pontifice," a few hours before the closing of the doors of the Sistine Chapel. As a cardinal, Ratzinger put nothing "on sale" in order to be elected pope. The votes and consensus landed on him one after the other, month after month, scrutiny after scrutiny, attracted only by his agenda, hard as a diamond. ... - [chiesa].

Dienstag, April 19, 2005

Patron Europas
Überspitzt formuliert ist der Name, den sich ein ins Amt des Fischers Berufener wählt, so etwas wie sein Programm, das er in dieser Ultrakurzfassung am Beginn seines Pontifikats formuliert. Seltsamerweise scheinen die meisten Kommentatoren anzunehmen, es würde Benedict XVI an den XV gleichen Namens anknüpfen wollen. Ein Irrtum, wie ich meine. Ihm lag wohl ein anderer Benedict im Sinn. Dieser Mann, "entsetzt vom Leben in der Stadt, das von Verfall gekennzeichnet war - der Kaiserhof war bereits nach Konstantinopel umgezogen, kirchlich, politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch moralisch lag Rom darnieder" floh aus der Gesellschaft seiner Zeit, emigrierte auf radikale Weise aus ihr. Und wurde durch diesen Rückzug Wegbereiter eines neuen Europas. Ohne selbst Kinder zu zeugen, war er Vater zahlreicher Söhne und Töchter bis ins unsere Tage hinauf. Dieser Mann ist gemeint, auf diesen Mann, glaube ich, bezieht sich unser Heiliger Vater in Rom. Rom heisst heute Europa. Und Europa ist heute in vielleicht besonders dringlicher Weise auf seinen Patron angewiesen. Es ziehen Wolken auf.

[persönliche Notiz]
In den meisten Ländern der Erde wären die Menschen freudig bewegt, wäre einer der ihren für das Amt des Fischers ausersehen worden. Sie würden sich zu dieser Stunde nicht an Kleinigkeiten wie die Positionierung des Fischers, ob er nun am linken oder rechten Ufer des Meeres der Zeitlichkeit steht, stören. Deutschland ist anders. Habemus papam! Ein Deutscher ist es geworden. Und die seltsamen Menschen dieses exotischen Landes, wenn ich den Berichten in ihren Fernsehprogrammen trauen kann, wissen nicht recht, ob sie sich freuen oder nicht doch besser trauern sollten. Die Deutschen verstehe, wer kann und wer will. Ich nicht.

«Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus Papam!»

Ausgesetzt auf der Felsenspitze des Amtes.
Gott sei ihm gnädig.

Montag, April 18, 2005

Der Kamin (Video-Livestream).

Freitag, April 15, 2005

[persönliche Notiz]
Meine Wahrnehmung der katholischen Kirche nach den Erfahrungen in diversen mehr oder minder katholischen Internet-Diskussionsforen: verbissen, humorlos, regelfixiert. Da spielt's nicht wirklich eine Rolle, ob die Diskutanden aus dem eher "linken" oder "rechten" Lager kommen, in diesen Eigenschaften treffen sie sich. Begegnete mir die Kirche im realen Leben nicht anders, ich würde die Beine in die Hand nehmen und so schnell als möglich aus ihr flüchten.

Dienstag, April 12, 2005

Nach SEINEM Bilde
"Lasst uns den Menschen machen nach unsrem Bilde, uns ähnlich." Und Gott schuf den Menschen nach SEINEM Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn ...

Dies mit dem Blick auf Christus betrachten. Nicht weil der Mensch Mensch ist, wurde ER Mensch, sondern der Mensch wurde Mensch, weil ER es ist. Nach SEINEM Bilde wurde wir geschaffen. Ich bin IHM ähnlich, aber gleiche ich ihm? Wie weit ist es gekommen mit meiner Ähnlichkeit? Was genau habe ich daraus gemacht? Unangenehme Fragen.

Montag, April 11, 2005

en passant
Hoeren: ... Man kann doch heute nicht mehr nein zur Pille, nein zu den Kondomen und nein zur Abtreibung sagen. [warum kann "man" nicht?] In welche Schrullitäten hat er die deutschen Bischöfe gebracht, die hier versuchten einen gangbaren Weg anzubieten.

