Und immer wieder stört der Zölibat
"Schafft den Zölibat ab!" Mit dicken, schwarzen Lettern auf der Titelseite der Wochenendausgabe der
Salzburger Nachrichten posaunt der Journalist Viktor Hermann eine zur Zeit recht häufig verkündete Botschaft ins Land.
"Priester", hat er entdeckt,
"haben ein verkrampftes, manchmal sogar verkehrtes (= perverses) Verhältnis zu Sexualität, das entweder geprägt ist von der Unterdrückung oder von Lügen und Heimlichkeiten." Dann schwingt sich der Bogen seine Erkenntnis gar noch höher:
"Die Natur", weiß er uns zu sagen (und wir hören es staunend, offenen Mundes),
"hat uns den Sexualtrieb, wie den Nahrungstrieb und den Trieb zu Selbsterhaltung gegeben, damit die Gattung Homo Sapiens Bestand habe. Das haben wir mit allen lebenden Wesen gemein. Die Natur hat uns den Trieb mit der Lust verschönt, die dazu führt, dass wir Sex weit öfter genießen, als dies zur Zeugung von Nachkommenschaft nötig wäre." Und dann schließt er den Bogen zur messerscharfen Erkenntnis, dass, wer gezwungen sei,
"sein Leben lang seinen Sexualtrieb zu unterdrücken und somit gegen seine Natur zu handeln ... gefährliche Verbiegungen und Störungen seiner Psyche - und in der Folge seelische Krankheiten" riskiert.
Aha. Jeder Priester - frei nach Viktor Hermann - ein potenzieller Vergewaltiger, Pädophiler, Kinderschänder, Zoophilit.
Schafft den Zölibat ab! |
Die Affäre um die Vorfälle in St. Pölten geht uns nahe, weil die homosexuellen Partys zwischen Seminaristen, die Kinderpornos auf PC-Festplatten des Priesterseminars und der mysteriöse Tod eines Priesteramtsanwärters im vergangenen Herbst unmittelbar vor unserer Haustür passiert sind. - [
Salzburger Nachrichten].
In der heutigen Ausgabe des
Standard, einem nicht sonderlich kirchen- und glaubensfreundlichem Blatt, entdecke ich eine weitere Meldung über Pädophilie, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Doch halt: der Täter stammt nicht aus der Schar der potenziellen Missetäter, die Viktor Hermann in Posaunentöne an den medialen Pranger stellt, im gegenständlichen Fall ist von einem Priester weit und breit nichts zu sehen. Ein einfacher Arbeiter war's, kein "Kopfstudierter", noch nicht mal ein freiwillig oder erzwungen Zölibatärer, da dieser dem Bericht nach mit einer Gefährtin sein Leben teilt. Der junge Mann hat seit August des Vorjahres vier Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren mehrfach sexuell missbraucht. Laut Auskunft der leitenden Staatsanwältin geschah dies an der Arbeitsstelle der Lebensgefährtin des Täters:
"Die Frau ist in einem Familienbetrieb beschäftigt, wo sich auch der mutmaßliche Täter öfter aufgehalten hat. Zumindest zu einem Teil der Kinder besteht ein Verwandtschaftsverhältnis mit der Lebensgefährtin, nicht aber zu dem 21-Jährigen" (dem Täter).
Arbeiter missbrauchte vier Mädchen |
Ein 21-jähriger Arbeiter aus dem Bezirk Steyr-Land steht unter dringendem Tatverdacht, seit mindestens einem Jahr vier Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Laut Angaben der oberösterreichischen Sicherheitsdirektion soll der 21- Jährige die Kinder seit August 2003 regelmäßig zu Unzuchthandlungen verführt haben. ... - [
Der Standard].
Kein Zölibatärer, noch nicht einmal Priester, das will sich nicht recht in ein Weltbild nach dem Vorbilde Viktor Hermanns fügen. Ob man generell "die Arbeiter" Hermanns Liste potenzieller Vergewaltiger, Pädophiler, Kinderschänder und Zoophiliten hinzufügen sollte? Arbeiter und Priester? Oder nicht-zölibatär lebende Arbeiter und zölibatär lebende Priester? Und das verbindende Gemeinsame zwischen ihnen, das wäre dann wohl, dass die Lebensweise der einen zölibatär, die der anderen hingegen nicht-zölibatär ist?
Der Pastoraltheologe
Paul Zulehner, durchaus nicht bekannt für mangelnde Kritikfähigkeit gegenüber der Amtskirche, kann dieser schlichten Argumentation wenig abgewinnen. Er spricht von ideologischen Argumenten gegen den Zölibat, so wie er überhaupt unangenehmerweise mit einigen Fakten das weit verbreitete Hermann'sche Weltbild trübt.
"Wie kommt es", schreibt er,
"dass Dutroux, Fourniet mit Frauen lebten; dass in unseren kirchlichen Ombudsstellen verheiratete Pastoralassistenten gemeldet werden; dass verheiratete evangelische Pastoren sich an Konfirmanden vergreifen und evangelische Kirchenleitungen das jahrelang deckten? Von Personen aus den Berufsgruppen Badewarte, Sporttrainer, Lehrer ganz zu schweigen." Nach Zulehner ist es nicht die Lebensform, die Kinderschänder hervorbringt, sondern die Unreife einer Person:
"Jede unreife Person, verheiratet oder unverheiratet, bleibt ein schweres pastorales Risiko, vor allem für pädagogisch abhängige Kinder. Überall ist hier Handlungsbedarf - nicht nur in der Kirche."
Und immer wieder stört der Zölibat: wen wunderts? |
Auf dem Feuer des pastoralen Supergaus in St. Pölten werden viele abgestandene Suppen gekocht. Clara ihren Franz, Madame de Chantal ihren Franz von Sales, Adrienne von Speyer ihren Hans Urs von Balthasar. Die Liste ist unvollständig. Fraglos zölibatäre Männer mit Frauen. Ehelosigkeit ist keine Sache frustrierter Beziehungsloser. Vielmehr kann sie voller erotischer Dynamik sein, die das Leben und Schaffen eines Unverheirateten aufblühen läßt. ... - [
Zulehners Zeitworte].
Die Frage ist vielleicht so zu stellen: wie erwehrt sich die Kirche in Zeiten des Priestermangels des Zustroms von Menschen mit derlei Neigungen? Wie erwehrt sie sich in Zeiten des Priestermangels jener Versuchung, der Bischof Krenn unglücklich erlag: nehmen, was immer kommt, die Seminare füllen um jeden Preis?