Freitag, Juli 30, 2004

Veni, Domine Iesu
Apocalypsis Ioannis 22.17.


Salvador Dalí: Biblia Sacra, Blatt 105: Veni, Domine Iesu




Et spiritus, et sponsa dicunt: Veni. Et qui audit dicat: Veni. Et qui sitit, reniat: et qui vult, accipi aquam vitae, gratis. Amen. Veni Domine Iesu.

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm. Wer hört, der rufe: Komm. Wer durstig ist, der komme. Wer will empfangen umsonst das Wasser des Lebens. Amen. Komm, Herr Jesus.














In den Jahren 1963 bis 1967 schuf Salvador Dalí mit 105 Gouachen einen Bilderzyklus zur Bibel, der mit jenem Bild endet, mit dem mein Blog beginnt: Veni, Domine Iesu. Amen. Komm, Herr Jesus! Komme bald.

aus schlechtem Holz
Johannes von GottGestern abend fuhr ich mit dem Rad durch die Innenstadt. Dabei kam ich auch an der der Kajetanerkirche, der Kirche des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, vorbei. In dieser Kirche war ich erst ein einziges Mal, und das vor etwa 25 Jahren. Aus diesem Grunde wollte ich einen schnellen Blick hineinwerfen, auch glaubte ich mich dunkel erinnern zu können, es hinge ein Bild von Johann Michael Rottmayr darin oder er hätte Decke und Wände mit Fresken geziert. Was, nebenbei angemerkt, falsch ist. Das Fresko in der Kuppel, das die "Glorie des heiligen Kajetan" zeigt, ist aus Paul Trogers Pinsel geflossen; gleiches gilt auch für die Bildnisse am Hochaltar, rechten Seitenaltar und über den Beichtstühlen. Das aber, wie gesagt, nur nebenbei, denn als ich die Kirche betrat, wurde darin gerade der freudenreiche Rosenkranz gebetet, sodass sich ein rein der Kunst gewidmetes Interesse von selbst verbat. Statt dessen widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Schriftstand neben dem Eingangsaportal. Dort sah ich ein kleines Heftchen mit dem Titel "Ein Heiliger aus schlechtem Holz: Johannes von Gott", geschrieben vom bekannten Hagiographen Walter Nigg. Daraus das nachfolgende Zitat.

Wir gehen mit derselben Gleichgültigkeit in die Kirche, wie in das Einkaufszentrum, und wir lesen die Bibel, ohne den Hammer ihrer harten Worte zu spüren. Der Gewohnheitschrist begegnet gar nicht dem lebendigen Gott; ihm entfährt nicht der leiseste Ausruf des Schreckens über seine Existenz. Kann man tatsächlich an Gott glauben und so weiterleben, als gäbe es ihn gar nicht? - [Walter Nigg: Ein Heiliger aus schlechtem Holz: Johannes von Gott].

Mittwoch, Juli 28, 2004

Causa St. Pölten
Die Sache wird den Medien - und natürlich auch der Bloggergemeinde, mag sie katholisch sein, oder nicht - noch einiges an Stoff bieten. Schade, dass sich heutzutage keiner mehr an ein Schweigegebot gebunden fühlt; ein solches wurde ja gegenüber Bischof Krenn schon bei Beginn der Visitation angedeutet. Leider scheint auch er den Wink nicht verstanden zu haben. Jetzt musste der Visitator Klaus Küng wohl deutlichere Worte finden.

Küng: Interviewverbot für Bischof Krenn | Wie der Apostolische Nuntius, Bischof Klaus Küng, in einem Interview mit dem ORF-Niederösterreich bekannt gab, darf der St. Pöltener Bischof Kurt Krenn zurzeit keine öffentlichen Stellungnahmen zur Situation in seiner Diözese mehr abgeben. Das Interviewverbot gilt für die Dauer der gesamten Visitation. - [ORF Religion].

Und was ist bezüglich der Causa St. Pölten zu erwarten? Alles hängt nach dem vatikanischen Kirchenrechtler Joaquin Llobell am Visitator. Küng hat wirklich kein leichtes Amt.

Vatikan-Richter zu "Causa St. Pölten": Alles liegt am Visitator | Alle zukünftigen Entscheidungen in der Diözese St. Pölten hängen laut dem vatikanischen Kirchenrechtler Joaquin Llobell vom Untersuchungsbericht des Apostolischen Visitators ab. - [ORF Religion].

Buddhismus einmal anders
Buddhismus. Das sanfte Lächeln Buddhas. Weisheit des Ostens. Toleranz. Mitleid und Mitleiden ... Begriffe die, heisst es, den Buddhismus charakterisieren. Der im Juni von Kirche in Not vorgestellte Report zur Religionsfreiheit 2004 heftet ihm allerdings einige andere Etikette an. Sandro Magister von chiesa fasst einiges davon kurz zusammen. Buddha, vielleicht ist sein Lächeln dieser Tage doch nicht so sanft.

Christians Persecuted in Asia. And Even the Buddhists Are on the Enemy’s Side | In the West, Buddhism is synonymous with peace, compassion, wisdom, and ecumenical brotherhood. This is true also in the case of its most noted figure, the Dalai Lama. Moreover, Buddhism has a reputation as a persecuted religion, and Tibet is the emblem of this. But the latest Report on Religious Liberty in the World, released in Rome on June 25, 2004 by Aid to the Church in Need, contains striking evidence of a contrary nature. In almost all of the Asian states in which Buddhism is the majority religion, there is cruel religious repression. And this strikes all of the non-Buddhist religions. ... - [chiesa].

Die schlimmsten Verfolgungen sind in Myanmar, ehemals als Burma bekannt, zu verzeichnen. Das U.S. State Department listet Myanmar unter den sechs Ländern mit den schwerwiegendsten Verletzungen religiöser Freiheit. Ein Artikel in der Juni-Ausgabe von Crisis, einem amerikanischen Magazin zu Politik, Kultur und Kirche, schildert die Verfolgungen, die auch vor der Ausrottung jener Volksgruppen nicht zurückscheut, die aus Sicht des burmesischen Regimes vom Christentum verseucht sind.

Faith Unbroken: Persecuted Christians In Burma | Aizawl, Mizoram State, on the India-Burma border: It was dusk as we made our way down the mountainside to the headquarters of the Chin National Front (CNF). We were a motley crew—a deputy speaker of the British House of Lords, a retired surgeon, a British doctor living in Australia, a journalist-turned-human-rights advocate, a bearded, beer-drinking Australian engineer who crushes pythons with his bare feet, and his Dutch-Indonesian wife who was raised in the United States. "Your coming here is a Godsend," the CNF chairman told us after he had prayed a blessing over our meal. The Chin people of Burma, who number more than 1 million, and the Kachin are both estimated to be 90 percent Christian. As a result of their Christian faith, they face persecution from the ruling military regime, the State Peace and Development Council (SPDC), on three counts—ethnicity, politics, and religion. And yet most of the outside world is unaware of their plight. ... - [Crisis].

