Wenn es nichts Göttliches gibt: ein gedankliches Experiment über das NatürlicheWenn es nichts Göttliches gibt, wie immer auch dieses Göttliche definiert sein mag, gibt es nichts ausser Natur: die Summe all dessen, was ist, was war, und was sein wird. Sie umfasst alles. Damit ist auch das scheinbar Unnatürliche natürlich, andernfalls es nicht wäre.
Der Stern in der Tiefe des Weltraums ist natürlich, der Wechsel von Tag und Nacht, der Tropfen Wasser, der zu Boden fällt, der Löwe auf der Jagd: alles natürlich. Natürlich ist der Fluss, der über seine Ufer tritt, das Feuer, das Häuser, Menschen und Tiere verzehrt, der Ebolavirus, der sich durch die Bevölkerung eines afrikanischen Dorfes frisst: alles natürlich. Natürlich ist auch der Mensch natürlich, was er ist, und was er tut. Einem Bettler Geld zu schenken, ist natürlich. Ihm aber aus einer Laune heraus den Schädel einzuschlagen, was wäre natürlicher als das? Nichts. Alles ist gleicherweise im gleichen Ausmaß natürlich, da es ist. Ausserhalb der Natur ist nichts, kann nichts sein.
Florence Nigthingale? Natürlich. Adolf Hitler? Natürlich. Wolfgang Amadeus Mozart? Natürlich. Josef Stalin? Natürlich. Der Holocaust war natürlich. Die Nürnberger Prozesse waren es auch. Es gibt keine Perversion. Nichts, das unnatürlich wäre. Der Kinderschänder ist nicht weniger natürlich, als es der grösste Heilige ist. Natur schliesst alles ein.
Ein wild tosender Gebirgsfluss wird wohl im allgemeinen als natürlich gelten. Die Fusion von Wasserstoff zu Helium im Inneren der Sonne ist es sicherlich auch. Natürlich sind die Biberbaue, die ich auf einer Kanureise entlang von Flüssen im Bereich des Lake Temagami in Kanada sah. Termitenbauten in der Savanne, sind sie natürlich? Diese Frage werden die meisten bejahen.
Die Probleme beginnen, sobald der Mensch ins Spiel kommt. Ist der Mensch natürlich? Den Indianern im tiefsten Amazonasdschungel billigen wir noch den Status der Natürlichkeit zu: sie sind ein Naturvolk. Ab wann hört der Mensch auf natürlich zu sein? Mit der Erfindung des Ziegels? Einem aus Stahl und Beton erbauten Haus?
Natur verstanden als Summe all' dessen, was ist: Galaxien und Sterne, Planeten und Kometen, Löwen und Tiger, Frösche und Menschen. Ich selber vertrete in diesem Experiment die Ansicht, dass, wenn es keinen Gott gibt, der Mensch mit allem, was er zu leisten imstande ist, natürlich ist, da ausser der Natur - schliesst man Gott aus - nichts existiert. Und dennoch abstrahieren wir die Natur von uns, sie wird zu einem Gegenüber, einem Gegenstand, den wir gebrauchen, oder etwas Persönliches, das wir entweder verehren oder fürchten. Aber ohne Gott ist selbstverständlich auch der Mensch vollkommen und für immer Teil von dem was ist, somit Teil der Natur. Der Mensch ohne Gott kann sich nicht ins Göttliche heben, weil es in diesem Gedankenexperiment - es gibt keinen Gott - nichts Göttliches gibt. Alles, wirklich alles, selbst noch die größte Scheußlichkeit, selbst noch das abscheulichste Verbrechen, ist natürlich, auch das, was wir im Sprachgebrauch als Widernatürlich bezeichnen. In der Natur als die Summe von allem was ist, kann es nichts widernatürliches geben. Indem es ist, ist es natürlich Natur.
So ist die Welt ohne Gott, natürlich. Und welche Früchte wird eine solche Welt naturgemäß gebären? Welche der Mensch, der nur die Natur als innere und äussere Grenze kennt?
Da sagte David zu Gad: "Ich habe große Angst. Ich will lieber dem Herrn in die Hände fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß. Den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen." (
1Chr 21,13).