Ross: Die deutschen Bischöfe interessieren mich vergleichsweise wenig, [das kann ich lebhaft nachvollziehen] muss ich ehrlich sagen. ... Dieser Papst hat deutlich gemacht, dass die als starrsinnig verschriene Doktrin der katholischen Kirche in vielerlei Hinsicht die letzte ernsthafte Kapitalismuskritik ist. ...

Zulehner: Grundsätzlich war seine Logik, wer heute Modernisierung verlangt und die Befreiungstheologie ist ja in diesem Sinn nicht eine Modernisierung sondern eine Radikalisierung des Evangeliums gewesen auf Gerechtigkeit hin, aber wer eine liberale Modernisierung in Fragen der Sexualmoral, der Homosexualität, der Frauenfrage, der Mitbestimmung, der Demokratisierung der Kirche verlangt, da hat er den Verdacht, das kommt genau aus jenen Kirchengebieten, wo die Religion krank ist und man kann nicht dem Kranken jetzt dadurch helfen, dass der Kranke die Therapie vorschreibt. Und ich glaube, deswegen ist er auch ziemlich resistent gewesen gegenüber all den Vorschlägen, die aus Westeuropa gekommen sind. [Gott sei Dank! man stelle sich vor: die kranke Kirche des Westens verordnet der Weltkirche ihre Krankheit als Therapie] ...
Zulehners Zeitworte: Das Gewissen der Welt. Zum Tod von Johannes Paul II.

in den Klammern [...] eingeschobene Kommentare von, na, von wem wohl?

Konklave
Und hier zu Füßen dieser grandiosen Malerei der Sixtina
versammeln sich die Kardinäle -
die Gemeinschaft derer, die Verantwortung tragen für das Erbe der Schlüssel des Himmelreiches.
Genau hier versammeln sie sich.
Und immer wieder umfängt sie Michelangelo mit seiner Vision.
»In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir«

Wer ist ER?
Da streckt sich die Schöpferhand des Allmächtigen Alten dem Adam entgegen ...
Im Anfang schuf Gott ...
ER, der alles sieht ...

Die sixtinische Malerei spricht dann mit den Worten
des HERRN:
Tu es Petrus - so hörte es Simon, der Sohn des Jonas.
»Dir gebe ich die Schlüssel des Himmelreiches.«
Die Menschen, denen die Sorge um das Erbe der Schlüssel anvertraut wurde,
versammeln sich hier unter dem Eindruck der Malerei der Sixtina,
einer Vision, die Michelangelo uns hinterlassen hat -

So war es im August, uns so war es dann im Oktober des denkwürdigen Jahres zweier Konklaven,
und so wird es wiederum sein, wenn es erforderlich wird,
nach meinem Tode.
Es ist wichtig, dass die Vision des Michelangelo zu ihnen spricht.
»Con-clave«: gemeinsame Sorge um das Erbe der Schlüssel, der Schlüssel des Himmelreiches.
Und so sehen sie sich zwischen dem Anfang und dem Ende,
zwischen dem Tag der Erschaffung und dem Tag des Gerichts ...
Es ist dem Menschen bestimmt, ein einziges Mal zu sterben,
worauf dann das Gericht folgt!

Endgültige Transparenz und Licht.
Transparenz der Ereignisse -
Transparenz des Gewissens -
Es ist wichtig, dass Michelangelo beim Konklave den Menschen dies bewusst macht -
Vergesst nicht: Omnia nuda et aperta sunt ante oculos Eius.
DU, der DU alles durchschaust - zeige auf jenen!
Und ER wird auf ihn zeigen ...
Johannes Paul II, Römisches Triptychon, Meditationen über das Buch »Genesis« an der Schwelle zur Sixtinische Kapelle, Epilog.

