Montag, April 25, 2005

"Schon viele schreiben und sagen es: dieser Mann wird uns noch überraschen!"*
Wenn ich solches lese, beginne ich um ihn zu fürchten. Und für ihn zu beten. Die Erwartungen, sind sie nicht zu groß? Vor allem aber zu unterschiedlich, als dass sie durch einen Menschen - und sei er der Papst selbst - erfüllt werden könnten? In den ersten Stunden nach dem »Habemus Papam« schlug ihm aus dem benachbarten Deutschland, dem Land, aus dem er kam, nicht wenig öffentlich ausgesprochenes Mißtrauen entgegen. Dann begann diese Stimmung zu kippen, und Simsalabim!, der Mann, den man Stunden zuvor noch als »Großinquisitor aus Marktl am Inn« verspottete, den, wie manche mutmaßten, ultrakonservative Kreise quasi auf den Stuhl Petri gepusht hatten, wurde plötzlich als altersweiser großer Theologe und Kulturphilosoph gesehen. Und nun erwartet man sich von ihm, Benedict XVI, für jedes Leiden und jede Krankheit der Kirche Arznei. Und feiert ihn schon im voraus für die Heilung.

Was aber, wenn der Papst beginnt einen anderen Umgang mit der Liturgie anzumahnen? Bekanntlich ist er kein Freund von so manchem liturgischen Wildwuchs. Und was, wenn er nicht subito das gemeinsame Abendmahl einführt (was er nicht tun wird, weil er es nicht tun kann)? Wenn es das Frauenpriestertum weiterhin nicht geben wird? Der Zölibat bestehen bleibt? Schließlich das eine oder andere Papier aus Rom die Lande nördlich der Alpen erreicht? Wird sich dann wieder halb Deutschland vor Abscheu winden, wie es das bei ähnlichen Gelegenheiten unter dem Pontifikat seines Freundes Johannes Paul II fast schon rituell tat? Wird die Stimmung am Ende nicht noch einmal kippen? Je höher die Erwartungen hochgeschraubt werden, was Benedict nicht alles vollbringen kann und soll (nicht weniges davon unvereinbar mit dem Glauben der Kirche), desto größer die Gefahr eines Umschlagens der Begeisterung in ihr Gegenteil. Der Papst kann das Christentum nicht erfinden. Er kann es nur im Sinne seines Herrn verwalten. Unter der Last der Erwartungen, die von so vielen Seiten hier auf Erden auf seine schmächtigen Schultern gelegt werden, kann er vielleicht nur eines tun: im irdischen Sinne scheitern. Der Dienst des Hirten, das Amt des Fischers: Nachfolge Christi. Gott sei ihm gnädig. Beten wir für ihn.

*Nachtrag: den einleitenden Satz, der mir Ausgangspunkt für meine Überlegungen war, fand ich bei Ralf.

... Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, daß sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können. Da hat mich ein kleiner Brief sehr berührt, den mir ein Mitbruder aus dem Kardinalskollegium geschrieben hat. Er erinnerte mich daran, daß ich die Predigt beim Gottesdienst für Johannes Paul II. vom Evangelium her unter das Wort gestellt hatte, das der Herr am See von Genezareth zu Petrus gesagt hat: Folge mir nach! Ich hatte dargestellt, wie Karol Wojtyla immer wieder vom Herrn diesen Anruf erhielt und immer neu viel aufgeben und einfach sagen mußte: Ja, ich folge dir, auch wenn du mich führst, wohin ich nicht wollte. Der Mitbruder schrieb mir: Wenn der Herr nun zu Dir sagen sollte »Folge mir«, dann erinnere Dich, was Du gepredigt hast. Verweigere Dich nicht! Sei gehorsam, wie Du es vom großen heimgegangenen Papst gesagt hast. Das fiel mir ins Herz. Bequem sind die Wege des Herrn nicht, aber wir sind ja auch nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen. So blieb mir am Ende nichts als Ja zu sagen. ... Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn ich Fehler mache wie jeder Mensch oder wenn manches unverständlich bleibt, was der Papst von seinem Gewissen und vom Gewissen der Kirche her sagen und tun muß. ... - [Ansprache des Papstes Benedict XVI an seine Landsleute].

Zum dritten Mal fragte er ihn: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe." Jesus sagte zu ihm: "Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist hingegangen, wohin du wolltest. Bist du aber alt geworden, so wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst." Mit diesen Worten wollte er andeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen sollte. Darauf sagte er zu ihm: "Folge mir nach!" - (Joh 21,17-19).

4 Comments:

At 2:56 PM, Blogger Petra said...

Bei diesen hier zitierten Worten des Evangeliums (das ja bei seiner Amtsantrittsmesse gelesen wurde), habe ich auch an das Gleiche gedacht...

Danke für die treffenden Worte zu den Erwartungen an Benedikt XVI.! Seltsam, die Kirche erscheint für viele Leute wie ein Verein, in dem es vor allem um Gemütlichkeit und Wohlfühlen geht - und nicht um die erschütternde und gleichzeitig erhebende Gewissheit, dass Gott nicht stumm ist, sondern einer von uns geworden ist... Und dann wundert man sich noch, dass die Leute mit dem Christentum nichts mehr zu tun haben wollen - wenn sie ihn nicht einmal erkennen und verstehen können!

 
At 6:43 PM, Anonymous Anonym said...

Erich, Du hättest ich ja wenigstens als Quelle für Deinen Anfangssatz angeben können. :-)

Ich schrieb durchaus mit Bedacht "uns überraschen" und nicht "andere überraschen", denn ich wage nicht vorherzusehen was passiert, und werde sicherlich auch überrascht werden.

 
At 1:52 AM, Blogger Erich said...

Hab's nachgeholt, Ralf. Es war mir der Satz nur Ausgangspunkt für meine Gedanken, die nicht auf Dich und Deinen Blog-Beitrag abzielten. Du schreibst ja selber: "viele sagen und schreiben es". Da wird ein gewaltiger Erwartungsdruck aufgebaut. Hoffentlich schlägt das dann nicht in eine allgemeine Stimmung der Verdrossenheit um, eine Verdrossenheit, die ich so gut kenne von der katholischen Kirche in unseren Landen, den lieben Geschwistern im Glauben, denen der eigene Glaube (fast) ein bisschen peinlich ist.

Das Sterben und der Tod Johannes Paul II, die unerwartete Reaktion so vieler Menschen darauf, stellten diese Verdrossenheit massiv in Frage. Da stirbt ein Mensch, und so viele Menschen bekunden Freude am Glauben. Wollte Gott, es bliebe noch eine Weile so; und es wäre Benedict noch eine längere Zeit der Flitterwochen mit seiner Kirche geschenkt.

 
At 11:31 PM, Anonymous Cana said...

Ein ausgezeichnetes Statement. Bravo!

 

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