Mittwoch, Juni 30, 2004

The Green Mile
Die Kirche - im besonderen in Deutschland - wird sich in den nächsten Jahren entscheiden müssen, welchen Weg sie einschlägt. In der einen Richtung gewinnt sie Figuren wie Drewermann und Küng als Weggefährten. Noch habe ich so viel vom Blick des Aussenseiters, dass ich mir zu urteilen erlaube: es wäre ein Weg entlang der "Green Mile", "Dead Man Walking".

Wozu in einer solchen Kirche bleiben? Ist man religiös liberal, warum dann nicht gleich zu den Protestanten? Wozu zum Schmiedl, wenn man zum Schmied gehen kann? Und wozu denn überhaupt Kirche? An (irgend)einen Gott glauben, das geht doch auch ohne solche lästigen Strukturen? Ist man religiös konservativ, wozu in einer Gemeinschaft verharren, in der man sich nicht länger zu Hause fühlt, die weder ihre eigenen spirituellen Traditionen kennt, noch diese zu wertschätzen weiss? Und je mehr sich die Kirche bemüht, gerade erstere, die Liberalen, zu halten, je mehr sie in Auftreten, Liturgie und Theologie nach deren Mund redet, desto überflüssiger wird sie. Die Liberalen überwinden sie, überwinden sogar noch das Christentum selbst, um Drewermann zu zitieren (man muss übrigens nicht auf dem Katholikentag gewesen sein, um sich ans Hirn zu greifen: Drewermann, ausgerechnet Drewermann!, als Star eines Katholikentages?).

So verliert die Titanic mit Namen Kirche ihre Passagiere auf allen Seiten. Sie tauchen ab. Sie brauchen oder wollen das schwerfällige Schiff Kirche nicht mehr. Und unterschwellig spüren das auch einige unter den Bischöfen. Darum halten sie sich von solchen Events auch fern. Darum kritisieren sie, was ihnen kein Aufbruch, sondern bejubeltes Zeichen des Untergangs ist. Das Schiff hat schwer Schlagseite. Und an Bord dudelt die Kapelle ohne Unterlass Walzer um Walzer. Bis das Wasser zum Hals steht. Lange dauert es ohnehin nimmer. Mit dem Geld, dem Wegbrechen der Einnahmen, fängt der Untergang von dem, was wir bisher Kirche nannten, an.

Dienstag, Juni 29, 2004

Erentrudis
Morgen ist der Festtag der Heiligen Erentrudis, der Landesmutter von Salzburg. Erentrudis war die Nichte des Heiligen Rupert, des ersten Bischofs von Salzburg. Sie ist ein Sproß fürstlichen, möglicherweise sogar königlichen Geblüts. Es war eine Zeit, in der die Besten eines Landes, ja, eines ganzen Kontinents, darin wetteiferten dem größten aller Könige zu dienen. Erentrudis, ihr Name bedeutet im Althochdeutschen "die wie ein Adler Starke", wurde von ihrem Onkel nach Salzburg gerufen, um hier ein Frauenkloster, die heute noch bestehende Abtei Nonnberg, zu gründen. Das Kloster wurde niemals aufgehoben und besteht heute noch, ist also rund 1300 Jahre alt und damit das älteste, noch bestehende Frauenkloster im deutschen Sprachraum. Die erste auf unsere Tage gekommene Lebensbeschreibung der Heiligen, verfasst von einem auf dem Nonnberg lebenden Kaplan, Caesarius mit Namen, stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert. Was er zu berichten weiss, ist also gesponnen aus über Jahrhunderte hinweg vergoldeten Erinnungen. Caesarius berichtet: "Glühend war die Macht ihrer Rede, den Hartnäckigen die harten Herzen zu erweichen und mit dem Salz der Weisheit und dem Honig der Liebe zu würzen." Erentrudis scheint sich auch nach ihrem Tod ihres Standes und Wertes bewusst gewesen zu sein. Eine Legende berichtet, ein Pilger, der an ihrem Grab um Heilung seiner Blindheit flehte und Erhörung fand, hätte den Ausruf getan: "Wie kann ein Weib solch Wunder tun?" Die Heilige hatte für diese Geringschätzung ihres Geschlechts wenig Verständnis: der Mann verlor sogleich das eben wiedergeschenkte Licht seiner Augen.