Dienstag, Juli 27, 2004

Afrika, Europa und Neo-Protestantismus: Interview mit Andrea Riccardi
John Allen im Gespräch mit Andrea Riccardi, dem Gründer der Gemeinschaft von Sant'Egidio, eine der neuen Movimenti in der katholischen Kirche. Was mich überraschte war seine Einschätzung der evangelikalen Bewegungen, des Neo-Protestantismus, wie Riccardi es nennt. Er sieht darin für die katholische Kirche Afrikas eine Herausforderung, nicht geringer als jene, die der Islam ihr stellt, möglicherweise sogar noch größer.

Neo-Protestantism, meaning for the most part "free churches." Not the historic free churches, but groups such as Church of the Kingdom, The Flock of the Kingdom, etc. … neo-Protestantism of either the North American or Latin American variety. I think there's been an incredible spread. My impression is that the Catholic church in Africa faces a profound challenge. People say that it's challenged by Islam, but in my view it's equally challenged, and perhaps more so, by neo-Protestantism. ... What's happening? Here, we talk about the challenge of Islam, and it's a clear challenge. It's a centuries-old historical problem. We know what it is. But in the last century, the galaxy of neo-Protestant, Pentecostal, charismatic movements, passed from zero followers to a half-billion. It's a fact. If you look at it, it's not that nobody noticed it. People talk about "the sects," etc. But it's a response to a profound need, and perhaps it's demanding a pastoral response from the Catholic church. ...

Europa erscheint ihm in diesem Zusammenhang wie eine Insel, auf der die Insulaner den größeren Rest der Welt nicht verstehen, vielleicht auch gar nicht verstehen wollen. Nicht alles ist Europa, geschweige denn Deutschland. Und den größeren Rest der Welt interessieren die hiesigen Probleme auch kaum. Für die Menschen im Süden und Osten sind sie noch nicht einmal "Sager".

Today, Western Europe, with respect to the rest of the world, presents itself as an island. It's a somewhat singular island, in terms of religion and in terms of civilization. If you think, for example, about Eastern Europe, you'll find the same neo-Protestant galaxy. It's in Kiev and so on. Sometimes I think that we Europeans don't understand anything. We don't understand the world. ... I have the sensation that we Europeans are not well positioned to understand the dramas of the world, especially of the South of the world. I also believe this is true of the East, but especially of the South of the world. Hence we can call these groups "sects" if we want, but we have to understand them, especially those who are working in those places. I have the sensation that often the Catholic church … you know, we complain about the heavy structures of the German church, but perhaps the Catholic church has heavy structures also in Africa. ...

wenn Du mich zähmst, werden wir einander brauchen
Um das Jahr 177, berichtet Jacques Loew in "Er gab mir ein Zeichen. Meine Glaubensgeschichte", 1800 Jahre vor Antoine de Saint Exuperys Geschichte vom Fuchs und dem kleinen Prinzen, schrieb der Heilige Irenaeus, Bischof von Lyon, über die Zähmung.

"Nein", sagte der kleine Prinz, "ich suche Freunde. Was heißt zähmen?"
"Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. "Es bedeutet: sich vertraut machen." - [Der Kleine Prinz, Kapitel XXI].

Irenaeus schrieb über die Geschichte Gottes mit den Menschen, eine Geschichte des "sich vertraut machen".

"Der Mensch gewöhnte sich schon in Abraham an, eines Tages dem Wort Gottes zu folgen, und Gott hat den Menschen durch die Propheten daran gewöhnt, Träger seines Geistes zu sein." - [Irenaeus, Gegen die Häresien].

So zähmte Gott den Menschen, machte sich ihm vertraut. Das Alte Testament ist der Bericht dieser Zähmung. Und während er den Menschen zähmte, begann auch Gott, sich an den Mensch zu gewöhnen. Ihm wurde der Mensch vertraut. Auch Gott wurde gezähmt, gezähmt durch den Menschen. Der Vater ist zwar nach Irenaeus völlig transzendent, unveränderlich und unerreichbar. Jedoch geht Gott daran sich im Sohn und dem Heiligen Geist, "die beiden Hände Gottes", wie Irenaeus sagt, "an den Menschen zu gewöhnen. ... Der Geist stieg auf den Sohn Gottes, der zum Menschensohn geworden war, hinab und gewöhnte sich bei ihm, im Menschengeschlecht zu wohnen und in den Menschen zu ruhen und Wohnung zu nehmen im Geschöpf Gottes. ... Das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, machte den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohn, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters." - [Irenaeus, Gegen die Häresien].

So hat Gott den Mensch, und der Mensch im Menschen Jesus Christus, Gott, den Vater, gezähmt. Wir sind einander vertraut. In diesem Sinne bedarf es bei mir noch weiterer Zähmung.

"Man kennt nur die Dinge, die man zähmt." - [Der Kleine Prinz, Kapitel XXI].

Samstag, Juli 24, 2004

[aufgeschnappt]
"Jedes komplexe Problem hat eine einfache Lösung. Und die ist immer falsch." - [Umberto Eco].

Eine Art Epilog zu meinem vorherigen Beitrag. Das Problem, gesehen mit Perspektive Sankt Pölten, ist klar; auch an einer einfachen Lösung mangelt es nicht: fort mit dem Zölibat, schafft ihn ab, dann gibt es Sankt Pölten nicht mehr. Da lassen die Herren Dutroux und Fourniet samt ihren Gemahlinnen aber sehr freundlich grüßen. Das Leben ist halt schon brutal, es will einem wirklich jede einfache Lösung vermiesen.

Und immer wieder stört der Zölibat
"Schafft den Zölibat ab!" Mit dicken, schwarzen Lettern auf der Titelseite der Wochenendausgabe der Salzburger Nachrichten posaunt der Journalist Viktor Hermann eine zur Zeit recht häufig verkündete Botschaft ins Land. "Priester", hat er entdeckt, "haben ein verkrampftes, manchmal sogar verkehrtes (= perverses) Verhältnis zu Sexualität, das entweder geprägt ist von der Unterdrückung oder von Lügen und Heimlichkeiten." Dann schwingt sich der Bogen seine Erkenntnis gar noch höher: "Die Natur", weiß er uns zu sagen (und wir hören es staunend, offenen Mundes), "hat uns den Sexualtrieb, wie den Nahrungstrieb und den Trieb zu Selbsterhaltung gegeben, damit die Gattung Homo Sapiens Bestand habe. Das haben wir mit allen lebenden Wesen gemein. Die Natur hat uns den Trieb mit der Lust verschönt, die dazu führt, dass wir Sex weit öfter genießen, als dies zur Zeugung von Nachkommenschaft nötig wäre." Und dann schließt er den Bogen zur messerscharfen Erkenntnis, dass, wer gezwungen sei, "sein Leben lang seinen Sexualtrieb zu unterdrücken und somit gegen seine Natur zu handeln ... gefährliche Verbiegungen und Störungen seiner Psyche - und in der Folge seelische Krankheiten" riskiert.

