vielleicht der gebildetste Mann seiner Zeit
Scipio und Ralf haben seiner bereits gedacht. Die Rede ist von Hans Urs von Balthasar, dem großen Schweizer Theologen und Gelehrten, der vor rund 100 Jahren geboren worden war. 1988 vom Papst zum Kardinal der katholischen Kirche ernannt, war es ihm nicht vergönnt die ehrende Würde des Kardinalsbirettes aus dessen Hand entgegenzunehmen. Er starb zwei Tage zuvor. Henri de Lubac, selber einer der großen der Theologenzunft im 20. Jahrhundert, bezeichnete ihn 1975 als den "vielleicht ... gebildetsten Mann seiner Zeit". Auf jeden Fall aber war er jener Theologe der wie kein anderer die gedankliche Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen abseits der Kirche suchte und pflegte. Dazu mag ihn besonders prädestiniert haben, dass er vor seinem Studium der Theologie bereits ein Doktorat in Philosophie und Germanistik erworben hatte. Er war übrigens auch leidenschaftlicher Pianist, in der Musik nicht minder bewandert und zu Hause wie in der Literatur. Sein erstes Werk überhaupt (aus dem Jahr 1925) trägt den Titel "Die Entwicklung der musikalischen Idee", 1955 folge die kurze Schrift "Bekenntnis zu Mozart" (das wäre eigentlich eine Pflichtlektüre für mich). Was mich persönlich an von Balthasar besonders anspricht, ist seine Beschäftigung mit der Literatur, mit den geistigen Strömungen, die sie transportiert. Und es sind nicht ausschließlich, sogar nicht vorwiegend religiöse literarische Stimmen, sondern gerade solche abseits der Religion, im tiefen Unglauben zu Hause. Nietzsche vor allem, aber auch andere, zeitgenössische, etwa Bert Brecht. Bernanos und Reinhold Schneider hat er eigene umfangreiche Werke gewidmet, kürzere Abhandlungen über die beiden las ich in Spiritus Creator. In diesem Werk las ich auch seine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Brechts Dramen; vor allem seine Kommentare zu "Der gute Mensch von Sezuan" haben sich mir nachhaltig eingeprägt. Daraus resultiert auch unter anderem meine heutige Überzeugung, dass jegliche Erleichterung in Hinblick auf den Glauben - die "kleine Herabminderung der Vorschriften ... in Anbetracht der schlechten Zeiten" - unweigerlich dessen Erschwerung und Verunmöglichung nach sich zöge. Auf lange Sicht wird Glauben dadurch nicht einfacher, sondern schwerer, wenn nicht sogar unmöglich.
Interessant ist eine gegenwärtige Beobachtung aus der Dombuchhandlung in Salzburg. Im Regal das die Werke der bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts fasst, ist Karl Rahner mit etwa ein Dutzend Werke vertreten. Die aneinandergereihten Werke von Balthasars, das sind schon einige Meter Buch. Da drückt sich durchaus eine Wertung aus. Es gab Zeiten, da war es gerade umgekehrt.


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