Evangelium vom Tag: Matthäus, Kapitel 5, Verse 17-19
Jesus und das Gesetz
17 Glaubt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um sie aufzuheben, sondern um sie zur Vollendung zu führen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota oder Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles erfüllt ist.
19 Wer darum eines von diesen ganz geringfügigen Geboten aufhebt und so die Menschen lehrt, wird im Himmelreich "Geringster" heißen. Wer sie aber hält und lehrt, wird "Großer" genannt werden im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.
Günther Schiwy, Weg ins Neue Testament, Bd. 1, S 72-74
17-19 Bevor Matthäus einzelne Beispiele für das Verhältnis des neuen zum alten Gesetz bringt (
Mt 5, 21 - 48), hat er einige grundsätzliche Bemerkungen Jesu zu diesem Thema hier zusammengestellt.
17 Das Gesetz und die Propheten war im Judentum ein stehender Ausdruck für die Bücher des Alten Testamentes, soweit sie im Synagogengottesdienst verlesen wurden.
A -
Das Gesetz (hebräisch
tora) umfaßte die fünf Bücher Mose:
Genesis = Herkunft (der Menschheit);
Exodus = Auszug (des auserwählten Volkes aus Ägypten);
Levitikus = levitisches Gesetz;
Numeri = Volkszählung;
Deuterononium = Wiederholung des Gesetzes. Das Gesetz, der dem auserwählten Volk durch Mose kundgetane Wille Gottes, war die Grundlage der jüdischen Frömmigkeit. Denn der Bund Gottes mit diesem Volk war geknüpft an die getreue Befolgung des Gesetzes: »Wenn ihr nun auf mein Wort gewissenhaft hören und meinen Bund halten wollt, dann sollt ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein..., ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein« (
Ex 19, 5 - 6). Doch das Gesetz war auch Grundlage des bürgerlichen Rechtes. Seit dem Bundesschluß am Sinai (um 1280/70 v.Chr.) wurde das Gesetz weiter entwickelt und erstreckte sich schließlich auf alle Lebensverhältnisse. Indem auch jüngere Gesetze mit »Jahwe sprach zu Mose« eingeleitet wurden, gab man der Überzeugung Ausdruck: die Offenbarung des Willens Gottes ist mit dem mosaischen Gesetz abgeschlossen, scheinbar neue Gesetze sind nur dessen Auslegung und Anwendung. Das Gesetz wurde anfangs und so lange nicht als Last empfunden, als man sich bewußt war, daß man es nur mit Gottes Hilfe erfüllen konnte und um diese bat. So war das Gesetz ein Geschenk der Liebe Gottes mit dem Ziel, die Gegenliebe des Menschen zu wecken: »Dieses Gebot, das ich dir heute anbefehle, ist ja nicht zu schwer für dich und nicht unerreichbar... In deinem Munde und in deinem Herzen ist es, so daß du es tun kannst... Was ich dir heute gebiete, geht dahin, daß du Jahwe, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen wandelst, seine Gebote, Satzungen und Vorschriften beobachtest« (
Dtn 30, 11 - 16). Die Freude über das Gesetz ist vielfach bezeugt: »Die Vorschriften Jahwes sind richtig, erfreuen das Herz« (
Ps 19, 9). »Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist meine Lust, und dein Gesetz habe ich im Herzen« (
Ps 40, 9)!