Aha. Jeder Priester - frei nach Viktor Hermann - ein potenzieller Vergewaltiger, Pädophiler, Kinderschänder, Zoophilit.

Schafft den Zölibat ab! | Die Affäre um die Vorfälle in St. Pölten geht uns nahe, weil die homosexuellen Partys zwischen Seminaristen, die Kinderpornos auf PC-Festplatten des Priesterseminars und der mysteriöse Tod eines Priesteramtsanwärters im vergangenen Herbst unmittelbar vor unserer Haustür passiert sind. - [Salzburger Nachrichten].

In der heutigen Ausgabe des Standard, einem nicht sonderlich kirchen- und glaubensfreundlichem Blatt, entdecke ich eine weitere Meldung über Pädophilie, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Doch halt: der Täter stammt nicht aus der Schar der potenziellen Missetäter, die Viktor Hermann in Posaunentöne an den medialen Pranger stellt, im gegenständlichen Fall ist von einem Priester weit und breit nichts zu sehen. Ein einfacher Arbeiter war's, kein "Kopfstudierter", noch nicht mal ein freiwillig oder erzwungen Zölibatärer, da dieser dem Bericht nach mit einer Gefährtin sein Leben teilt. Der junge Mann hat seit August des Vorjahres vier Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren mehrfach sexuell missbraucht. Laut Auskunft der leitenden Staatsanwältin geschah dies an der Arbeitsstelle der Lebensgefährtin des Täters: "Die Frau ist in einem Familienbetrieb beschäftigt, wo sich auch der mutmaßliche Täter öfter aufgehalten hat. Zumindest zu einem Teil der Kinder besteht ein Verwandtschaftsverhältnis mit der Lebensgefährtin, nicht aber zu dem 21-Jährigen" (dem Täter).

Arbeiter missbrauchte vier Mädchen | Ein 21-jähriger Arbeiter aus dem Bezirk Steyr-Land steht unter dringendem Tatverdacht, seit mindestens einem Jahr vier Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Laut Angaben der oberösterreichischen Sicherheitsdirektion soll der 21- Jährige die Kinder seit August 2003 regelmäßig zu Unzuchthandlungen verführt haben. ... - [Der Standard].

Kein Zölibatärer, noch nicht einmal Priester, das will sich nicht recht in ein Weltbild nach dem Vorbilde Viktor Hermanns fügen. Ob man generell "die Arbeiter" Hermanns Liste potenzieller Vergewaltiger, Pädophiler, Kinderschänder und Zoophiliten hinzufügen sollte? Arbeiter und Priester? Oder nicht-zölibatär lebende Arbeiter und zölibatär lebende Priester? Und das verbindende Gemeinsame zwischen ihnen, das wäre dann wohl, dass die Lebensweise der einen zölibatär, die der anderen hingegen nicht-zölibatär ist?

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner, durchaus nicht bekannt für mangelnde Kritikfähigkeit gegenüber der Amtskirche, kann dieser schlichten Argumentation wenig abgewinnen. Er spricht von ideologischen Argumenten gegen den Zölibat, so wie er überhaupt unangenehmerweise mit einigen Fakten das weit verbreitete Hermann'sche Weltbild trübt. "Wie kommt es", schreibt er, "dass Dutroux, Fourniet mit Frauen lebten; dass in unseren kirchlichen Ombudsstellen verheiratete Pastoralassistenten gemeldet werden; dass verheiratete evangelische Pastoren sich an Konfirmanden vergreifen und evangelische Kirchenleitungen das jahrelang deckten? Von Personen aus den Berufsgruppen Badewarte, Sporttrainer, Lehrer ganz zu schweigen." Nach Zulehner ist es nicht die Lebensform, die Kinderschänder hervorbringt, sondern die Unreife einer Person: "Jede unreife Person, verheiratet oder unverheiratet, bleibt ein schweres pastorales Risiko, vor allem für pädagogisch abhängige Kinder. Überall ist hier Handlungsbedarf - nicht nur in der Kirche."

Und immer wieder stört der Zölibat: wen wunderts? | Auf dem Feuer des pastoralen Supergaus in St. Pölten werden viele abgestandene Suppen gekocht. Clara ihren Franz, Madame de Chantal ihren Franz von Sales, Adrienne von Speyer ihren Hans Urs von Balthasar. Die Liste ist unvollständig. Fraglos zölibatäre Männer mit Frauen. Ehelosigkeit ist keine Sache frustrierter Beziehungsloser. Vielmehr kann sie voller erotischer Dynamik sein, die das Leben und Schaffen eines Unverheirateten aufblühen läßt. ... - [Zulehners Zeitworte].

Die Frage ist vielleicht so zu stellen: wie erwehrt sich die Kirche in Zeiten des Priestermangels des Zustroms von Menschen mit derlei Neigungen? Wie erwehrt sie sich in Zeiten des Priestermangels jener Versuchung, der Bischof Krenn unglücklich erlag: nehmen, was immer kommt, die Seminare füllen um jeden Preis?

Mittwoch, Juli 21, 2004

Umfrage
Laut einer Gallup-Umfrage, durchgeführt im Auftrag des Magazins News, überlegen 14% der Österreicher wegen des Skandals in St. Pölten aus der katholischen Kirche austreten zu wollen. Besonders hohe Austrittswilligkeit zeigen Schüler und Studenten (29% der Befragten).

Mehr als 2/3 (68%) glauben, die Kirche würde die Affäre vertuschen; eine Aufklärung der Vorkommnisse erwarten nur 29 Prozent. In der Bevölkerung scheint Bischof Krenn kaum mehr Rückhalt zu haben: für 79% hat er keinerlei Glaubwürdigkeit mehr; 71% fordern seine Abberufung durch den Papst. - [Presseportal:NEWS--Gallup-Umfrage].

kreuz&quer: Sündenfall in St. Pölten
Für jene, die keine Gelegenheit hatten die Diskussion live zu sehen (Windows Media Player erforderlich):

Studio-Diskussion (Breitband)
Studie-Diskussion (Schmalband)
Backstage-Diskussion (Breitband)
Backstage-Diskussion (Schmalband)

Leider fällt in der Backstage-Diskussion der Ton aus, und zwar gerade bei der Erörterung einer sehr interessanten Frage. Rauscher sprach zuvor davon, dass ähnliche Vorfälle, die St. Pölten nun angelastet werden, auch in anderen Bereichen, etwa jenen der Kultur, gleicherweise verbreitet seien. Zulehner sprach noch davon, dass die Kirche wohl deswegen so besonders von den Medien skandalisert würde, weil ihre moralischen Ansprüche höher seien und sie dafür eben abgestraft würde. Dann bricht der Ton leider ab. Schade.