Freitag, April 08, 2005

Diskreditierte Ökumene
Der EKD-Ratsvorsitzende hofft auch auf Fortschritte in der Frage des gemeinsamen Abendmahls. Bisher lehnt Rom dies ab, während die Protestanten die Katholiken dazu einladen. Dabei respektiere man ausdrücklich die Gewissensbindung der Katholiken an die Ordnung ihrer Kirche - "aber verschweigen können wir diese Einladung nicht", sagte Huber. "Ich setze Hoffnungen hierbei auch auf den neuen Papst, aber als evangelischer Christ möchte ich die katholischen Schwestern und Brüder dazu ermutigen, nicht alles nur vom Papst zu erwarten." Manchmal würden die Erwartungen so sehr auf eine Person konzentriert, "dass man gar nicht mehr fragt, was man selbst tun kann". Das Miteinander der Kirchen entscheide sich vor allem vor Ort, in den Gemeinden, im gemeinsamen Leben. "Und das wird auch ein wichtiges Element dafür sein, dass die Bischöfe und der künftige Papst sehen, wie dringlich eine Klärung der Frage eines gemeinsamen Abendmahls ist."

Mag sein, ich verstehe es falsch, vielleicht hat Huber es ganz anders gemeint, aber wie wäre denn diese Aussage des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland anders zu deuten, als ein Aufruf an die Katholiken sich gegen das Lehramt der katholischen Kirche zu stellen? Man kann eben nicht behaupten die Gewissensbindung der Katholiken an die katholische Lehre - nicht Kirchenordnung!, Herr Huber - zu respektieren, lüde aber dennoch ein. Wo liegt da der Respekt? Wo liegt der Respekt, wenn etwa die Katholiken bereits jetzt aufgefordert werden, wider den erst noch zu wählenden Papst zu handeln, auch ohne Einverständnis der katholischen Kirche gemeinsam mit den Protestanten Abendmahl zu feiern, um derart die Kirche auf einen solchen Kurs zu zwingen? Huber müsste doch wissen, dass Abendmahl und Eucharistie, das jeweilige Verständnis, in Glaube, Theologie und Praxis nicht deckungsgleich sind, und zwar weit über die Frage der Ämter hinaus. Meine erste emotionale Reaktion, die ersten Gedanken, als ich diese Äusserungen des Herrn Ratsvorsitzenden der EKD las: eine Unverschämtheit. So wird Ökumene diskreditiert.

Evangelischer Bischof Huber gegen Papst als "Sprecher der Weltchristenheit" | Ein künftiger Papst kann nach Ansicht des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, nicht "Sprecher der gesamten Weltchristenheit" werden. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa wandte sich Bischof Huber am Donnerstag gegen eine solche ökumenische Vision, die seit längerem in Kirchenkreisen kontrovers diskutiert wird. "Natürlich konkretisiert sich eine kirchliche Gemeinschaft auch in bestimmten Personen, die dann auch medial wahrgenommen werden", sagte Huber. "Aber warum die Gemeinschaft der Weltchristenheit mit ihren unterschiedlichen christlichen Traditionen sich in einem Sprecher konkretisieren soll, das hat man mir noch nicht plausibel gemacht. ... - [ORF Religion].

Fürwahr, so spricht der Geist
Der Wind bauschte nicht nur die Gewänder der Kardinäle, er blätterte auch Seite um Seite durch das aufgeschlagene Evangelium, das auf dem Sarg des Papstes lag. Am Ende wendete er das letzte Blatt, und schlug das Buch zu. Nicht länger ist es dem, der da liegt, Botschaft vom guten Gott, nicht länger an den gerichtet, der den guten Kampf kämpfte, den Lauf vollendete, den Glauben bewahrte, und endlich heimgehen durfte zum himmlischen Vater.

Das Begräbnis des Papst Johannes Paul II
Heute vormittag fand auf dem Petersplatz in Rom die Totenmesse für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. statt. "Steht auf, gehen wir!", so lautet der Titel des vorletzten Buches aus der Feder des Heiligen Vaters. Aus diesem Buch las Kardinal Ratzinger in seiner Predigt einige Abschnitte vor. "Steht auf, gehen wir!" Vor dem Altar der Sarg, in dem der Leichnam des Papstes ruht. Er aber stand auf und ging.

