Plädoyer für die Schönheit
... Das Getroffensein vom Strahl der Schönheit, das den Menschen verwundet, ist das eigentliche Erkennen. Das Berührtwerden von der Wirklichkeit, von der persönlichen Gegenwart Christi selbst. Die Überwältigung durch die Schönheit Christi ist realere und tiefere Erkenntnis als blosse rationale Deduktion. Die Bedeutung theologischer Reflexion, genauen und sorgsamen theologischen Denkens, dürfen wir nicht gering schätzen. Es bleibt absolut notwendig. Aber darob die Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit als wahr Weise der Erkennens zu verachten oder abzuweisen, verarmt uns, und verödet Glaube wie Theologie. Diese Weise des Erkennens müssen wir wiederfinden, das ist eine dringliche Forderung unserer Stunde. ... Dies ist freilich nicht nur, und wohl nicht vor allem ein Problem der Theologie, sondern der Pastoral, die den Menschen wieder die Begegnung mit der Schönheit des Glaubens vermitteln muss. Die Argumente treffen so oft ins Leere, weil zuviel Argumentation gegensätzlicher Art in unserer Welt konkurriert, sodass sich dem Menschen unmittelbar der Gedanke aufdrängt, den die mittelalterlichen Theologen in die Form gefasst haben, die Vernunft habe eine wächserne Nase, das heisst, man könne sie, wenn man nur geschickt genug ist, nach den verschiedensten Richtungen herumdrehen. Alles ist so gescheit, so einleuchtend. Wem sollen wir vertrauen? Die Begegnung mit der Schönheit kann das Auftreffen des Pfeils werden, der die Seele verwundet, und sie damit hellsichtig macht, sodass sie nun, vom Erfahrenen her, Maßstäbe hat und jetzt auch die Argumente recht wägen kann. ... - [Kardinal Joseph Ratzinger: Die Betrachtung des Schönen].
Radio Vatikan bietet eine Reihe von Audiokassetten an, die von Benedict XVI - damals noch Kardinal Ratzinger - zu verschiedenen Gelegenheiten und über unterschiedliche Themen besprochen wurden. Der oben angeführte Text ist ein kurzer Auszug aus einer von ihm auf Kassette gesprochenen Betrachtung, die sich der Betrachtung des Schönen widmet. Ausser dieser Kassette ließ ich mir noch "Glaube zwischen Vernunft und Gefühl", "Gegen die Ideologie des Laizismus", "Das Geheimnis von Tod und Auferstehung" sowie "Die Versuchungen Jesu und das Ende des Jahrtausends" zusenden. Wer in Benedict nur den scharfsinnigen Denker, nicht aber den Liebhaber der Schönheit erkennt, hat die wächserne Nase der Vernunft in eine beliebige Richtung gedreht. Mein eigener zwanzigjähriger Irrweg fand über die Ästhetik, die Begegnung mit der Schönheit, das nicht erwartete, auch nicht geahnte oder erhoffte Ziel, den Glauben an Christus.


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