Frau Moser, die in der Diskussion wohl so etwas wie "die weibliche Stimme" in der Kirche repräsentieren sollte, war mir (wie wohl den meisten anderen Zusehern auch) völlig unbekannt. Also googelte ich mich etwas schlau:

Mag.a Maria Katharina Moser, Jg. 1974, kath. Theologin und Erwachsenenbildnerin, forscht derzeit als Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu Opfer als politische und theologische Kategorie, Lehraufträge zu Prostitutionstourismus, Frauenhandel und Feminisierung der Migration, engagiert im Österreichischen Frauenforum Feministische Theologie - u.a. als Redakteurin der Zeitschrift Der Apfel. Rundbrief des Österreichischen Frauenforums Feministische Theologie, Mitfrau der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen.

Dienstag, Juli 20, 2004

Sündenfall St. Pölten - Wege aus der Kirchenkrise?
Heute im ORF: kreuz&quer-Diskussion mit Kardinal Christoph Schönborn, Prof. Heinz Nußbaumer, Prof. Paul Michael Zulehner und Hans Rauscher. Beginn um 23.05 Uhr. Die Diskussion wird auch per Live-Stream ins Internet eingespeist (Windows Media Player erforderlich).

Der hat als Bischof nicht mehr viele Tage
Auf ORF Religion eine Sammlung von Kommentaren in- und ausländischer Tageszeitungen zum Fall "St. Pölten".

"Für den Vatikan war in der Causa St. Pölten Gefahr in Verzug. Das weltweit negative Echo auf die Vorfälle und Bischof Krenns groteskes Krisenmanagement bildet eine Seite größter päpstlicher Sorge. Die andere: Vertrauensschwund in eine Ortskirche, die spät, aber doch, das Tief der Misslichkeiten rund um die Causa Groer überwunden hatte. Für den Papst geht es um rasche und umfassende Information. Schon der erste Schritt, die Einsetzung eines Apostolischen Visitators, ist ein unübersehbares Zeichen des Misstrauens gegenüber dem bisherigen Oberhirten. ..." (Tiroler Tageszeitung: "Rom hat gehandelt" - Monika Dajz).

"Ihn könne nur der Papst selbst aus seinem Amt entfernen, pflegte der Bischof von St. Pölten seine Kritiker zu bescheiden. Das war nicht etwa die Feststellung einer kirchenrechtlichen Binsenweisheit, sondern eine hämische Anspielung: Er habe eben Beziehungen bis ins Vorzimmer des Papstes, über die seine bischöflichen Mitbrüder in Österreich nicht verfügten. Damit hatte er sogar recht. Man kann ja oft Bischöfe grimmig klagen hören, Kurt Krenn genieße Schutz von höchsten Stellen. Nun scheinen genau jene besonderen Beziehungen die Entscheidung über St. Pölten beschleunigt zu haben. Der Fall Krenn dürfte im Umkreis des Papstes mehr Aufmerksamkeit erregt haben als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. ... Beschleunigt hat das Handeln Roms auch, dass Kardinal Schönborn und Bischof Kapellari ihrerseits so entschieden aufgetreten sind wie bisher noch nie. Auch sie haben ihre Kontakte im Vatikan genützt und Druck auf eine Entscheidung gemacht. Gerade diese beiden empfinden die Nachrichten aus St. Pölten als besonders bitter: Der mitteleuropäische Katholikentag in Mariazell, Kapellaris durchdachte Überlegungen zur Zukunft Europa, Schönborns öffentliche Auftritte der letzten Zeit - das sind Zeichen einer Kirche, die sich nicht immer nur wegen der eigenen Sünden verschämt verstecken muss, sondern etwas zu sagen hat, das gehört wird, weil es sonst niemand sagen kann. ..." (Kleine Zeitung: "Krenn und Rom - Der Beginn einer Schadensbegrenzung" - Hans Winkler).

"Für Bischof Kurt Krenn gibt es nur noch Rücktritt oder Abberufung. ..." (Kölner Stadt-Anzeiger: "Rücktritt oder Abberufung").

"Gottes Mühlen mahlen langsam, heißt es. Daraus leitete der Vatikan immer wieder die Berechtigung ab, ebenfalls langsam zu mahlen, das heißt, Probleme und schwierige Situationen auszusitzen, besser gesagt auszuschweigen. Umso mehr ist die jetzt umgehend erfolgte Ernennung eines Apostolischen Visitators für die Diözese St. Pölten ein positives Signal Roms für die gesamte Kirche: Seht her, wir handeln rasch, es wird diesmal nichts auf die lange Bank geschoben! ..." (Neues Volksblatt: "Signal" - Werner Rohrhofer).

"Zweitausend Jahre alt ist die Institution, was bedeuten da ein paar Tage? Offensichtlich viel. Denn nur zwei Tage nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub hat der Papst in die Sankt Pöltener Affäre um Bischof Krenn und das Prieserseminar eingegriffen. Er schickt einen so genannten Apostolischen Visitator. ... Nach dem Visitator kommt der Administator - wenn Krenn nicht gehen will. Der hat als Bischof nicht mehr viele Tage." (Berliner Tagesspiegel: "Rücktritt oder Abberufung").

Schade. Schon von Beginn weg, gleich nach dem Platzen der Bombe, war bei nüchterner Betrachtung klar, dass dieser Skandal nicht ausgesessen werden kann. Bischof Krenn hätte der Kirche in Österreich durch Übernahme der Verantwortung für die Fehler, die zu dem Skandal führten, verbunden mit einem Rücktritt, einen letzten Dienst als Bischof erweisen können. Er hat es nicht getan. Das ist menschlich verständlich. Ein solcher Rücktritt wäre die Anerkennung des eigenen Scheiterns. Und wer scheitert schon gerne. Schade ist es trotzdem. Jetzt kommt, was kommen muss. Am besten, es kommt bald.

Montag, Juli 19, 2004

Indischer Musikgenerator
Selbst ist der Fakir: statt Nagelbrett The Indian Shankar Drum Ganesh Machine. Ich hielt bei Einsatz aller Instrumente 3 Minuten durch.

Chronologie des "pastoralen Supergaus"
Auf ORF Religion eine Chronologie der "pastoralen Supergaus".

Was mir mir bislang nicht bekannt gewesen war: nachdem am 10.11.03 der EDV-Techniker des Seminars am Gemeinschafts-PC pornografisches Material entdeckt und Regens Ulrich Küchl informiert hatte, scheint von diesem vorerst nichts weiter zur Klärung unternommen worden zu sein. Rund zwei Wochen später, am 27.11.03, schrieben 29 Studenten des Seminars Küchl einen Brief, in dem sie diesen aufforderten, den Fall "Missbrauch im Internet" dringend zu klären. Erst jetzt erstattete Küchl bei der Staatsanwalt Anzeige über den Verdacht auf Zugriffe auf Kinderpornografie-Seiten.

