Abschied vom Heiligen Vater: Live-Übertragung aus dem PetersdomEtwa eine halbe Million Menschen warten rund um den Petersdom und entlang der zuführenden Straßen bis zu 5 Stunden auf Einlass in die Basilika. Dabei beten sie den Rosenkranz, singen religiöse Lieder. Und warten. Am Leichnam des Papstes ziehen sie still vorüber. Es ist ein kurzer Abschied, da hinter jedem einzelnen Hundertausende warten, die ebenso vor den toten Papst hintreten wollen.
Wer dies nicht in eigener Person tun kann, mag über den
Livestream (Windows Media Videostream) von
ORF Religion, übertragen aus dem Petersdom, Abschied nehmen.
Ein seltsam berührendes Bild, die aufgebahrte Gestalt des Papstes, still, auf dieser Erde zur Ruhe gebracht; und davor der unablässige Menschenstrom, der sich vor ihm bricht. Ist es auch möglicherweise kein Teil des bewussten Wissens, so fühlen die Menschen doch, dass uns hier ein seltener Mensch verloren ging.
Als ich vor einigen Jahren, jenseits meines 40. Lebensjahres, eines dürren Agnostizismus satt und überdrüssig, in San Miniato al Monte und in Assisi nach 20 Jahren vollständiger Distanz zu jeder Gläubigkeit, wieder den ersten Hauch von Glaube zu schmecken bekam, da war es dieser Papst, der an der Spitze der Kirche stand. Vielleicht, weil ich aus der Einöde einer jahrelangen Gleichgültigkeit kam, konnte ich nicht Anstoß an ihm nehmen. Mir erscheint die Kirche nicht wie eine Menge von Leuten, die mehr oder minder an die gleichen Inhalte glauben, als vielmehr wie ein Schiff. Ein großes Schiff mit vielen Menschen an Bord, von denen man manche sieht, manche nicht, von denen man manche mag, manche nicht. Am Ruder des Schiffes ein Mann: der Kapitän, dieser Papst. Nach bestem Wissen und Gewissen hielt er das Ruder fest in Händen, hielt seinen Kurs. Und um ihn herum eine Vielzahl von Leuten mit zuckenden Händen, nur zu bereit ihm das Ruder aus den Händen zu winden, und mit zum Schrei geöffneten Mündern.
"Nach rechts, nach RECHTS, Du halber Häret, Du unwürdiger Nachfolger des Heiligen Petrus", die einen.
"Nach links, nach LINKS, du sturer und dummer polnischer Bauer", die anderen.
Die Kirche ist heute tief gespalten; nicht überall, aber in den westlichen Ländern, die ich als nachchristlich ansehe. Diese Spaltung aber schuf nicht der Papst, vielmehr fand er sie vor. Wo die einen nach "links" wollen und vehement einen "linken Kurs" fordern, wollen die anderen nach "rechts", und fordern ebenso vehement einen "rechten Kurs". Mir war Johannes Paul II einer, der für sein Leben wollte, worüber einer seiner wortgewalttätigsten Kritiker theoretisierte, nämlich Christ sein, tief in Christi Nachfolge stehen. Und so hielt er nach seinem Gewissen und seiner Überzeugung, von Gott an das Steuerruder des Schiffes der Kirche bestellt worden zu sein, Kurs auf jenen Stern zu, der ihm den rechten Weg durch das Meer der Zeit weist, das ist Christus.
Als ich am Sonntag morgen meinem ältesten Sohn über den Tod des Papstes berichtete, brach mir die Stimme, und stiegen mir Tränen in die Augen. Und dabei bin ich kein Mensch, der seine Emotionen leicht zeigt, bin eher verschlossen. Aber dieser Mann, Karol Woytila, war zutiefst, was ich gerne wäre: ein wahrer Jünger Christi, ein Heiliger, nicht nur dem Worte nach ein Heiliger Vater. Mir ging jemand sehr Wichtiger verloren, so habe ich jetzt Traurigkeit, auch wenn ich glaube, dass er nun im Haus des Vater ist, und dass sein Kurs ihn zur Liebe seines Lebens führte: Christus.
Auch ich nehme Abschied von Dir, Heiliger Vater, wie ich es seit letzten Sonntag wieder und wieder tue, nehme auf diese Weise Abschied, da ich nicht in Rom sein kann, und nicht vor Dir vorüberziehe.