Heute war die erste Vesper zu ihrem Feste. In der Krypta der Klosterkirche ruht ihre irdische Hülle in zwei Reliquiarien. Diese wurden am Nachmittag in feierlicher Prozession in die Kirche getragen. Eigentlich hatte ich beabsichtigt an der Prozession teilzunehmen, doch vertrödelte ich mich bei der Arbeit, so kam ich etwas zu spät auf den Nonnberg, und konnte nur mehr der Vesper beiwohnen. Die Nonnen sind, was das Chorgebet betrifft, ein eingespieltes Gespann. Es war schön, sich in der Strömung ihres Chorals treiben zu lassen. Im Anschluß daran erfolgte eine Segnung mit der Reliquie der Heiligen. Wer wollte, darunter auch ich, trat nach vorne, stieg die wenigen Stufen zum Chor hinauf, und kniete nieder. Ein Priester ging mit dem Reliquiar, einem Kästchen mit einer Einwölbung auf der Unterseite, zu jedem der dort Knienden, stellte jedem einzelnen das Reliquiar auf das Haupt und sprach den Segen: "Auf die Fürsprache der Heiligen Jungfrau und Äbtissin Erentrudis vergebe Dir Gott Deine Sünden." 1924 öffnete man das Reliquiar, um, was an der Heiligen sterblich war, zu untersuchen. Darin fand sich auch eine Locke ihres Haares, der die Zeit den unverblassten goldenen Schimmer nicht zu rauben vermochte.

Morgen abend ist zu Erentrudis Ehren ein feierliches Hochamt, geleitet von Erzbischof Kothgasser; den Abschluss findet das Fest zu ihrem Gedenken übermorgen mit einem geistlichen Konzert in der Kirche. Wer will, mag kommen. Der Eintritt ist frei.

Montag, Juni 28, 2004

Peter und Paul
Vor 3 Wochen stand ich zwischen den beiden Apostelfürsten, vielmehr ihren Abbildern in der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo in Rom aus der Hand des Malers Michelangelo Merisi, den die Welt als Caravaggio kennt. Caravaggio, seine Bilder, waren eine der besonderen Entdeckungen meines Aufenthalts in Rom. Dank besonderer Umstände - Renovierungsarbeiten in der Kirche - konnte ich in die Kapelle hinein und die Bilder in aller Ruhe sowohl aus der Ferne, als auch aus unmittelbarer Nähe betrachten.

Conversione di San PaoloMartirio di San PietroBesonders beeindruckend fand ich die Bekehrung des Heiligen Paulus. Caravaggio verzichtete vollständig auf die Darstellung von Hintergrund. Ihn interessierte nicht die reale Landschaft des Weges nach Damaskus, einzig der ungeheuerlich weite Weg, den der Heilige in diesem Moment in seinem Inneren durchläuft, ist Gegenstand des Bilds. Der Apostel, vom Pferd geschmettert, liegt wie betäubt auf dem Rücken. Die Augen sind geschlossen, sein Gesicht scheint nach innen zu fallen, die gestreckten Arme hingegen sind nach oben hin offen. Dies ist keine Geste der Abwehr mehr. Hier wird jener Christus, den Saulus verfolgte, von Paulus willkommen geheissen. Über dem extrem in die Tiefe des Bildes verkürzten Körper des Apostels steht dessen Pferd, sucht vorsichtig Raum für die Hufe, darauf bedacht, seinen in den Staub geworfenen Herren nicht zu verletzen.

Dem Bild gegenüber hängt Caravaggios Interpretation des Martyriums des Heiligen Petrus. Auch hier interessiert den Maler einzig das zentrale Ereignis, das Thema seines Bildes ist. Mit Licht schält er die Gestalten des ans Kreuz geschlagenen Heiligen und seiner Henkersknechte aus dem Dunkel, in dem er eine Landschaft ungesehen belässt. Petrus, der dreimal seinen Herren verleugnete, der dreimal gefragt wurde, ob er ihn, seinen Herren, liebe, ist nun selber daran Arme und Hände am Kreuz auszustrecken. Sein Blick ist von den Henkersknechten abgewendet, scheint über das Bild hinauszugehen, auf etwas - oder jemand? - gerichtet, den ich nicht sehen kann. Ob er in diesem Moment der Fragen gedenkt? "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Petrus hat Antwort gegeben.