Was wird jetzt mit jenen Studenten geschehen, die keine Schuld auf sich luden? Sie sind stigmatisiert, potenzielle Kinderschänder in den Augen vieler. Werden sie in St. Pölten weiterstudieren können? Oder werden auch sie Opfer des Skandals?

Sonntag, Juli 18, 2004

Die verlorene Ehre des Kurt Krenn
Bischof Krenn ist weiss Gott kein Unschuldslamm, das würde auch er, denke ich, zugestehen. Wie aber Der Spiegel die Affäre ausschlachtet, kommt wirklich einer Hinrichtung, einem Abschlachten und Abstechen gleich. Dieser Spiegel-Artikel - Ungeregelter Genuss - illustriert auf eine sehr schön-hässliche Art und Weise, wie eine Menschenhatz verläuft. Ich musste dabei an Heinrich Bölls Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum denken. Gewiss, Krenn ist keine Blum. Auch mag sein Sonderweg in der Priesterausbildung eine jener Katastrophen innerhalb der Kirche provoziert haben, denen er doch so vollmundig in seinem Bistum nicht länger Raum bieten wollte. Aber es war bei allen persönlichen Fehleinschätzungen in der Auswahl seiner Mitarbeiter in der Priesterausbildung nicht Krenn, der pädophile Fotografien herunterlud. Es war nicht Krenn, der sich zu zweideutigen - oder schon eher eindeutigen - Gesten und Handlungen hinreissen und sich dazu auch noch dummdreist fotografieren ließ. Aber das kümmert den Spiegel wenig. Medial einen Bischof zu schlachten, das bringt's, das füllt das Blatt, das hebt die Absatzzahlen. Nachdem Krenn zum Abschuss freigegeben wurde, wird sich niemand zu scharfem Widerspruch aufschwingen. Heute abend, nach einem Treffen mit zwei Kreuzgängern - Ralf und Edith - kam ich an der Franziskanerkirche vorbei. Es war die Zeit der Abendmesse, ich setzte einige Schritte hinein, eben wurden die Fürbitten verlesen, darunter auch eine Bitte für die Journalisten und Reporter: Gott möge ihnen in ihrer Berichterstattung das Bemühen um Wahrheit und Aufrichtigkeit verleihen. Jetzt weiss ich, warum. Im Spiegel-Artikel ist von einem solchen Bemühen allerdings nicht die geringste Spur zu sehen. Statt dessen gefällt sich das Blatt in der Rolle des Menschenjägers, dem kein Untergriff, keine zitierte Verunglimpfung und Ehrabschneidung (nach dem Motto "was denn, was denn: das haben doch nicht wir gesagt, wir haben doch nur den Volksmund zitiert") zu gemein und zu niedrig ist. So also schaut sie aus, die Speerspitze der intellektuellen Elite Deutschlands, als die sich das Blatt wohl selbst einschätzen mag. Ein hässliches Gesicht. Glänzend ist nur der Umschlag.

Freitag, Juli 16, 2004

movimenti im Zwielicht
Wo viel Licht, da auch Schatten, so das vorgezogene Fazit in einem Bericht von Sandro Magister zu einigen der neuen katholischen "movimenti" auf chiesa.

"Three dangers and four challenges: through the magazine of the Rome Jesuits, the Vatican makes a critical appraisal of the movements. A warning for the Neocatechumenal Way, Focolare, Sant’Egidio, and Bose."


Er beruft sich dabei auf einen Beitrag in der jüngsten Ausgabe von La Civiltà Cattolica. Jede Nummer dieser in Rom erscheinenden Zeitschrift der Jesuiten wird vor ihrem Erscheinen vom Vatikanischen Staatssekretariat zwecks Autorisierung gelesen; daher hat sie auch den Ruf sozusagen "vatikan-offiziös" zu sein.

In dem Beitrag der Jesuitenzeitschrift wird das Fehlen von kirchenrechtlichen Rahmen-Normen für die neuen geistlichen Bewegungen ("Movimenti") kritisiert. Als besonders problematisch gilt die Mitgliedschaft von Priestern bei den neuen Bewegungen. Völlig ungelöst sei die Frage nach der kirchenrechtlichen Zugehörigkeit von Priestern, die an einem einer solchen Bewegung zugehörigen Seminar ausgebildet wurden. Das Neokatechumenat etwa soll über 50 eigene Priesterseminare leiten und einige tausend Priester seiner Bewegung zugeführt haben. Dabei stellt sich die Frage, wem letzten Endes diese Priester unterstellt seien. Dafür gibt es kirchenrechtlich keine verbindlichen Regelungen.

Als weiteres ungelöstes Problem wird der Eintritt von Ordensleuten in die "movimenti" angesehen. Das führe zu eine Art doppelter Mitgliedschaft - einerseits im jeweiligen Orden, andererseits in einer der Bewegungen. Die etablierten Ordensgemeinschaften sehen eine solche Doppelmitgliedschaft nicht gerne; auch stellt sich die Frage, wem diese Ordensleute letztlich Gehorsam schulden.

Ein weiteres Problem bildet die Aufnahme von Mitgliedern, die keine Mitglieder der katholischen Kirche sind, etliche darunter auch keine Christen. Das bezieht sich vor allem auf die Fokolar-Bewegung sowie die ökumenisch ausgerichtete Comunità di Bose.

Neben diesen Problemen listet "La Civiltà Cattolica" 3 Gefahren auf:

"The tendency to make absolute their own Christian experience, holding it to be the only valid one, for which reason the ‘true’ Christians would be those who are part of their own movement."


"The tendency to close themselves off; that is, to follow their own pastoral plans and methods of formation for the members of the movement, to carry out their own apostolic activities, refusing to collaborate with other ecclesial organizations, or seeking to occupy all the territory themselves, leaving scarse resources for the activities of other associations."

"The tendency to cut themselves off from the local Church, making reference in their apostolic activity more to the methods of the movement and the directives of its leaders than to the directives and pastoral programs of the dioceses and parishes. From this arises the sometimes bitter tensions that can be created between the ecclesial movements and the bishops and pastors."

Donnerstag, Juli 15, 2004

Kirche, Keuschheit und Konflikte
Ich ersparte mir die Sendung. Ein Kollege erzählte heute beim Mittagessen davon. "Kabarett", meinte er. Eigentlich habe er nur für einige Minuten zusehen wollen, wäre dann aber derart amüsiert gewesen, dass er bis zum Ende zusah. Wer die Sendung verpasste, kann sich jetzt via Videostream der Kreuz&Quer-Diskussion selbst überzeugen, ob seine Einschätzung zutreffend ist. Übrigens wurden auch die Gespräche und Diskussionen nach der eigentlichen Studio-Diskussion mit Wissen der Diskutanden aufgezeichnet. Die habe auch ich mir mittlerweile angesehen (Windows Media Player erforderlich).

