Sonntag, April 24, 2005

"alles relativ" oder "jedem seine Wahrheit"
In wieviele Länder Benedict XVI in den vergangenen Tagen wohl eingeladen wurde? Eines davon ist natürlich Österreich. Wenn er tatsächlich all diesen Rufen und Einladungen Folge leisten will, muss er vorhaben mindestens 100 Jahre alt zu werden. Die erste Reise ins Ausland soll ihn dem Vernehmen nach in die irdische Heimat seines Freundes und Vorgängers Karol Woytila führen. Dann kommt die Reise zum Weltjugendtag in Köln. Und schließlich soll er dem bayerischen Ministerpräsidenten gesagt haben, dass er bald ins heimatliche Bayern käme. In diesem Falle würde wohl auch ich seiner ansichtig, schließlich ist Bayern von hier quasi in Rufweite.

Und wieviele Wünsche und Programme für sein Pontifikat ihm bis zum heutigen Festtag - und sicherlich auch noch darüber hinaus - angetragen wurden? In dieser Angelegenheit nützte ihm allerdings selbst ein biblisches Alter nichts, Unvereinbares und Widersprüchliches lässt sich auch mit nochsoviel Zeit nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Ich selber habe eigentlich kein spezielles Programm, noch nicht einmal besondere Wünsche, die ich ihm vorschreiben möchte. Dass er Papst sein möge, Menschenfischer im Dienste des Herrn, erscheint mir Programm und Wunsch genug.

Zur Zeit lese ich gerade sein letztes Buch: Werte in Zeiten des Umbruchs. Unmittelbar vor seiner Aussetzung auf der obersten Felsenspitze des Amtes sprach und predigte Joseph Kardinal Ratzinger über das Übel des Relativismus. Wer wissen will, was ihn geistig umtreibt, welche Überlegungen ihn zur Auseinandersetzung wider diesen Übels anstacheln, der mag in diesem Buch nachschlagen. Insbesondere im 3. Kapitel skizziert er die Konsequenzen eines Denkens, dass das Absolute nicht mehr kennt, spricht von den seltsam abwegigen Blüten, die dieses Denken auch (oder gerade) in der Kirche und in der Theologie treibt.

"Ein älterer Kollege, dem die Not des Christseins in unserer Zeit auf der Seele lag, äusserte damals in einem Disput die Meinung, man müsse eigentlich Gott dankbar sein, dass er so vielen Menschen schenke, guten Gewissens ungläubig zu werden. Denn wenn ihnen die Augen aufgingen und sie gläubig würden, wären sie nicht imstande, in dieser unserer Welt die Last des Glaubens und seiner moralischen Verpflichtungen zu ertragen. Nun aber, da sie guten Gewissens einen anderen Weg gingen, könnten sie dennoch zum Heil gelangen. ..."

Im weiteren verneint der Kardinal entschieden eine solche Ansicht. Zum einen, führt er aus, hieße dies in aller Konsequenz gedacht, dass demnach "der Glaube eine kaum zu ertragende Last wäre, beinahe eine Art Strafe ... er würde danach das Heil nicht erleichtern, sondern erschweren. ... Das irrige Gewissen ... wäre dann die eigentliche Gnade, der normale Weg zum Heil. ...Der Mensch wäre besser im Dunkel zu Hause als im Licht; der Glaube nicht gutes Geschenk des guten Gottes, sondern eher ein Verhängnis. ... Wäre es dann nicht besser, andere damit zu verschonen oder gar sie davon abzuhalten? Vorstellungen dieser Art haben in den letzten Jahrzehnten zusehends die Bereichtschaft zur Evangelisierung gelähmt: Wer den Glauben als schwere Last, als moralische Zumutung sieht, mag andere nicht dazu einladen; er lässt sie besser in der vermeintlichen Freiheit ihres guten Gewissens. ...

Die geradezu traumatische Aversion vieler gegen das, was sie für "vorkonziliaren Katholizismus" halten, beruht meiner Überzeugung nach auf der Begegnung mit solchem nur noch Last gebliebenen Glauben. ...