Freitag, Juni 25, 2004

eines geht nieder, eines kommt hoch
Im fünften Band seiner Kulturgeschichte der Menschheit schreibt Will Durant, der Glaube an Christi Wiederkehr hätte das Christentum begründet, die Hoffnung auf das Himmelreich es erhalten. "Historisch gesehen", fügt er in einer Fußnote an, "verhalten sich der Glaube an das Himmelreich und der Glaube an ein irdisches Utopien wie die zwei Schöpfeimer eines Ziehbrunnens: Geht der eine nieder, so kommt der andere hoch."

Eine interessante Anmerkung, insbesondere für unsere Zeit. Daran gemessen leben wir in Umständen, die unserem Teil des Erdballs ein irdisches Utopia, ein Paradies auf Erden, verheissen. Nicht wenige Zeitgenossen erwarten dank Gentechnologie das Ende aller Krankheiten, am Ende gar die Niederwerfung des bislang unversöhnlichsten Feindes allen Lebens, des Todes. Alles ist machbar. Von diesem Glaube zehrt unsere Gesellschaft. "Machen", sagte einer meiner Deutschlehrer vor jetzt schon nahezu 40 Jahren gerne, "machen tut man nur in die Hose, und sonst gar nichts". Der Glaube an ein ubiquitäres Machen, ich fürchte, auch dies wird ziemlich in die Hose gehen. Geschieht es nicht bereits? Geht der eine Eimer nieder, kommt der andere hoch. Das Utopia des Westens wird seinen Krieg verlieren.

Donnerstag, Juni 24, 2004

Giacomo Gastoldi
Nichts mit Guiseppe, auch kein Giovanni, von einem Gastone oder Gasparone vollends zu schweigen. Giacomo Gastoldi, so lautete der Name auf der Einladung zum Patroziniumsfest von St. Johannes am Imberg. Seine "Missa brevis oratio" aus dem Jahr 1611 setzte die musikalische Glanzlichter der Feier. Dabei wurde sie von so wenigen Sängern vorgetragen, dass man sich scheut, das kleine Häuflein als Chor zu benennen. Solisten, die ihre Stimmen polyphonal ineinander verschränken, wäre als Bezeichnung wohl treffender.

Giovanni war übrigens dennoch schon fast so etwas wie ein Treffer, hieß doch der Komponist mit vollem Namen Giovanni Giacomo Gastoldi. Mir war er, dessen Musik noch in die Zeit der Renaissance fällt, bislang unbekannt. Aus der "Missa brevis oratio" war im Web leider kein Hörbeispiel zu finden, statt dessen kann ich zwei andere kurze Eindrücke aus seinem Schaffen anbieten. Da wäre als erstes das kurze Flötenstück Alta Mendozza. Und als zweites ein Madrigal, Amor Vittorioso. Die Liebe, Amor, der unübertreffliche Bogenschütze, ruft seine Armee zu tapferem Streite, um allen Widerstand zu bezwingen und zu obsiegen.

Tutti Venite armati O forti miei soldati | Jeder komme bewaffnet, alle meine starken Soldaten.

Io son L’invitt’ Amore Giusto saettatore Non temente punto Ma in bella schiera uniti Me seguitate arditi | Ich bin die unbesiegbare Liebe, der gerechte Bogenschütze. Fürchte nichts, sondern folge inbrünstig in vollkommener Anordnung.

Sembrano forti heroi Quei che son contra voi | Unsere Feinde erscheinen stark, jene, die gegen uns sind.

Ma da chi sa ferire Non si sapian schermire Non temente punto | Aber wider jene, die ihres Zieles sicher sind, gibt es keine Verteidigung.

Ma corragio sie forti siat’ a la pugna accorti. | Sei also guten Mutes und listig in dieser Schlacht.

Man verzeihe mir die grobe Übersetzung. Sie ist sozusagen mit der Axt ins Deutsche geschnitzt.