Auf dem Petersplatz brach das Volk am Ende der Messe in die lange Zeit wiederholten Rufe "Santo! Santo! Santo!" aus. Vox Populi, Vox Dei.

Auf ORF Religion eine Aufzeichnung des Requiems als Video-on-Demand (Windows Media Video).

Donnerstag, April 07, 2005

In manus Tuas, Domine
Ich danke allen. Ich bitte alle um Verzeihung. Ich bitte auch um Gebet, damit die Barmherzigkeit Gottes sich größer erweisen möge als meine Schwächen und Unwürdigkeiten. ... Ich hinterlasse keinen Besitz irgendwelcher Art, für den Anweisungen nötig wären. Was die Dinge des täglichen Gebrauchs betrifft, die mir gedient haben, bitte ich darum, sie zu verteilen, wie es angemessen erscheint. ... Auf der Schwelle des dritten Jahrtausends “in medio Ecclesiae” stehend, will ich noch einmal dem Heiligen Geist Dankbarkeit ausdrücken für das große Geschenk des Zweiten Vatikanischen Konzils , in dessen Schuld ich mich zusammen mit der ganzen Kirche - und vor allem dem ganzen Episkopat - fühle. Ich bin davon überzeugt, dass noch lange die neuen Generationen aus dem Reichtum schöpfen werden, die dieses Konzil des 20. Jahrhunderts uns angehäuft hat. Als 'Bischof, der am Konzilsereignis vom ersten bis zum letzten Tag teilgenommen hat, will ich dieses große Erbe allen anvertrauen, die jetzt und in Zukunft dazu gerufen sein werden, es umzusetzen. Ich für mein Teil danke dem ewigen Hirten, der mir erlaubt hat, dieser großen Sache in all diesen Jahren meines Pontifikates zu dienen. ... Allen möchte ich das eine sagen: “Gott vergelte es euch”
“In manus Tuas, Domine, commendo spiritum meum”
A.D.
17.III.2000

Das Testament des Heiligen Vaters Johannes Paul II

Abschied mit Pontifikalrequiem
Heute abend, 19:00 Uhr, feierliches Pontifikalrequiem im Dom zu Salzburg zum Gedenken von Johannes Paul II. Morgen, um 7:20, liest das Domkapitel ihm zum Gedächtnis einen Seelengottesdienst; ein weiterer Seelengottesdienst findet am Samstag abend, wieder um 19:00, statt.

Mittwoch, April 06, 2005

Zeit meines Lebens
2:00 Uhr morgens. Immer noch strömen die Menschen unablässig in langen Kolonnen über den Platz vor der mächtigen Fassade der Basilika des Heiligen Petrus, bis sie schließlich in diesen eintreten können, und weiter bis vor den aufgebahrten Leichnam des Heiligen Vaters gelangen, wo sie flüchtig verharren. Dann teilt sich der Strom in zwei abfließende Äste. Solche Bilder werde ich Zeit meines Lebens nicht mehr sehen.

Seit Stunden wird nun im Dom gebetet und gesungen. Zeit meines Lebens. So etwas werde ich nicht wieder sehen.

Dienstag, April 05, 2005

Abschied vom Heiligen Vater: Live-Übertragung aus dem Petersdom
Etwa eine halbe Million Menschen warten rund um den Petersdom und entlang der zuführenden Straßen bis zu 5 Stunden auf Einlass in die Basilika. Dabei beten sie den Rosenkranz, singen religiöse Lieder. Und warten. Am Leichnam des Papstes ziehen sie still vorüber. Es ist ein kurzer Abschied, da hinter jedem einzelnen Hundertausende warten, die ebenso vor den toten Papst hintreten wollen.

Wer dies nicht in eigener Person tun kann, mag über den Livestream (Windows Media Videostream) von ORF Religion, übertragen aus dem Petersdom, Abschied nehmen.