Am erwähnten Argument hatte mich, wie schon gesagt, zunächst die Karikatur von Glaube erschreckt, die ich darin zu finden glaubte. In einem zweiten Überlegungsgang erschien mir aber auch der Gewissensbegriff falsch, der dabei vorausgesetzt wurde. Das irrige Gewissen schützt den Menschen vor den Zumutungen der Wahrheit und rettet ihn dadurch - so hatte ja das Argument gelautet. ... Was mir an diesem Gespräch nur am Rande bewusst geworden war, zeigte sich wenig später in greller Deutlichkeit bei einem Disput im Kollegenkreis ... Irgend jemand warf gegen diese These ein, wenn das allgemein gelten würde, dann wären ja auch die SS-Leute gerechtfertigt und im Himmel zu suchen, die in fanatischer Überzeugung und mit einer völligen Gewissenssicherheit ihre Untaten vollbracht hatten. Ein anderer antwortete darauf mit großer Selbstverständlichkeit, so sei es in der Tat. Es bestehe überhaupt kein Zweifel, dass Hitler und seine Mittäter zutiefst von ihrer Sache überzeugt, gar nicht anders handeln durften und daher - bei aller objektiver Schrecklichkeit ihres Tuns - subjektiv moralisch gehandelt hätten. Da sie nun einmal ihrem - wenn auch fehlgeleiteten - Gewissen folgten, müsse man ihr Handeln als für sie moralisch anerkennen und könne daher auch an ihrer ewigen Rettung nicht zweifeln.

Seit jenem Gespräch weiss ich mit aller Sicherheit, dass irgend etwas an der Theorie von der rechtfertigenden Kraft des subjektiven Gewissens nicht stimmt ... "

Zum anderen verweist er in seiner Argumentation wider die Rechtfertigung durch das subjektive "gute Gewissen" auf den Psalm 19, dessen 13. Vers sagt: Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von der Schuld, die mir nicht bewusst ist! Und er erinnert an den Zöllner und den Pharisäer im Tempel. Nicht, weil die Untaten des Zöllners objektiv weniger schwer wögen als jene des Pharisäers, oder geringer an Zahl gewesen wären, findet dieser Gehör und Vergebung vor Gott, sondern weil er sich seiner Schuld stellt, sich nicht seinem schlechten Gewissen entzieht. Der Pharisäer hingegen, mit all seinen objektiv tatsächlich geleisteten guten Taten, ist nicht gerecht vor Gott, da er eigene Schuld nicht mehr erkennt. Subjektiv ist er im Recht, völlig im Recht, ein Gerechter, mit sich im Reinen. "Aber dieses Schweigen des Gewissens macht ihn undurchdringlich für Gott und die Menschen, während der Schrei des Gewissens, der den Zöllner umtreibt, ihn der Wahrheit und der Liebe fähig macht."

Der Kardinal, nunmehr der Papst, glaubt an den Anspruch einer objektiven Wahrheit, die auch dann existiert, wenn Verstand und Gewissen dazu schweigen. Eine Wahrheit, die ebenso wenig demokratisch ist, wie es die Wahrheit der Naturgesetze ist. Die Schwerkraft, die Bindekraft der Atome, das Licht, sie existieren, unabhängig davon, was wir davon denken oder über sie beschließen. Und ebenso ist es mit der Wahrheit der Kirche, das ist das Licht Christi, und was es für uns Menschen bedeutet. Ach ja, nicht zuletzt, wirklich nicht zuletzt!, glaubt der Kardinal, der nun Papst ist, dass diese Wahrheit schön ist und eine Freude, und alles andere denn eine unzumutbare Last. Und ganz zuletzt gesagt: ich glaube das auch. Es ist eine Freude, zu glauben. Eine wirkliche Freude!

1 Comments:

At 10:26 AM, Blogger mr94 said...

Danke!

 

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