Was Jesus wirklich wollte
Heute abend hielt Klaus Berger einen Vortrag in Salzburg. Ausgangspunkt war natürlich sein neuestes Buch, Jesus, das während des Vortrags auf dem Tisch vor ihm lag. Es war kein Vortrag für ein wissenschaftliches Fachpublikum, so wie auch das Buch, das ich mir bei der Gelegenheit kaufte, soweit ich es nach schnellem Durchblättern und Querlesen beurteilen kann, sich nicht an theologische Insider wendet. Vielmehr erzählte er im lockeren Gesprächsstil von seiner Arbeit und seiner Sicht auf die Dinge, die in mancherlei Hinsicht durchaus ketzerisch ist; ketzerisch, weil sie die Bibel zwar nicht fundamentalistisch buchstabengetreu auslegt, aber sich doch auch nicht in den Chor jener einreihen will, die pausenlos vermeintlichen Ballast des Glaubens abwerfen wollen. Engel, meinte er, an die zu glauben sei in der heutigen Theologie praktisch verpönt, an Engel glaube nahezu kein Theologe mehr. Und da es also Engel in der modernen Theologie nicht gäbe, müssten entsprechend auch alle jene Berichte in der Bibel, insbesondere im Neuen Testament, in denen Engel aufträten, unwahr sein. Im besten Falle wären es Mythen oder Legenden. Der Engel des Herrn, der Maria die Botschaft brachte? Mythos, Legende, wie die ganze Geschichte. Die Engel im Grab des Herrn? Mythos, Legende, wie die ganze Geschichte. Die Engel bei Christi Himmelfahrt? Die Antwort auf die Frage kann man sich denken.
Nach der Logik dieser Exegese bleibt vom Glauben, ja, was eigentlich? Was bleibt davon noch übrig? Die Konsequenz dieser Entwicklung skizziert laut Berger das kürzlich erschienene Buch eines bekannten deutschen Religionspädagogen - Berger nannte den Namen, den ich aber mittlerweile bereits wieder vergaß. Das Buch will das Christentum erneuern. So nebenbei erklärt der Religionspädagoge, Jesus wäre weder der Messias gewesen, noch auferstanden. Was genau will er dann eigentlich noch erneuern?
Er sprach auch über die Liebe Christi, über Gott, der die Liebe ist. Gott ist die Liebe: so oft wird einem dieser Satz aus des Apostels Brief entgegengereicht, dass er (für mich) fast schon gänzlich seine schroffen Konturen verlor. Was ist denn das: Lieben? Gott liebt uns, liebt mich: was heisst das für mich? Berger sprach von Christi Liebe, die streng und fordernd ist. Und ist es nicht wirklich so, dass Liebe fordert? Wer könnte denn lieben und wiedergeliebt werden, und fühlte nicht den unwiderstehlichen Anreiz sich dem Geliebten zuliebe von seiner besten Seite zu zeigen? Wenn uns die Liebe anrührt und Widerhall in uns findet, wie könnten uns das nicht unerbittlich zum Handeln drängen? Als am 20. Jänner 1539 der BuchhändlerJoao Ciudad einer Predigt Johannes von Ávila lauschte, und nach dieser wie von Sinnen durch die Straßen von Granada lief, bitterlich weinend und klagend, Christus laut um Verzeihung anflehte, seine Bücher, die ihm das tägliche Brot waren, zerriss, sein gesamtes Hab und Gut verschenkte, da tötete die Liebe Christi Joao Ciudad, um Johannes von Gott zu gebären. So ist die Liebe Christi. Von dieser Liebe habe ich nur soviel verstanden, dass es die kleine Münze des ubiquitären Mantras "Gott ist die Liebe" nicht ist.


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