Studio-Diskussion 1. Teil
Studio-Diskussion 2. Teil
Backstage 1. Teil
Backstage 2. Teil

Und ja, manches davon ist sehr österreichisch, somit schon fast von Natur aus komisch. Immerhin half es mir in Krenn nicht nur den Bischof, den konservativen Sturrkopf und katholischen Betonierer, sondern auch den Mensch mit Vornamen Kurt zu sehen.

Senf aus einer anderen Tube
Auch wenn ich den eigenen Senf spare: hier ein Bericht zur Causa, gedrückt aus einer anderen Tube, jener von Radio Vatikan (RealPlayer notwendig).

Die Meldung gibt es auch als Text im Nachrichtenblock von Radio Vatikan. Auszugsweise zitiert:

In Medien wird immer wieder über eine mögliche Abberufung von Bischof Kurt Krenn spekuliert, weil er die Sex-Skandale in seinem Priesterseminar nicht unterbunden hat. Krenn erklärt zwar in Interviews, die Sache gehe nur sein Bistum etwas an, und er bemühe sich um Schadensbegrenzung. Zu einem möglichen Eingreifen Roms meint Krenn: "Aber das macht doch nichts. Freunde aus Rom sind doch Freunde." Aber Markus Graulich, Kirchenrechtler an der Päpstlichen Universität Salesiana in Rom, meint zu Krenn: "Er hat die Aufsichtspflicht verletzt. Er ist natürlich dafür zuständig, dass in seinem Seminar nicht nur den Priesteramtskandidaten nicht geschadet wird, sondern dass da natürlich auch die Moralordnung der Kirche gelebt wird. Wenn die Missstände so sind, wie sie geschildert werden und durch Fotos dokumentiert werden, ist das eine grobe Verletzung seiner Aufsichtspflicht und damit seiner Hirtensorge, die er nicht nur im Hinblick auf die Seminaristen hat, sondern auch im Hinblick auf die Gläubigen, zu denen die Seminaristen nachher als Priester gesandt werden."

Aus der Sicht des Kirchenrechtlers Graulich ist jetzt gar nicht die österreichische Kirche am Zug, sondern gleich der Vatikan. "Der Metropolit ist dann zuständig, wenn sich Bischof Krenn eine Kirchenstrafe zugezogen hätte, was bisher nicht der Fall ist. Und sonst wird gleich Rom eingreifen. Natürlich kann Rom auch tätig werden auf Grund der Intervention von Kardinal Schönborn. ..."

Mittwoch, Juli 14, 2004


Dienstag, Juli 13, 2004

Krenn
Muss ich wirklich zu jedem Kren meinen Senf geben? Nein. Muss ich nicht. Was wäre auch zu einem Thema zu schreiben, dass es binnen weniger Stunden auf etliche Tausend Wörter in Dutzenden Medien brachte? Keine Zeitung, keine Nachrichtensendung, die nicht mit mehr oder weniger ehrlichem Schauer, seien es Schauer der Freude, des Schreckens, der Trauer oder der puren Lust an der Sensation, über St. Pölten berichtet. Selbst in katholischen Kreisen der USA weiss man plötzlich, dass da in little Austria a little town gelegen ist, genannt St. Pölten. Und auch deren Bischof kennt man nun. Das hätte der sich vor kurzem auch nicht gedacht. Damit will ich's auch schon gut sein lassen ... "...gut sein lassen", hm, angesichts der Umstände keine glückliche Wortwahl, gut ist daran nichts. Für die Kirche in Österreich ist der eigenständige St. Pöltener Weg, stets hart am rechten Rand, ein schlimmer Irrweg gewesen. Krenn ist nun, ob er es selber schon weiss oder nicht, nur mehr Bischof auf Abruf. Aber der Wagen ist bereits in den Graben gefahren. Und wer zieht ihn jetzt da wieder raus? Am Ende hilft nur mehr Galgenhumor. Aber wollte ich nicht eigentlich meinen Senf sparen?

Montag, Juli 12, 2004

der Stundenlohn Gottes
Den Flohmarkt! Ich habe den Flohmarkt vergessen! Denn ausser dem Pontifikalamt, der Pontifikalvesper, der Blasmusik, dem Essen und Trinken (letztere drei Dinge witterungsmäßig bedingt vom Garten des Exertitienhauses in den Stadl beim Hühnerhof verlegt] gab's auch noch einen Flohmarkt zugunsten der Mission. Dort erwarb ich ein bezauberndes Buch, einen Roman von Bruce Marshall, "Keiner kommt zu kurz oder der Stundenlohn Gottes". Vor vielen Jahren (noch 3 von der Sorte, dann werden es 30 sein) schon einmal gelesen, war er meinem Gedächtnis wieder nahezu gänzlich entschlüpft. Mit umso größerer Freude begann ich das Buch zwischen Sext und Vesper, auf einer Bank vor der Kirche von St. Ottilien, erneut zu lesen. Am Ende sind ja doch Dichter wie Reinhold Schneider, Gertrude von le Fort, George Bernanos und eben auch Bruce Marshall die besseren Theologen. Schreiben und predigen die studierten Angehörigen der Zunft über Priestertum und Heiligkeit, über die Kirche und das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und Gottes Gerechtigkeit, die den Arbeitern der letzten wie der ersten Stunde gleichen gerechten Lohn zumißt, man möchte allzu oft schon nach den ersten zehn Sätzen aus Langeweile davon weiter nichts wissen. Lese ich hingegen Marshalls Deutung des Gleichnisses von Matthäus 20, 1-16, die im bunten Flitter eines Romans einherschreitet, blitzt hinter all dem Menschlichen, allzu Menschlichen die ganze herrliche Schönheit des Glaubens auf. Und angesichts der Nachrichten aus St. Pölten, dem gar arg vielem Menschlichen, allzu Menschlichen, auf dass sich die Medien hierzulande sinnigerweise geradezu mit Wollust stürzen, tut ein Blick auf diese Schönheit bitter not. Natürlich, der Abbé Gaston ist nur eine Figur aus einem Roman. Dennoch, das möchte ich wetten, ist die Kirche Jesu Christi auf solche demütigen Felsen erbaut.

Übrigens ließ sich auch George Bernanos "Die Sonne Satans" in den zahlreichen Bücherstapeln finden; ebenso ein weiterer Roman von Jan Dobraczynski, "Jeremia", der Name umreisst das Thema.