Ein seltsam berührendes Bild, die aufgebahrte Gestalt des Papstes, still, auf dieser Erde zur Ruhe gebracht; und davor der unablässige Menschenstrom, der sich vor ihm bricht. Ist es auch möglicherweise kein Teil des bewussten Wissens, so fühlen die Menschen doch, dass uns hier ein seltener Mensch verloren ging.

Als ich vor einigen Jahren, jenseits meines 40. Lebensjahres, eines dürren Agnostizismus satt und überdrüssig, in San Miniato al Monte und in Assisi nach 20 Jahren vollständiger Distanz zu jeder Gläubigkeit, wieder den ersten Hauch von Glaube zu schmecken bekam, da war es dieser Papst, der an der Spitze der Kirche stand. Vielleicht, weil ich aus der Einöde einer jahrelangen Gleichgültigkeit kam, konnte ich nicht Anstoß an ihm nehmen. Mir erscheint die Kirche nicht wie eine Menge von Leuten, die mehr oder minder an die gleichen Inhalte glauben, als vielmehr wie ein Schiff. Ein großes Schiff mit vielen Menschen an Bord, von denen man manche sieht, manche nicht, von denen man manche mag, manche nicht. Am Ruder des Schiffes ein Mann: der Kapitän, dieser Papst. Nach bestem Wissen und Gewissen hielt er das Ruder fest in Händen, hielt seinen Kurs. Und um ihn herum eine Vielzahl von Leuten mit zuckenden Händen, nur zu bereit ihm das Ruder aus den Händen zu winden, und mit zum Schrei geöffneten Mündern. "Nach rechts, nach RECHTS, Du halber Häret, Du unwürdiger Nachfolger des Heiligen Petrus", die einen. "Nach links, nach LINKS, du sturer und dummer polnischer Bauer", die anderen.

Die Kirche ist heute tief gespalten; nicht überall, aber in den westlichen Ländern, die ich als nachchristlich ansehe. Diese Spaltung aber schuf nicht der Papst, vielmehr fand er sie vor. Wo die einen nach "links" wollen und vehement einen "linken Kurs" fordern, wollen die anderen nach "rechts", und fordern ebenso vehement einen "rechten Kurs". Mir war Johannes Paul II einer, der für sein Leben wollte, worüber einer seiner wortgewalttätigsten Kritiker theoretisierte, nämlich Christ sein, tief in Christi Nachfolge stehen. Und so hielt er nach seinem Gewissen und seiner Überzeugung, von Gott an das Steuerruder des Schiffes der Kirche bestellt worden zu sein, Kurs auf jenen Stern zu, der ihm den rechten Weg durch das Meer der Zeit weist, das ist Christus.

Als ich am Sonntag morgen meinem ältesten Sohn über den Tod des Papstes berichtete, brach mir die Stimme, und stiegen mir Tränen in die Augen. Und dabei bin ich kein Mensch, der seine Emotionen leicht zeigt, bin eher verschlossen. Aber dieser Mann, Karol Woytila, war zutiefst, was ich gerne wäre: ein wahrer Jünger Christi, ein Heiliger, nicht nur dem Worte nach ein Heiliger Vater. Mir ging jemand sehr Wichtiger verloren, so habe ich jetzt Traurigkeit, auch wenn ich glaube, dass er nun im Haus des Vater ist, und dass sein Kurs ihn zur Liebe seines Lebens führte: Christus.

Auch ich nehme Abschied von Dir, Heiliger Vater, wie ich es seit letzten Sonntag wieder und wieder tue, nehme auf diese Weise Abschied, da ich nicht in Rom sein kann, und nicht vor Dir vorüberziehe.

Montag, April 04, 2005

Live-Übertragung aus dem Vatikan
Livestream (Windows Media Videostream) von ORF Religion aus dem Petersdom bis etwa gegen Mitternacht. Der Leichnam des Heiligen Vaters ist mittlerweile im Dom aufgebahrt. Nun strömt ein beständiger Fluss von Menschen langsam an ihm vorüber, um ein letztes Mal Abschied zu nehmen.

