Dienstag, Mai 24, 2005

Theologie, Wissenschaft, historisch-kritischer Glaube
Welcher Zugang zur Bibel ist erlaubt? Welcher geboten? Sind nur mehr studierte Theologen in der Lage die Bibel richtig auszulegen? Im Diskussionsforum katholon scheinen einige diese Frage im Sinne der Religionslehrer, Pastoralassistenten und anderer studierter Berufschristen beantworten zu wollen: sie, die einige Semester Theologie absolvierten, sind die letztlich zuständige »Interpretationsmacht«, denen alle anderen Interpretationen nachzustehen haben. Und selbstverständlich ist die einzig richtige - weil wissenschaftliche (sagen sie, nicht ich) - Weise des Bibelverständnisses jene der historisch-kritische Methode. Nach meinem eigenen Wissenschaftsverständnis, zugegebenermaßen naturwissenschaftlich geschult, halte ich viel von dem, was historisch-kritisch daherkommt, eher für einen Ausfluss der gerade herrschenden Strömung der Zeit. Historisch ja, im Sinne einer Gebundenheit an die Denkmode des Tages. Aber wissenschaftlich kritisch? Das ziehe ich stark in Zweifel.

Theologie als Wissenschaft, wissenschaftlich kritisch betrieben, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis ohnehin ein Problem. Wissenschaft schließt von vorneherein Wunder vollständig aus. Für die Wissenschaft gibt es keine Wunder. Nach wissenschaftlichem Gesichtspunkt kann es Jesu Auferstehung nicht geben; nichts von dem, das die Routine und Zuverlässigkeit das Ablaufs unserer Welt in Frage stellt, der direkte Eingriff Gottes in das Räderwerk der Welt, ist in der Wissenschaft als Erklärung zulässig. Damit ist natürlich auch eine Theologie als Wissenschaft in Frage gestellt, die auf Wunder beharrt, nicht zuletzt auch Christi Auferstehung als Tatsache behauptet. Kein Wunder also, dass konsequenterweise nicht wenige Theologen die Auferstehung in den »Raum« eines geistigen Aha-Erlebnisses stellen, die Frage, ob Er tatsächlich auferstand, das Grab leer gewesen sei oder nicht, zu einem unwichtigen Detail unseres Glaubens erklären. Dann allerdings wird uns Gott wieder weit in die Ferne gerückt, der Materie entzogen, die er als Mensch betrat, und in der er in jeder Messe erneut gegenwärtig ist.

Der Zwiespalt zwischen heutigem Wissenschaftsverständnis und einer wissenschaftlich betriebenen Theologie drückt sich besonders deutlich im Zugang zur Bibel aus. Ich persönlich halte die Theologie nicht für eine Wissenschaft, zumindest nicht nach heutigem Verständnis derselben. Sie kann in bestimmten Teilen mit wissenschaftlichen Methoden betrieben werden, sich wissenschaftlicher Werkzeuge bedienen, sie kann aber nicht Wissenschaft sein, sofern sie nicht willens ist ihren innersten Gehalt preiszugeben. Und insofern ist auch das Herausstreichen der historisch-kritischen Methode als die einzig richtige und unerlässliche Methode des Bibelzugangs - weil »wissenschaftlich« - eine Denkmode unserer Zeit, die durchaus bedenklich ist und ihrerseits ernsthaft historisch-kritisch hinterfragt werden muss. Zudem oft genug die Methode mit der Erkenntnis verwechselt wird. Entsprechend hat sich auch Joseph Ratzinger in einem Interview mit der Tagespost geäussert.

Im Glauben geeint, in allem anderen frei | Gottesbewusstsein und Liturgie, Theologie und Ökumene: Zur Lage der Kirche in Deutschland Bilanz und Perspektive – Ein Gespräch mit dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger
DT vom 03.10.2003
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Frage: Nochmals zur Lage des Glaubens: Sicherlich hat die moderne Bibelexegese viel zu der Verunsicherung unter den Gläubigen in den deutschsprachigen Ländern beigetragen. Viele Schriftkommentare interpretieren den Glauben der ersten Gemeinden, geben aber den Blick auf den historischen Jesus und seine Taten nicht mehr frei. Ist das Frucht einer soliden wissenschaftlichen Erkenntnis der Bibelwissenschaft? Haben wir zum Beispiel die Evangelien des Neuen Testaments über Jahrhunderte hinweg zu wörtlich genommen? Oder ist es doch angebracht, zu dem historischen Jesus wieder durchzustoßen?

Ratzinger: Auf jeden Fall. Das Problem der historisch-kritischen Exegese ist natürlich gewaltig. Seit über hundert Jahren erschüttert es die Kirche, und zwar nicht nur die katholische Kirche. Auch für die protestantischen Kirchen ist das ein großes Problem. Es ist ja sehr bezeichnend, dass sich im Protestantismus die fundamentalistischen Gemeinschaften gebildet haben, die diesen Auflösungstendenzen entgegentreten und den Glauben durch Ablehnung der historisch-kritischen Methode integral wieder erhalten wollten. Dass heute die fundamentalistischen Gemeinschaften wachsen, weltweit Erfolg haben, während die mainstream-churches in einer Überlebenskrise stehen, zeigt die Größe des Problems an.

In vieler Hinsicht haben wir Katholiken es da besser. Für die Protestanten, die nun den exegetischen Strom nicht annehmen wollten, blieb eigentlich nur der Rückzug, die Wörtlichkeit der Bibel zu kanonisieren, sie für unverhandelbar zu erklären. Die katholische Kirche hat sozusagen einen größeren Raum, insofern die lebendige Kirche der Raum des Glaubens ist, der einerseits Grenzen absteckt, der andererseits aber auch eine Variationsbreite zulässt. Eine globale einfache Verdammung der historisch-kritischen Exegese wäre ein Irrtum. Wir haben unglaublich viel von ihr gelernt. Die Bibel erscheint viel lebendiger, wenn man die Exegese mit all ihren Ergebnissen ansieht: das Wachsen der Bibel, ihr Weitergehen, ihre innere Einheit im Vorangehen und so weiter.