St. Ottilien ist sehr interessant. Da es sich bei der Erzabtei um eine relativ junge Gründung handelt, blieb Kloster und Kirche das Schicksal einer besonderen künstlerischen Ausgestaltung erspart. Die Kirche ist weitgehend schmucklos, ein Bau, gerade mal über 100 Jahre alt, errichtet im neugotischen Stil. Von ferne allerdings - von der Autobahnabfahrt über die Felder hin erblickt - ist der mächtige Kirchturm eindrucksvoll, fast wie ein trutziger Bergfried des Gottvertrauens. St. Ottilien muss einiges ziemlich richtig machen: das Kloster hat wenig Sorge um Nachwuchs. Beim Pontifikalamt war die Kirche übervoll. Mit etwas Glück kann ich mir oben auf der Orgelempore einen Sitzplatz auf einer Holzbank sichern ... das Glück mit ein wenig schlechtem Gewissen vermengt, wenn ich die vielen Leute sehe, die stehen müssen. Auch bei der Vesper ist die Kirche so voll, dass hinten etliche Leute stehen. St. Ottilien muss wirklich einiges richtig machen.

Samstag, Juli 10, 2004

Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters
Morgen ist der Festtag des Heiligen Benedikt von Nursia. Er, ohne leibliche Kinder, wurde wie Abraham Stammvater eines großen Volkes, Männer wie Frauen, die auf seine Weisung hören.

Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat! So kehrst du durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurück, den du durch die Trägheit des Ungehorsams verlassen hast. An dich also richte ich jetzt mein Wort, wer immer du bist, wenn du nur dem Eigenwillen widersagst, für Christus, dem Herrn und wahren König, kämpfen willst und den starken und glänzenden Schild des Gehorsams ergreifst. Vor allem: wenn du etwas Gutes beginnst, bestürme ihn beharrlich im Gebet, er möge es vollenden. Dann muss er, der uns jetzt zu seinen Söhnen zählt, einst nicht über unser böses Tun traurig sein. Weil er Gutes in uns wirkt, müssen wir ihm jederzeit gehorchen; dann wird er uns einst nicht enterben wie ein erzürnter Vater seine Söhne; er wird auch nicht wie ein furchterregender Herr über unsere Bosheit ergrimmt sein und uns wie verkommene Knechte der ewigen Strafe preisgeben, da wir ihm in die Herrlichkeit nicht folgen wollten.

Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: "Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen." (Röm 13,11) Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft. "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhörtet eure Herzen nicht!" Und wiederum: "Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist der Gemeinden sagt!" Und was sagt er? "Kommt ihr Söhne, hört auf mich! Die Furcht des Herrn will ich euch lehren. Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen."

Und der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" Wenn du hörst und antwortest : "Ich", dann sagt Gott zu dir: Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tue das Gute! Such Frieden und jage ihm nach!


Ich werden den Tag in St. Ottilien verbringen. Um 9:15 Uhr ist Pontifikalamt, anschließend ein Fest mit Blasmusik, Essen und Trinken im Garten des Exerzitienhauses, um 16 Uhr noch Pontifikalvesper. Ich suche den Frieden, ich jage ihm nach.

Freitag, Juli 09, 2004

Briefe des Nikodemus
Ein längst schon vergriffener Roman von Jan Dobraczynski. Der Pharisäer Nikodemus schreibt seinem Freund und Lehrer Justus 25 Briefe, in denen er von seinen Begegnungen mit jenem Mann aus Nazareth berichtet, Jesus mit Namen. Kein Buch, das "man" heutzutage noch liest. Ein Grund mehr, es zu lesen. Nur dass es mir, da es um "meinen" Jesus geht, nicht leicht fällt zu sagen, ob es in literarischer Hinsicht ein gutes Buch ist. Vielleicht genügt es zu sagen, dass es mir gefällt ... nein, gefallen ist nicht der treffende Ausdruck. Es berührt mich.

Ich habe den Roman letzten Samstag antiquarisch in der Abtei St. Ottilien erworben. Über diesen Besuch bei Gelegenheit mehr.

Mittwoch, Juli 07, 2004

In mancherlei Hinsicht werden die Kreise, die mein Blog zieht, immer kleiner. Mich interessiert eher immer weniger, anderen zu berichten, was andere über die Welt denken und schreiben, wenn deren Denken und Schreiben nicht mein eigenes Leben berührt. Also schreibe ich über meine Tage; so klein die Dinge in diesen Tagen anderen auch erscheinen mögen, sind es doch die einzigen Dinge, die mir sind.

eine schönere Kunst
Den heutigen Tag verbrachte ich meistenteils bei einer Fachtagung. Den ganzen Tag mit Kollegen geredet, zumeist Small Talk, Unwichtiges, das nicht gesagt zu haben für die Welt kein Verlust gewesen wäre. Aber bei solchen Gelegenheiten nichts zu sagen, käme einer beruflichen Rufschädigung gleich. Man muss, will man wer sein, reden, viel reden, dabei aber die Worte nicht mit sonderlich viel Substanz belasten. Schon seltsam, dass gerade die inhaltliche Leere des Gesagten mich ausleert und erschöpft. Nach einem solchen Tag will ich am liebsten kein Wort mehr wechseln. Und mir stehen noch zwei solche Tage bevor. Die Trappisten mit ihrem Schweigen haben vollkommen recht: auf dieser Welt wird nicht zuwenig, es wird zuviel miteinander gesprochen. Gemeinschaftlich über ein Thema schweigen können wäre eine schönere Kunst.

Dienstag, Juli 06, 2004

Ikeabana
Mein heutiges Abendprogramm: Ikeabana, meditatives Möbelstecken mit Ikea. Das mögliche Möbelhaus aus Schweden überließ mir großzügig ein Buchregal, gegen Bares, versteht sich. Nachdem meine Bücher sich anschickten im Wohnzimmer Stapel zu errichten, ließ sich der Erwerb eines solchen Geheges nicht länger aufschieben. Die ersten Stapel, darunter die 18 unbändigen Bände von Will Durants "Kulturgeschichte der Menschheit", konnte ich bereits abtragen. Alles weitere dann morgen. Und wenn nicht morgen, dann übermorgen ...

