Sprachlos?
Martin versucht sich am schwierigen Geschäft der Definition von Fachbegriffen des Christentums. Nach seiner Meinung leidet das Christentum am "Verlust der Sprachfähigkeit, also der Fähigkeit, sich in heutigen Worten verständlich zu machen", es hätte den heutigen Christen sozusagen die Sprache verschlagen. Dies ist zum einen sicherlich richtig, zum anderen sicherlich falsch.
In den darauf spezialisierten Buchhandlungen, etwa der Dombuchhandlung in Salzburg, reihen sich Hunderte Bücher aneinander, die sich mit diesen zentralen Begriffen auseinandersetzen, und noch mehr wären über die Verlage zu bestellen. So kann man von einer Sprachlosigkeit nicht wirklich sprechen, eher von einem Redeüberfluss. Auch ist es nicht so, dass die Inhalte schwer zu verstehen wären. In gewisser Weise ist das Christentum - rein intellektuell betrachtet - sogar ziemlich einfach "gestrickt". Alleine, das Problem ist, dass es, wie Kardinal Ratzinger an einer Stelle in Salz der Erde schreibt, eigentlich primär ein Weg ist, auf dem man gehen muss, um wirklich begreifen zu können. Christ sein kann man nicht in der Theorie, sondern nur in der Praxis. Und da beginnen die Probleme mit der schweren Verständlichkeit des Christentums. In der Praxis hieße dies, sich in gewisser Weise ins eigene Fleisch zu schneiden, wenn dieser Weg beschritten werden soll; und darauf ausschreiten muss ich, um Christ sein zu können. ... Oder sagen wir lieber: wenn ich damit beginnen will.
Ins eigene Fleisch schneiden: tut das nicht weh? Oh ja, das tut es. Es ist mitunter eine bittere Medizin. Warum also sie schlucken? Es erscheinen die Behinderungen und Begrenztheiten unserer Existenz derart gewöhnlich und üblich, derart von allen anderen geteilt, dass sie es sind, unsere Gebreste, die uns scheinbar nicht bitter sind. Bitter hingegen erscheinen uns jene Mittel, die uns kurieren. Lieber leiden wir an der Lepra unserer Existenz und werden allmählich - wie alle anderen um uns herum auch - von ihr zerfressen, als uns selber ins faule Fleisch zu schneiden, das Gesunde vom Kranken zu trennen.
Leidet unser Glaube also tatsächlich an einer Sprachlosigkeit? Sind seine zentralen Begriffe tatsächlich sprachlich so sperrig, inhaltlich so unsagbar schwierig, dass sie nahezu unvermittelbar sind? Die Begriffe gibt es, aber wie sie aussprechen? Schallt nicht dem, der sie ausspricht, laut und vernehmlich entgegen "die Rede ist hart, wer kann sie hören?". Vielleicht ist die Rede über die Rede derart zu klären, dass sich das Christentum domestizieren ließ von unserer Zeit (wie das noch jede Zeit wohl versuchte). "Eine Provokationsmacht" sei unser Glaube, schreibt Kardinal Ratziner, "Stachel und Widerspruch ... oder wie der heilige Paulus es ausdrückt: Skandalon - ein Stolperstein." Ach, das geht gegen unser Bedürfnis nach Harmonie, nach allgemeinem Wohlgelittensein in der Gesellschaft. So lange war die Kirche, das wohlerzogene Christentum, der Gesellschaft liebstes Kind. Und jetzt will sie vom Christentum nichts mehr wissen, stösst es von seiner Bettkante hinunter, wo es sich so gut schlummern ließ. Das tut weh. Wie groß ist da die Versuchung zu einem Seperatfrieden, irgend eine Form des Abkommens zwischen Glaube und nichtmehrglaubender Gesellschaft: "Sieh her, meine Nützlichkeit! Sieh her, die Diakonie! Die Hilfe in der Dritten Welt! Unsere Arbeit in den Pflege- und Altenheimen! Auch gute Schulen haben wir! Wir sind nützlich! Ihr braucht uns! Dürfen wir nicht doch noch - bitte! - auf der Bettkante schlummern?"
Ein anderer Punkt: im Salzburger Dommuseum werden kostbare liturgische Geräte verwahrt, darunter auch die Waschgarnituren der Erzbischöfe, Kannen und Becken, die sie in der Heiligen Messe für die rituelle Waschung der Hände nutzten. "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein." Das waren tatsächlich noch Kannen und Becken, die Liter um Liter Wasser zu fassen vermochten, und reichlich Wasser spendeten und wieder auffingen. Die Erzbischöfe, soviel ist klar, sind keine wahren Unschuldslämmer gewesen. Jeder im Dom, auch noch der letzte ganz hinten, konnte es sehen, konnte erkennen, worum es bei dieser Waschung ging. "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein."
Heute ist aus dem Waschbecken ein kleines Tablett geworden, aus der Kanne ein winziges Kännchen, aus dem einige Tropfen Wasser milde über die Hände träufeln. So wird ein Symbol minimiert. Das bleibt nicht ohne Folgen. Symbole, so klein geworden, verlieren tatsächlich an Sprache, zumindest an Ausdruckskraft und Lautstärke. Das ist aber nun seinerseits fast so etwas wie ein Symbol, ein Symbol für zurückgenommenen Glauben, der nur sachte aufzutreten wagt, der zwar das Richtige meint, darüber aber nur mehr sehr leise spricht. Spricht? Wohl eher flüstert. Darum sage ich: her mit den Kannen! Und her mit den großen Becken! Das Wasser literweise über die Hände gegossen! "Wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein." Auf dass der Glaube wieder lauter spreche. Eine leise Stimme trägt nicht weit.


0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home