Samstag, Juni 18, 2005

Marienleben
Eins zu eins, so war in etwa das Verhältnis. Heute abend gab die Chorgemeinschaft Maria vom Guten Rat aus München-Schwabing in Salzburg ein Konzert, verbunden mit einer Lesung von Rilkes Marienleben. Gerahmt wurden Musik und Lesung von der Architektur der Dreifaltigkeitskirche, dem erste Kirchenbau Fischer von Erlachs in Salzburg, der nicht zufällig an die Kirchen Borrominis in Rom erinnert. Wer also barocke Architektur nicht scheut, sollte sich ein wenig Zeit für einen kurzen Besuch in der Dreifaltigskeitkirche gönnen. Dieses Bauwerk also stellte den bezaubernden Klangraum für eine Aufführung, bei der der recht ungewöhnliche Fall eines Verhältnisses von eins zu eins - nämlich gleich viele Zuhörer wie Sänger - zu verzeichnen war; und dies trotz (oder gerade wegen?) freiem Eintritt! Beides, Konzert wie Lesung, war durchaus auf hohem Niveau, und hätte sich ein zahlreiches Publikum verdient. Allerdings war die Ankündigung des Konzertes derart verborgen, dass auch mich nur der zufällige Griff nach einem Flugblatt auf einem Ablagebord in der Dombuchhandlung seiner kundig werden ließ. Gegeben wurden Marienmotetten von Brahms, Arcadelt, Franck, Schubert, Fauré, Aichinger, Luzzi und Saint-Saëns.

Rilkes Text ist nicht nur ästhetische Reflexion der Gestalt Mariens, sondern hat durchaus auch theologische Tiefe, wie man etwa an dem Stück Von der Hochzeit zu Kana sieht.

...
Aber da bei jenem Hochzeitsfeste,
als es unversehns an Wein gebrach, -
sah sie hin und bat um eine Geste
und begriff nicht, dass er widersprach.

Und dann tat er's. Sie verstand es später,

wie sie ihn in seinen Weg gedrängt:
denn jetzt war er wirklich Wundertäter,
und das ganze Opfer war verhängt,

unaufhaltsam. Ja, es stand geschrieben.
Aber war es damals schon bereit?
Sie: sie hatte es herbeigetrieben
in der Blindheit ihrer Eitelkeit.

An dem Tisch voll Früchten und Gemüsen
freute sie sich mit und sah nicht ein,
dass das Wasser ihrer Tränendrüsen
Blut geworden war mit diesem Wein.
Rainer Maria Rilke (1875-1926): Das Marienleben - Von der Hochzeit zu Kana

Das ist schon eine recht eindrucksvolle Interpretation des Berichtes im 2. Kapitel des Evangeliums nach Johannes (Joh 2,1-12). "...wie sie ihn auf seinen Weg gedrängt ...": mit der Geburt setzte sie ihn auf seine Lebensbahn, mit der Hochzeit zu Kana auf die Bahn seines öffentlichen Wirkens. Und damit war, wie Rilke dichtet, bereits alles spätere vorweggenommen, das ganze Opfer verhängt, Golgotha als Ziel ins Auge gefasst, das Kreuz ferne am Horizont sichtbar: "das Wasser ... Blut geworden mit dem Wein". Auch wenn man dies, ihr Drängen, nicht mit Rilke als Eitelkeit auffassen mag, sondern als Wille zum Guten, so hat doch ihr guter Wille Schmerz zur Blüte getrieben, und Tränen und Blut als Früchte getragen; letztlich allerdings auch Erlösung. Ist es das, wohin wahrhaft guter Wille, zum Guten, zum Bösen, zu allerletzt mit Sicherheit führt: zu Schmerz, Tränen und Blut, und darüber hinaus zu Erlösung? Und ist das eine vergangene Sache, alleine Jesus, dem Sohn Mariens, zugehörig? Oder etwas, das auch mich heute berührt? Ist das der Schoß, der meine Erlösung gebiert?