Mittwoch, Mai 11, 2005

was morsch ist, ist reif, dass es falle
"Europa, was ist das eigentlich?" Mit dieser Frage leitet Joseph Kadinal Ratzinger, heute als Benedict XVI Hirte der Kirche, seinen im November 2004 gehaltenen Vortrag "Gegen die Ideologie des Laizismus" ein. Und er fügt dieser Frage noch weitere Fragen hinzu: Wo endet Europa? Wo verläuft seine Grenze? Warum gehört Sibirien, das überwiegend von Europäern bewohnt wird, nicht zu Europa? Welche Inseln im Atlantik gehören warum, oder warum nicht, zu Europa? Aus der Formulierung dieser Fragen erwächst ihm die Antwort, dass Europa kein eindeutig geographischer, sondern vielmehr ein kultureller und historischer Begriff ist. Wer hätte gewusst, dass Herodot, der als erster Europa als geographischen Begriff nennt, von einem Europa spricht, das einfach den Raum ausserhalb des persischen Reiches umfasst, und zwar den vorwiegend griechischen Raum. Und dass daraus in der Antike ein Kontinent, ein Europa erwuchs, das die Länder rund um das Mittelmeer umfasste, Länder, die politisch, wirtschaftlich und kulturell aufeinander bezogen waren. Österreich, Deutschland, ganz Mittel- und Westeuropa, lagen zu dieser Zeit ausserhalb der Grenzen des Erdteils. Das Europa dieser Epoche umfasste Teile von Asien, Afrika und von dem, was wir heute als Europa bezeichnen. Erst die Eroberungen des Islam zerstückelten den Kontinent. Das Bewusstsein, dass damit etwas in zwei Teile zerbrochen worden war, das eigentlich eine Einheit gebildet hatte, blieb lange noch im kollektiven Gedächtnis des Restes von dem, was einst Europa gewesen, haften. Auch daraus, denke ich mir, erklären sich die wiederholten Versuche des verbliebenen Restes, der sich mittlerweile nach Norden und Westen bedeutend erweitert hatte, die Einheit mit den verlorengegangenen Teilen des Kontinents wiederherzustellen. Ich spreche von den Kreuzzügen, die heute, wie ich glaube, aus völlig falscher Perspektive betrachtet werden. Aber es ist ja das Unrecht einer jeden Zeit, den Altvorderen aus der Geschichte einen Strick zu drehen, die Sünden der Väter, die sich nicht mehr ändern lassen, zu verdammen, hingegen vor den eigenen Sünden und dem, was zu ändern wäre, die Augen zu schließen. Niemals, glaubt man manchen Zeitgenossen, war die Menschheit besser als heute, und niemals verstanden wir besser als heute, was Jesus wirklich wollte. Niemals gab es bessere Christen als uns ... spätestens hier führt der Gedanke ins Lächerliche.

Ratzinger spricht in dem Vortrag auch von den Pathologien, die die Religion befallen können. Auch das Christentum ist in den zweitausend Jahren, in denen wir nun schon der Wiederkunft des Herrn harren – Veni, Domine Iesu! -, mal mehr, mal weniger, in krankhafte Zustände verfallen. Heute, rühmen wir uns, gibt es solche Pathologien in der christlichen Religion nicht mehr (unsere modernen und aufgeklärten Mitbürger, Europäer wie wir, mögen das vielleicht anders sehen; man lausche nur einmal einer Diskussion über die katholische Sexualmoral in solchen Kreisen).

Wir rühmen uns also der Mäßigung, des gesunden Augenmaßes. Ich hingegen frage mich, ob nicht der Umstand, dass der katholische Glaube solche Pathologien nicht mehr hervorbringt, weniger eine Tugend, als vielmehr ein Zeichen der Kraftlosigkeit ist. Es ist vielleicht unser Glaube zu schwach, um noch ernsthaft erkranken zu können. Dann allerdings ist unsere Mäßigung und unser gesundes Augenmaß ein Zeichen von existenzbedrohender Schwäche. In solchen Fällen mag uns blühen, was einst Ödön von Horvath über seine Zeit sagte: was morsch ist, ist reif, dass es falle.

Da wäre ich wieder beim Holz angelangt, dem Ast, auf dem wir sitzen. Diesen Ast, man kann ihn Europa nennen, kein geographischer, sondern ein geistiger Raum. Auf seine Weise nicht ohne Ironie: das aufgeklärte Europa, das so von sich überzeugte, gescheite und weltzugewandte Europa, es ist gerade dabei sich selbst abzuschaffen; es beschloss, könnte man mit gutem Grund sagen, sich die Mühen der Fortpflanzung zu ersparen. Joseph Ratzinger spricht, um den Faden des Vortrags wieder aufzugreifen, von dem Selbsthass Europas, das für alles offen ist, für alles: nur nicht für seine eigene Geschichte, sein eigenes Herkommen: das ist Christus. "Europa braucht", führt er weiter aus, "um zu überleben, eine neue, gewiss kritische und demütige Annahme seiner Selbst ... wenn es überleben will". Besonders optimistisch schien er mir in dieser Sache allerdings nicht zu sein. Nun ja: wie sollte ich ihm das verdenken? Ich bin es ja auch nicht. Was morsch ist, ist es nicht reif, dass es falle?

5 Comments:

At 6:07 PM, Anonymous Anonym said...

Europa ist Laodizea (vgl. Off.).

pax_et_bonum

 
At 9:50 PM, Blogger Erich said...

Ein interessanter Hinweis, Ralf.

"Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt. ... Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht."

 
At 8:40 PM, Anonymous Anonym said...

Der Vortrag, ich nehme an, daß es dieser ist, erschien übrigens schon im Jahr 2000 in der ZEIT:

http://www.zeit.de/archiv/2000/50/200050_ratzinger.xml

pax_et_bonum

 
At 8:44 PM, Anonymous Elisabeth said...

Hallo und Grüß Gott Erich !
Danke für deinen Eintrag!
Muss gestehen, dass ich auch zu wenig bei dir vorbeischaue, deine RSS-FEEDS die es jetzt endlich gibt, passen nicht auf die 20six.de-Weblogs.
Das Atom scheint nicht zu gefallen.

Gruß,
Elisabeth

 
At 12:23 AM, Blogger Erich said...

Ja, er ist ihm ähnlich, aber er ist es nicht ganz. Kardinal Ratzinger hielt die mündliche Fassung im Vorjahr auf Radio Vatikan, zu dem Zweck hat er ihn wohl überarbeitet und erweitert. Die Passagen etwa zur EU-Verfassung fehlen weitgehend, vermutlich, weil zu diesem Zeitpunkt schon geklärt war, dass Europa sich eben nicht auf seine Wurzel besinnen würde ... zumindest nicht in seiner grundlegenden Verfassung. Europa hat sich für den Laizismus entschieden, was immer das für uns und den geistigen Kontinent denn auch in der Praxis der nächsten Jahre und Jahrzehnte beinhalten mag.

 

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