Westerwelles moralische FehlleistungIn der Franziskanerkirche in Salzburg wurde die letzten beiden Sonntage, erster und zweiter Sonntag der Fastenzeit,
Erzbischof Alois Kothgassers diesjähriger Fastenhirtenbrief
Wähle das Leben! in leicht gekürzter Form verlesen. Der Brief an die Gläubigen ist sehr lange, ich glaube, so an die 15 Manuskriptseiten, daher auch die Aufteilung auf zwei Sonntage. Zur Zeit empört sich wieder halb Deutschland über den Papst,
Guido Westerwelle, der ja stets mit Begeisterung die jeweils aktuelle Welle der Volksmeinung reitet, brachte die öffentliche Empörung auf folgenden Punkt:
"Den Holocaust und Abtreibung in einen Zusammenhang zu stellen ist eine bestürzende moralische Fehlleistung. Wer wie die katholische Kirche Verhütung verdammt, hat kein Recht, Frauen in Not zu kriminalisieren."Von der Öffentlichkeit fast unbeachtet blieb hingegen der Fastenhirtenbrief unseres Erzbischofs. Was eigentlich verwunderlich ist, denn der Brief ist in manchen Passagen von ungewohnter Schärfe und Deutlichkeit. Nicht nur, dass darin wiederholt Abtreibung und Euthanasie als verabscheuungswürdige Verbrechen bezeichnet werden, wird in der Sache auch zur Absage und zum zivilen Ungehorsam und Widerstand gegen einen Staat und eine Gesellschaft aufgerufen, die Leben vernichtet, als wäre es nur eine chemische Reaktion, das hektische Zucken einiger Zellen, die ohne Gewissensbisse im nächsten Ausguss entsorgt werden können.
"... Abtreibung und Euthanasie sind also Verbrechen; diese für rechtmäßig zu erklären, kann sich kein menschliches Gesetz anmaßen. Gesetze dieser Art rufen nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen hervor, sondern erheben vielmehr die schwere und klare Verpflichtung, sich ihnen mit Hilfe des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen. Seit den Anfangszeiten der Kirche hat die Verkündigung der Apostel den Christen die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber der rechtmäßig eingesetzten staatlichen Autoritäten eingeschärft (vgl. Röm 13,1-7; 1 Petr 3,13-14), sie aber gleichzeitig entschlossen ermahnt, dass man »Gott mehr gehorchen muss als den Menschen« (Apg 5,29). ..."Westerwelle, auf Höhe der Schaumkrone der Empörung, wirft der Kirche vor, sie würde
"Frauen in Not kriminaliseren". Erzbischof Kothgasser hingegen erinnert in seinem Brief daran, dass keine Schuld ohne Vergebung bleibt, wenn nur die Schuld eingesehen und angenommen wird.
"... Als Christen wissen wir, dass selbst das Unrecht des Tötens durch Gott Vergebung finden kann. Vor Gott muss keine Frau mit ihren Ängsten, Selbstzweifeln und Schuldgefühlen allein bleiben. Vergebung und Versöhnung meinen jedoch etwas anderes als die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber dem geschehenen Unrecht. Vergebung ist nur möglich, wenn Schuld nicht heruntergespielt oder verdrängt, sondern eingesehen und angenommen wird. Wo dies geschieht, ist bereits der erste Schritt zur Vergebung und Versöhnung und damit zur Neuorientierung des Lebens getan.In diesem Zusammenhang gewinnt das Wort »Ich spreche dich« los im Namen und im Auftrag Jesu ein unerhörtes Gewicht. Papst Johannes Paul II. wendet sich an die Frauen, die sich in solcher Situation befinden, und bittet sie: »Die Wunde in eurem Herzen ist noch nicht vernarbt. Was geschehen ist, war und bleibt in der Tat zutiefst unrecht. Lasst euch jedoch nicht von Mutlosigkeit ergreifen und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit. Falls ihr es noch nicht getan habt, öffnet euch voll Demut und Vertrauen der Reue: Der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten. Ihr werdet merken, dass nichts verloren ist, und werdet auch euer Kind um Vergebung bitten können, das jetzt im Herrn lebt.« ..."Bei diesem Zitat des Papstes unterbrach der Priester seinen Vortrag des Briefs und meinte, noch nie hätte das Lehramt in so eindeutiger Weise darauf verwiesen, dass alle diese Kinder nicht an einen diffusen
limbus infantium verloren sind, vielmehr leben diese Kinder im Herrn. Das ist weitab der Verlorenheit von Schuld, fern jeglicher Kriminalisierung. Da ist Hoffnung. Aber ein Westerwelle, hoch oben auf der Woge schäumender Empörung - oder was immer er gerade für eine Welle hält - kann einen solchen Gedanken natürlich nicht begreifen. Dazu ist er zu seicht.