In der Predigt sprach der Kirchenrektor, Domdechant Prälat Johannes Neuhardt, zum heutigen Evangelium, Jesu Antwort auf Johannes des Täufers Frage, ob er jener sei, der da kommen soll, oder ob auf einen anderen zu warten ist (Mt 11,3). "Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt" (Mt 11,6). Nach 2000 Jahren gilt dieses Wort, diese Seligpreisung, wohl auch für die Kirche, den mystischen Leib Christi: Selig ist, wer an ihr keinen Anstoß nimmt, sich nicht stößt an dieser Kirche der Sünder, die gerade einmal so gut ist, wie wir selber es sind. Selig ist, wer hinter ihren mitunter recht hässlichen und gewöhnlichen Zügen das Antlitz unseres Herrn zu erkennen vermag. Neuhardt sprach auch zu einem Wort des englischen Kardinals John Henry Newman: "Leben heißt sich wandeln, und vollkommen sein heißt sich oft gewandelt haben". Darum muss die Kirche sich ständig wandeln, so sie vollkommen sein will. Ecclesia semper reformanda. Aber Kirche, sich wandelnde Kirche, das sind zuallerst wir, das bin - vor allen anderen - ich. Wollte ich nur bereit sein zur Wandlung. Vollkommen ist, wer sich oft und oft und bis in den tiefsten Kern hinein wandelt.

Mittwoch, Juni 23, 2004

Patrozinium
Morgen ist der Festtag des Heiligen Johannes des Täufers. Und der Salzburger Lateran, wie wir Einheimischen das kleine Kirchlein St. Johannes am Imberg liebevoll nennen - wie sein größeres Vorbild in Rom darf es Johannes den Täufer und Johannes den Evangelisten als seine Patrone nennen - unser kleiner Lateran also feiert morgen sein Patrozinium. Um 18:30 beginnt die Festmesse, die musikalisch von ..., ja, von wessen Missa Brevis eigentlich? Ach, mein Gedächtnis ... ein Italiener, von dem ich, zu meiner Schande gesagt, noch nie etwas hörte, und damit meine ich nicht allein dessen Musik. Guiseppe ... oder war es Giovanni? Giovanni Gastone? Guiseppe Gasparone? Morgen abend werde ich es nicht nur wissen, sondern auch hören. Dabei ist St. Johannes so klein, dass auch die Orgel sich nicht durch riesige Ausmaße auszuzeichnen vermag. Und wenn auf der Orgelempore ein Chor mit mehr als 10 Sängern Platz fände, wäre es St. Johannes nicht. Beim letzten Patroziniumsfest, dem Festtag des Heiligen Johannes des Evangelisten am 27. Dezember, wurde mit Hans Leo Hasslers entzückender Missa Dixit Maria gefeiert: eine Orgel und 4 Sänger. Mehr werden es wohl auch diesmal nicht sein. Darüber werde ich wohl noch einige Worte verlieren, morgen abend vielleicht.

Dienstag, Juni 22, 2004

König David
König DavidKommenden Sonntag wird in der Abtei Münsterschwarzach das Oratorium "König David", Arthur Honeggers Symphonischer Psalm, aufgeführt. Und ich bin in Versuchung, ja, in große Versuchung geführt: soll ich die Fahrt nach Münsterschwarzach antreten? Sind ja auch "nur" läppische 400 Kilometer ... Es wäre natürlich eine Verrücktheit, sich alleine dieses Stückes wegen 4 Stunden lang über Autobahnen und Landstraßen zu quälen. In eine Richtung, wohlgemerkt. Anschließend sind die gleichen 400 Kilometer in wiederum 4 Stunden in die entgegengesetzte Richtung zurückzulegen. Es wäre natürlich verrückt ... verrückt, das ist doch bereits Bewegung, Verrückung, fast schon der halbe Weg ... Aber bin ich in dieser Weise so verrückt?

"... Ach, hätte ich Flügel wie die Taube ..."

Sonntags um 16 Uhr beginnt das Konzert. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werde ich wissen, ob ich vernünftig blieb (ach, klingt das langweilig), oder ein wenig verrückt.

Der Eintritt ist übrigens kostenlos. Wer also in der Gegend ist - und Gegend ist alles unter 400 Kilometer - sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Vielleicht sieht man sich ja? (vorausgesetzt, ich bin ein klein wenig verrückt)