Also: Einerseits hat die moderne Exegese uns viel gegeben, aber sie wird dann zerstörerisch, wenn man sich einfach all ihren Hypothesen unterwirft und die vermeintliche Wissenschaftlichkeit zum einzigen Maßstab erhebt. Besonders verderblich hat gewirkt, dass man die gerade herrschenden Hypothesen unverdaut in die Katechese übernommen und als die Stimme der Wissenschaft angesehen hat. Das war der große Irrtum dieser letzten fünfzig Jahre, dass man jeweils die augenblicklich mit großer Gebärde auftretenden Exegesen mit »der Wissenschaft« identisch gesetzt hat und »die Wissenschaft« als die Autorität ansah, die nun allein gültig ist, während der Kirche keine Autorität mehr zukam. Dadurch sind Katechese und Verkündigung fragmentiert worden. Entweder hat man Traditionen nur noch mit halber Überzeugung weitergeführt, so dass jeder erkennen konnte, dass man letztlich doch eher daran zweifelt, oder man hat scheinbare Ergebnisse sofort als gesicherte Stimme der Wissenschaft ausgegeben. In Wirklichkeit aber ist die Geschichte der Exegese zugleich ein Friedhof von Hypothesen, die mehr den jeweiligen Zeitgeist als die wahre Stimme der Bibel repräsentieren. Wer zu schnell, zu eilfertig darauf baut und das für die reine Wissenschaft nimmt, der gerät in einen großen Schiffbruch und sucht sich vielleicht irgendeine Planke heraus – aber die kann auch schnell untergehen.

Wir müssen zu einem ausgewogeneren Bild kommen – das ist ein Ringen, das gerade jetzt wieder voll im Gange ist: Dass die historisch-kritische Exegese ein Strang der Auslegung ist, der wesentliche Erkenntnisse vermitteln kann und als solcher respektiert werden muss, der aber auch kritisiert werden muss. ... Was scheinbar nur Tatsachen spiegelt und die Stimme der Wissenschaft sein soll, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines bestimmten Weltbildes, demzufolge es zum Beispiel Auferstehung nicht geben oder Jesus so nicht geredet haben kann, oder was auch immer. Heute ist gerade unter jungen Exegeten eine Relativierung der historischen Exegese im Gang, wobei diese ihre Bedeutung behält, ihrerseits aber philosophische Voraussetzungen in sich trägt, die kritisiert werden müssen. Deswegen muss diese Art, sich des Sinnes der Bibel zu vergewissern, ergänzt werden durch andere Formen, vor allem durch die Kontinuität mit den Einsichten der großen Glaubenden, die auf einem ganz anderen Weg in den wirklichen, inneren Kern der Bibel vorgestoßen sind, während die scheinbare, aufklärerische Wissenschaft, die nur Tatsachen sucht, sehr an der Oberfläche geblieben ist und in den inneren Grund, der die ganze Bibel bewegt und zusammenhält, nicht vorstößt. Wir müssen wieder erkennen, dass der Glaube der Glaubenden eine echte Weise des Sehens und des Erkennens ist, und so zu einem größeren Zusammenhang kommen. Zweierlei ist wichtig: Skepsis gegenüber dem, was sich als »die Wissenschaft« ausgibt, und vor allem Vertrauen zum Glauben der Kirche, der die eigentliche Konstante ist und der uns den wirklichen Jesus zeigt. Immer noch ist der Jesus, den uns die vier Evangelien bieten, der wirkliche Jesus. Alles andere sind fragmentarische Konstruktionen, in denen sich der Geist der Zeit viel mehr spiegelt als die Ursprünge. Das haben jetzt auch exegetische Studien analysiert: Wie sehr die verschiedenen Jesusbilder nicht Ergebnisse der Wissenschaft sind, sondern Spiegelungen dessen, was ein bestimmter Mann oder eine bestimmte Zeit für das Wissenschaftsfähige hielt. ... - [Die Tagespost].

1 Comments:

At 1:31 PM, Blogger Petra said...

Ich finde, Du hast sehr Recht mit Deiner Analyse. Das Problem ist ja grundsätzlich, dass die historisch-kritische Methode ihre eigenen Postulate nicht hinterfragt und analysiert. Daher sagen Dinge wie die "wahren Jesusworte" oder der "wie könnte es wirklich gewesen sein?"-Zugang zu den Evangelien mehr über das Weltbild des jeweiligen Bibelwissenschaftlers aus, als über den Stoff selbst.

Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die Bibelwissenschaft nicht als Wissenschaft zu bezeichnen. Natürlich gibt es zwischen Natur- und Geisteswissenschaften unüberbrückbare Unterschiede: doch dass auch bei ersterem das Weltbild maßgeblich die Interpretation der Ergebnisse bestimmt, hat ja schon Thomas Kuhn 1962 thematisiert.

Schlussendlich bleibt auch hier die von mir vor kurzem zitierte Passage Chestertons bestimmend:

"Some dogma, we are told, was credible in the twelfth century, but is not credible in the twentieth. You might as well say that a certain philosophy can be believed on Mondays, but cannot be believed on Tuesdays. You might as well say of a view of the cosmos that it was suitable to half-past three, but not suitable to half-past four. What a man can believe depends upon his philosophy, not upon the clock or the century."

 

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