Sonntag, April 03, 2005

Wider die Beckmesser
So vieles wird nun über Johannes Paul II gesagt, auch und gerade im Fernsehen. Noch liegt er nicht unter der Erde, schon höre ich - gerade jetzt im Ersten Deutschen von Heiner Geissler und Hans Küng - dass er, gewiss, das eine oder andere so schlecht nicht machte, aber - und dieses "aber" sagen sie in Großbuchstaben - am Ende ja doch so besonders nicht gewesen sei. Küng hat mich nie sonderlich angesprochen, aber nunmehr erscheint er mir als rechter Kleingeist, der einfach nicht erträgt, ein gutes Wort über den Papst einfach einmal so stehen zu lassen, selbst nicht zu dieser Stunde. Wenn es im Christsein um die Praxis, den gelebten Glauben, und weniger um die mehr oder minder geistreiche theologische Theorie geht (was immer auch Küng darunter verstehen mag, Heiner Geissler mit seinen (überflüssigen) Wortspenden nicht zu vergessen), dann ist Küng wahrhaft ein Zwerg, und Karol Woytila ein Riese.

Die ganze Woche der Osteroktav wird im Monastischen Stundenbuch zur Vesper der Psalm 112 gebetet, und gestern, als ich ihn betete im Gedenken an den zu diesem Zeitpunkt um seinen Tod ringenden Papst, schien er mir wie eine Entgegnung auf die Beckmesser zu sein, die nunmehr aus allen Ecken und Enden - und noch bevor die Leich' kalt ist, wie man in Österreich sagt - ihre Stimmen zu einem Choral der Mißbilligung und Abschätzung erheben.

Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt
und sich herzlich freut an seinen Geboten.

Seine Nachkommen werden mächtig im Land,
das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet.

Wohlstand und Reichtum füllen sein Haus,
sein Heil hat Bestand für immer.

Den Redlichen erstrahlt im Finstern ein Licht:
der Gnädige, Barmherzige und Gerechte.

Wohl dem Mann, der gütig und zum Helfen bereit ist,
der das Seine ordnet, wie es recht ist.

Niemals gerät er ins Wanken;
ewig denkt man an den Gerechten.

Er fürchtet sich nicht vor Verleumdung;
sein Herz ist fest, er vertraut auf den Herrn.

Sein Herz ist getrost, er fürchtet sich nie;
denn bald wird er herabschauen auf seine Bedränger.

Reichlich gibt er den Armen,
sein Heil hat Bestand für immer;
er ist mächtig und hoch geehrt.

Voll Verdruss sieht es der Frevler,
er knirscht mit den Zähnen und geht zugrunde.
Zunichte werden die Wünsche der Frevler.

Nun ist es tatsächlich so, dass er von oben herabschaut auf seine Bedränger. In der Zukunft wird er, wie ich glaube, zur Ehre der Altäre erhoben. Um einen Küng oder Geissler weiss dann aber niemand mehr. Beim Christ sein geht es eben tatsächlich um's Christsein, getätigt durch das eigene Leben. Und das umfasst mehr als 678 Seiten zwischen zwei Buchdeckel.

Samstag, April 02, 2005


Unser Heiliger Vater, Papst Johannes Paul II, ist heute gegen halb 10 Uhr abends verstorben. Wir haben nun Traurigkeit, aber nicht wegen ihm. Er ist ja beim Herrn. Aber wir haben ihn verloren. Vielleicht werden wir jetzt erst, in den Tagen die kommen, ermessen, was wir an ihm hatten.

Und ich hörte eine Stimme vom Himmel her rufen: Schreibe! Selig sind die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke begleiten sie. - [Offb 14,13].

Freitag, April 01, 2005

Eben im Bayerischen Fernsehen gesehen und gehört: Johannes Paul II, Diener der Diener Gottes, ringt um sein Leben. Oder seinen Tod. Ob er nun bleiben muss oder gehen darf, er hat sein Tagewerk erfüllt, den Brunnen seines Lebens bis zur Neige ausgeschöpft.

Nunc dimittis servum tuum Domine | Nun lässt Du, Herr, Deinen Knecht
secundum verbum tuum in pace | wie Du gesagt hast, in Frieden scheiden