Montag, Juni 21, 2004

Der Segen Seiner Allheiligkeit
Zur Zeit ist Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, in Österreich. Heute abend nahm er an einer Vesper in der Salzburger Benediktinnerabtei St. Peter teil, dem ältesten Kloster im deutschsprachigen Raum. Ein feierlicher Einzug in die Stiftskirche, vorne die Mönche von St. Peter, dahinter etliche kirchliche Würdenträger, darunter der Salzburger Alterzbischof Eder, schließlich sein Nachfolger, Alois Kothgasser, an seiner Seite Seine Allheiligkeit. Neben der orthodoxen liturgischen Kleidung sieht die katholische erzbischöfliche Pracht geradezu ärmlich aus. So sind die Schuhe (oder war es der Mantel?) Seiner Allheiligkeit mit Glöckchen besetzt, die bei jedem Schritt vernehmlich schellen, ein orthodoxer Mönch trug die Schleppe, die Teil der liturgischen Kleidung Seiner Heiligkeit war. Die Predigt Bartholomaios I., von einem seiner Begleiter verlesen, war dem Lob des Mönchtums gewidmet, das ein Zeichen wider die Zeit sei, prophetisch, apostolisch und märtyrerhaft. Am Ende segnete Seine Allheiligkeit die Anwesenden, sodass ich zwar noch nie höchstselbst in eigener Person vom Papst, dem Nachfolger des Heiligen Petrus, dafür aber vom Nachfolger des Heiligen Andreas, Petrus Bruder, gesegnet wurde.

Sonntag, Juni 20, 2004

"Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen."(Goethe, Italienische Reise, 7. November).
Und so geht es mir, wenn ich über Rom schreiben möchte. Ich sah so vieles, aber wie darüber schreiben, ohne die kleinen Münzen allzu oft weitergereichter Klischees, die nahezu bis zur Bedeutungslosigkeit abgegriffen sind, meinerseits auzugreifen und weiterzugeben? Aus diesem Grunde resigniere ich und verzichte auf eine ausführlichere Reisebeschreibung. Vielleicht hätte ich tatsächlich, wie ich mir überlegt hatte, meinen Laptop mitnehmen sollen, jeden Tag eine Art Reisetagebuch führen, die Eindrücke frisch aus meinem Kopf in Bit und Byte pressen. Jetzt ist es dafür zu spät.

Samstag, Juni 19, 2004

14 Tage sind schnell um. Kurz: wir sind heil und gesund zurück.

Freitag, Juni 04, 2004

Verabschiedung
Morgen in aller Frühe reisen meine Frau und ich nach Italien. Zuerst nehmen wir eine Woche in Rom Aufenthalt, dann für eine weitere Woche in Assisi. Ich glaube nicht, dass ich heute noch Zeit finden werde, hier etwas einzutragen. Darum verabschiede ich mich bereits jetzt, so Gott will nur für 14 Tage, dann sind wir wieder zurück.

Donnerstag, Juni 03, 2004

Jennas Pilgerfahrt
Noch jemand ist auf Pilgerfahrt: Jenna Bush, die Tochter des eben erwähnten Mannes, pilgerte die letzten Tage quer durch Spanien nach Santiago de Compostela, zum legendären Grab des Apostels Jakobus. Vati kann ja auch wirklich jedes Quentchen Hilfe von oben brauchen. Und das gewiss nicht vorzugsweise wegen der kommenden Wahl.

Bush-Tochter pilgert durch Spanien | Die feierfreudige Tochter von US-Präsident Bush bereist derzeit Spanien. Jenna Bush sucht dabei innere Einkehr: Sie pilgert zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela.- [netzeitung].

Bushs Pilgerfahrt
Päpstliche Lektion für einen US-Präsidenten | "... Die Begegnung zwischen dem hoch gebildeten Papst und einem ungehobelten US-Präsidenten könnte für Letzteren auch ein gute Nachhilfestunde in Religion werden. Würde er doch dabei, wenn er Ohren hat zu hören, vielleicht manch Nützliches über etwas erfahren, das auch seiner eigenen protestantischen Tradition widerstrebt - die Sünde der Hoffart. Der Gastgeber des Präsidenten in Rom, Berlusconi, ist ein Clown. Im Papst allerdings begegnet er einem Giganten. Man kann nur - wider alle Erfahrung - hoffen, dass er den Unterschied bemerkt." - [Der Standard].

Norman Birnbaum über den Besuch des angeblich mächtigsten Mannes der Erde bei einem 84 Jahre alten polnischen Bauern mit äusserst hartem Schädel.

[aufgelesen]
"Große Kunst ist Abkömmling eines triumphierenden Glaubens." - [Will Durant, Kulturgeschichte der Menschheit: Das hohe Mittelalter und die Frührenaissance].

Dazu zwei Fragen: die wirklich große Kunst des hohen Mittelalters kenne ich ... nun, zumindest einiges davon habe ich im Laufe der Jahre selber gesehen. Aber was ist die große Kunst unserer Tage? In welchen Beispielen zeigt sie sich? Und welchen triumphierenden Glauben spiegelt sie wider?