Montag, Juli 05, 2004

Andechs
Den Tag darauf, Samstags, richtete ich die Kühlerhaube meines Wagens gen Westen, in eine Gegend, in der Bayern noch wahrhaft so bayerisch ist, wie es bayerischer kaum mehr geht. Mit anderen Worten: ich war auf Bayerns Heiligem Berg, ein kurzer Besuch der Abtei Andechs. Andechs war mir nur dem Namen nach bekannt, der Begriff "Heiliger Berg" wanderte in meinem Hinterkopf umher. Mehr an Vorstellung hatte ich nicht. Und Andechs ist tatsächlich so bayerisch, wie ich oben andeutete, in seinem bayerischen Sein beinahe sich selber zur Karikatur. Kirche und Kirchturm sind schon von weitem her sichtbar. Was man erst unmittelbar vor Ort bemerkt, sind die weiten Parkflächen. Damit ist, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, allerdings kein englischer Rasen gemeint, kein kunstvoll arrangiertes Ensemble alter Bäume und gepflegter Hecken, sondern einfache asphaltierte oder geschotterte Flächen, Parkflächen eben für die vielen Hundert Autos, Busse, Motorräder und was sonst noch alles motorisiert auf den Heiligen Berg pilgert. Nicht, dass vordringlich Kloster oder Kirche die Menschen auf den Berg bringt, das Andechser ist es, sei es Hell oder Dunkel, gar Doppelbock Dunkel gebraut. Klostergasthof und Bräustüberl, die Biergärten - bei deren Dimensionen wäre nun aber wirklich anstelle des Gartens der Begriff Park angebracht, nicht von Biergarten, sondern von Bierpark, Bierparkanlagen, wäre billig zu sprechen - sie ziehen die Masse der Besucher in ihren Bann. Ich für mein Teil eile ungerührt am bierseligen Treiben vorüber. Mir sind die Andechser Biersorten alle eins, nämlich Wurst. Die Welt, sage ich, lässt sich klar teilen: auf einer Seite Bier, auf der anderen Wein. Die beiden können zusammen nicht kommen. Und ich halte es mit dem Wein. Aber auch von den Bierparks und Parkanlagen und über diese hinaus streben etliche Dutzend Zeitgenossen Kloster und Kirche zu. So hat man ein wenig Gesellschaft auf dem kurzen Wegstück, so sehr man's vielleicht auch anders lieber hätte. Die Kirche, ich würde ihr Inneres gerne beschreiben, wäre mir nur Gelegenheit gegeben gewesen im Wirrwarr von hinein und hinaus und umher schwärmenden Bajuwaren mehr von ihr zu erfassen. Aber eingekeilt zwischen Anzug und Dirndl, Krachlederner und Minikleid, wird's mir eng um die Brust, Platzangst will mir den im Menschengetümmel ohnehin nicht vorhanden Raum streitig machen, sodass ich schmählich das Feld, nämlich die Kirche, räume, den geistlichen Ort fluchtartig verlasse. Andechs ist sicherlich wunderhübsch schön. Nur habe ich davon zwischen den einigen Tausend Menschen nicht sonderlich viel gesehen. Man müsste vielleicht an einem vollkommen verregneten Tag mitten im trüben und düsteren Monat November - übrigens der Monat meiner Geburt (was immer das über mich besagen will) - kommen, um Licht in der Kirche von Andechs zu sehen.

Seit meinem Besuch vor drei Tagen - aber wirklich ganz ohne ein Zutun von meiner Seite - ist Andechs prominent in die Presse gekommen. Pater Anselm Bilgeri, der Vater des Wirtschaftswunders am Heiligen Berg, wird aus dem Kloster ausscheiden. Die Mönche hatten ihm vor etwa einem Jahr trotz all seiner wirtschaftlichen Erfolge eine lange Nase gezeigt und einen anderen zum Vater und Abt des Klosters erwählt. Nun geht Pater Anselm eigene Wege. Die können ihn, auf boarisch g'sogt, olle moi.

Pater Anselm wird Unternehmensberater | Alle Mönche im Kloster sollen eins sein in Christus - so steht es in der Regel des heiligen Benedikt. Im oberbayerischen Kloster Andechs aber kann von frommer Eintracht seit längerem schon keine Rede mehr sein. Nach erbitterten Streitigkeiten mit Hausverboten, Strafanzeigen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zog der bekannteste Mönch von Andechs jetzt die Konsequenzen: Pater Anselm Bilgri hängt die Kutte an den Nagel und wird Unternehmensberater. - [Yahoo Nachrichten Deutschland].

Melk
Letzten Freitag musste ich beruflich nach Wien. Auf der Heimreise überredete ich den Kollegen, mit dem ich fuhr, zu einem kurzen Abstecher nach Melk, dem Stift, das weithin sichbar unweit der Autobahn gelegen ist. Melk war mir schon vordem bekannt; vor Jahren konnte ich sogar an einer speziellen Führung teilnehmen, die einer der Mönche, Jermia Eisenbauer mit Namen, gab. Bis in die Höhen der Stiftskirche, auf das schmale Gesimse, das sich als Band hoch über dem Boden der Wand entlangzieht, führte er uns. Uns, das war eine Schar Speläologen, eine Zunft, zu der ich mich damals zählen durfte. Ich war also den großartigen Fresken des Johann Michael Rottmayr schon einmal fast auf Armeslänge nahe gekommen ... und habe keinerlei Erinnerung an sie. Offensichtlich wussten sie mich nicht zu beeindrucken; mir war, so wie für viele andere Dinge, das Auge für ihre Schönheit noch nicht geöffnet. Vielleicht war ich damals zu sehr damit beschäftigt den Blick in die Tiefe zu geniessen, und fand keine Zeit, auch keinen Anlass, nach oben zur Bilderflut an der Decke zu schauen.

Das Stift ist, wie wir feststellten, eine gut geölte klösterliche Tourismusmaschinerie, bei der selbst der Eintritt in die Kirche mit einer Gebühr, einem Eintrittspreis, belastet wird. Einzig eine kleine Pforte erlaubt einige Schritte in das Kircheninnere. Wer weiter will, muss dafür zahlen. Das aber kann ich dem gutwilligen Kollegen nicht zumuten, der ohnehin nur mir zuliebe diesen kleinen Abstecher unternahm. So muss ich mich mit einigen Blicken in die Höhe der Kuppel und ins Langhaus begnügen. Die Kirche ist, auch das war mir seinerzeit nicht aufgefallen, eigenwillig proportioniert. Ihre Länge und Breite scheinen hinter ihrer Höhe zurückzubleiben. Und oben, weit oben also, Rottmayrs Bilderwelt. Und wieder einmal, wie schon so oft, bedaure ich es, kein Opernglas bei der Hand zu haben.

Mit einigen ablehnenden Bemerkungen über die Politik des Klosters selbst den Eintritt in die Kirche mit einer Gebühr zu belegen - auch wenn, wie ich zugestehe, die Erhaltung dieses riesigen Gebäudekomplexes wohl schweineteuer sein muss - gingen wir zum Auto zurück. Was hätten wohl, durch die Blume gefragt, William von Baskerville und sein Gehilfe, Adson von Melk, dazu gesagt? Uns jedenfalls hatte die Autobahn wieder.

Den Tag darauf durfte ich mir ein weiteres Beispiel klösterlicher Tourismusvermarktung zu Gemüte führen: Andechs, das so etwas wie ein bayerisches Nationalheiligtum ist. Aber darüber später mehr.