Dienstag, Juni 01, 2004

HerrschaftsZeiten
Pfingstmontag. Mit einem Freund, dem Maler Ruben R. Baumgartner, fahre ich nach Passau. Auf uns warten HerrschaftsZeiten, Glanz und Elend des Fürstbistums Passau, das letzte Kapitel der Geschichte der Menschen am Inn.

In Schärding legen wir eine kurze Pause ein, schreiten die spätbarocke Gebäudekulisse der Silberzeile entlang, halten am gedrungenen Wassertor, das die geschlossene Reihe der farbenprächtigen Häuserfront zum Inn hin durchbricht. Der Inn war über Jahrhunderte hinweg ein wichtiger Handelsweg, eine fließende Landstraße, auf der Güter aller Art - im besonderen sei das Salz aus dem Fürsterzbistum Salzburg erwähnt - transportiert wurden. "Aenus", den "Schäumenden", so nannten die Römer den Fluss; den Griechen war er als "Ainos" bekannt, was in etwa das gleiche heisst, daneben aber auch die Bedeutung von "riesig" hat. Schäumend und riesig, von diesen Eigenschaften zeugen kleine Täfelchen an der Häuserwand links neben dem Wassertor. In etwa zweieinhalb Meter über Bodenniveau wird der Höchststand des Hochwassers des Jahres 2002 angezeigt. Etwa doppelt so hoch markiert ein Täfelchen die Überflutung des Jahres 1954. Normalerweise führt der Fluß im Sommer etwa 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Damals hingegen schwoll er auf die dreifache Menge an. Das mächtigste aller Hochwässer seit Menschengedenken war die Flut des Jahres 1598. In vielleicht 8 Meter Höhe ist die Marke an der Hausmauer zu sehen. Die gesamte untere Stadt mag damals kurze Zeit Teil des tobenden Flusses gewesen sein, ehe er wieder in sein altes Bett zurückfiel.

Auf dem Parkplatz oberhalb der Wallfahrskirche Mariahilf ob Passau parken wir das Auto und kehren kurz bei der Mutter Gottes ein. Eine Gedenktafel an der Kirche erinnert an Kaiser Leopold I. und an seinen Berater und Beichvater, den Kapuziner Marco d'Aviano, die im Jahr des Herrn 1683 vor dem Gnadenbild den Sieg über die Türken und das Ende der Belagerung Wiens von der Gottesmutter erflehten. Marco d'Aviano wurde am 27. April 2003 vom Papst selig gesprochen.

Vom Haus der Gottesmutter steigen wir hinab zur Stadt, überqueren den Inn, und folgen einer kleinen Gasse hinauf zum Dom. Der Passauer Dom darf sich des größten barocken Innenraums nördlich der Alpen rühmen. Einem Vergleich mit dem Dom zu Salzburg hält er meines Erachtens nicht stand. Bei aller barocker Pracht atmet der Salzburger Dom Klarheit. Das religiöse und künstlerische Programm, der Weg Christi von der Verklärung an der Hauptfassade über die Stationen seines Erlösungwerkes an der Decke des Langhauses bis hin zum Altarbild, das Seine Auferstehung zeigt, wird von keinem Detail und keinem Zierat überwuchert und unterdrückt. In Passau hingegen umschlingt nach meinem Geschmack der ausladende Stukk die Deckenfresken allzu massiv, sodass das Auge kaum zur Bedeutung der Bilder gelangt. Die Größe des Raumes allerdings ist imposant.

Nach Überquerung der Donau steigen wir zur Veste Oberhaus auf, die Gastgeber der Ausstellung ist. Den hohen Herren, den Fürstbischöfen und ihren Vasallen, widmet sich dieses Kapitel der Geschichte der Menschen am Fluss. Passau war in seinen Glanzzeiten alles anderen denn ein verschlafenes Städtchen. Von hier rückte in den Jahren 1610 und 1611 das gefürchtete Passauer Kriegsvolk aus, 9000 Mann Fußvolk und 4000 Reiter. Gefürchtet waren sie auch wegen der Passauer Kunst. Nein, man zog in diesen Jahren nicht mit Gemälden und Skulpturen zu Felde, die Passauer Kunst, das waren vielmehr besondere magische Kunststücke, auf deren Handhabung sich der Passauer Scharfrichter Kaspar Neidhart und der geschasste Student Christian Elsenreiter verstanden haben sollen. Das Kriegsvolk glaubte sich durch das Verschlucken eines verzauberten Zettels für einige Stunden gegen Hieb, Stich und Schuss gefeit. "Teufel hilf mir, Leib und Seele geb ich dir", stand auf diesen Zetteln geschrieben. Wer allerdings eines anderen Todes starb, dessen Seele, so glaubte man, war rettungslos dem Teufel verfallen. Mit dem Kriegsvolk nahm's allerdings trotzdem - oder gerade deswegen? - ein böses Ende. Beim Streit im Hause Habsburg auf Seiten Kaiser Rudolfs stehend, war doch der Passauer Fürstbischof, der Erzherzog Leopld V., von diesem als sein Nachfolger für den Kaiserthron ausersehen, stürmte das Kriegsvolk gegen die Kaiserstadt Prag und fuhr eine empfindliche Niederlage ein. Selbst in den Kirchen, in die sich die Soldaten flüchteten, selbst noch auf den Stufen vor den Altären, wurde mit unvermindeter Wut aufeinander eingeschlagen, gestochen und geschossen. Ein Gemälde eines unbekannten Künstlers zeigt den Anführer des Kriegsvolkes, Oberst Laurentius Ramee, inmitten seiner Offiziere. Sehr ernst, würdig und feierlich stehen die Männer um ihren Vorgesetzten. Nach der Niederlage allerdings bezichtigte sie dieser des Hochverrats, worauf neun von ihnen den Kopf verloren, und dies nicht in einem sprichwörtlichen Sinn. Sündenböcke, um den ob dieser vernichtenden Niederlage wohl zu erwartenden Grimm des Fürstbischofes zu stillen. Der hingegegen war um einen Ausgleich mit dem Sieger, Kaiser Matthias, bestrebt. Da war auch ihm an einem Sündenbock gelegen, und so ging dem Oberst Ramee seinerseits die Verbindung zwischen Kopf und Leib verloren.

Verloren, ja, so ins Detail verloren komme ich nie zum Ausgang der Ausstellung. Darum überspringe ich etliche Räume und stoße gleich an das Ende vor, die Säkularisation, Passaus Untergang. 1803 besetzten bayerische Truppen das bis zu diesem Zeitpunkt zumindest nominell unabhängige Hochstift Passau. In der Folge ging Passaus Reichtum den Bach hinunter, genaugenommen den Fluss hinauf, und zwar Richtung München. Der Domschatz und das Hofsilber wurden eingeschmolzen, wertvolle Gegenstände, Gemälde, die fürstbischöfliche Hofbibliothek in Kisten verpackt und verschifft. Die wertvollsten Bücher schluckte die bayerische Staatsbibliothek, eine umfangreiche Sammlung römischer Skulpturen landete im königlichen Antiquarium in der Münchener Residenz. München, um's geradeheraus, aber nüchtern zu sagen, wäre ohne die Säkularisierung in kultureller Hinsicht ein großes Kuhdorf geblieben.

Über die Dummheiten und Schandtaten der Säkularisierung in Bayern wäre noch einiges zu sagen. Aber nicht heute.

Von der Veste Oberhaus steigen wir hinunter zur Donau, überqueren sie und gehen die Landzunge bis zu ihrem Ende aus, wo sich Inn und Donau vereinen. Dass der Inn der Donau mehr Wasser zubringt, als diese hier selber führt, dass er von dieser Stelle aus gemessen gar um rund 100 Kilometer länger ist als diese, wer hätte das gewusst? Warum, frage ich Ruben, heisst dann die Donau stromabwärts auch weiterhin Donau und nicht billigerweise Inn? Oder warum ist nicht der Inn stromaufwärts die Donau, und die Donau ein deutscher Fluss mit anderem Namen? Aber selbst ein Künstler von Rubens Graden ist dieser Weisheit nicht kund. Den Fluss, meint er, wird es nicht kümmern. Woher, frage ich ihn, will er das wissen? Wer weiss schon, was der Fluß will. Mit derlei philosophischen Gesprächen verkürzen wir uns den Weg den Berg hinauf zu Parkplatz und Auto. Und damit ist das letzte Kapitel geschlossen. Wer mehr wissen will, muss selber zur Ausstellung fahren.