Psalm 119 ist ein einziges Lob des Gesetzes. Erst als durch die politischen Katastrophen, die man als Strafe Gottes auffaßte, eine genauere, ängstliche Beobachtung des Gesetzes eingeschärft wurde, erst als die Schriftgelehrten durch künstliche und übertriebene Auslegung des mosaischen Gesetzes eine »Überlieferung der Alten« schufen und sie als noch wichtiger als das geschriebene Gesetz erklärten, erst als die Pharisäer diese Gesetze aus eigener Kraft und als eigene Leistung zu erfüllen vorgaben und sie als den einzigen Weg zum Heil priesen, kannte der durchschnittliche Fromme sich in den Paragraphen des Gesetzes nicht mehr aus, erkannte der Gewissenhafte seine Schwäche, glaubten sie sich verloren, indes der pharisäisch »Fromme« sich selbst betrog und über das Gesetz Gott selbst aus den Augen verlor. Mit Jesus tritt der göttliche Gesetzgeber selbst in die Geschichte ein und offenbart den endgültigen Willen Gottes, wodurch er das alttestamentliche Gesetz vollendet und »aufhebt«. Die Auseinandersetzung der Urkirche mit dem alttestamentlichen Judentum führt vor allem Paulus, indem er den vorbereitenden Charakter des jüdischen Gesetzes herausstellt, das nicht selbst das Heil vermitteln, sondern den Menschen mit Gott konfrontieren und so die Verlorenheit in die Sünde und das Angewiesensein auf Gottes Gnade bewußt machen sollte. In Jesus ist uns diese Gnade geschenkt worden, er hat uns vom alttestamentlichen Gesetz befreit, weil er uns von der Sünde befreit hat. Daß damit Gesetze überhaupt (= für eine Gemeinschaft erlassene Ordnungen, aufgestellt von der zuständigen Autorität) nicht abgeschafft sind, zeigt nicht nur die Autorität, mit der Paulus und die Apostel im Namen Christi in der Urkirche auf Ordnung schauen, zeigen nicht nur Kirchenrecht und Kirchengebot überall da, wo sich einzelne Gläubige zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, sondern wird auch offenbar aus der Notwendigkeit, mit der eine Gemeinschaft, ein Staat etwa, zugrunde geht, wenn er ohne Gesetze auszukommen trachtet. Der tiefere Grund liegt darin, daß die Freiheit des Menschen vorgegebene Bindungen, Ordnungen, Gesetze nicht nur verträgt, sondern geradezu fordert: Nur indem der Mensch die Gesetzlichkeiten der Materie, des Lebens, des Geistes, der Gemeinschaft frei bejaht - soweit sie sachgerecht sind -, verwirklicht er sich selbst in diesen Dimensionen, in die hinein er durch die Offenheit seines Geistes und die notwendige Verleiblichung seiner selbst gewiesen ist. Und da Gott den Menschen auf Gemeinschaft hin geschaffen hat, Gemeinschaft aber ohne Ordnungen nicht sein kann, bejaht einer den Willen Gottes, wenn er sachgerechte Gesetze bejaht. Daß das Gesetz der Welt, des zwischenmenschlichen Lebens und der persönlichen Sittlichkeit letztlich auf Gott zurückgeht, war auch Heiden nicht unbekannt.
B -
Die Propheten, die in der Synagoge gelesen wurden, waren die Bücher
Josua,
Richter,
1 Samuel,
2 Samuel,
1 Könige,
2 Könige und die Bücher der sogenannten Schriftpropheten
Jesaja,
Jeremia,
Baruch,
Ezechiel,
Hosea,
Joël,
Amos,
Obadja,
Jona,
Micha,
Nahum,
Habakuk,
Zefanja,
Haggai,
Sacharja und
Maleachi.
Daniel und alle weiteren »Schriften« waren als spätere ausgeschlossen. Die »Propheten« werden nicht im Gegensatz zum »Gesetz« genannt, sondern gerade weil auch sie dieses interpretierten und einschärften. Besonders beliebt aber waren ihre messianischen Prophezeiungen, an denen sich die Hoffnung der Juden aufrichtete.
C - Jesus wird das Gesetz und die Propheten nicht
aufheben, als sinnlos erklären, sondern gerade in ihm werden sich der innerste Sinn des Gesetzes, Ausdruck der Liebe zwischen Gott und den Menschen zu sein, und die messianischen Prophezeiungen erfüllen.
18 A -
Amen (= wahrlich, so sei es), sagten die Juden zu der Rede eines anderen, wenn sie ihr zustimmten. Jesus stellt es an den Beginn seiner Worte, als wollte er sagen: Was
ich euch sage, darüber gibt es keine Diskussion, das ist so, ob ihr es bejaht oder nicht. Ihr könnt darüber auch gar nicht urteilen, es übersteigt eure Erkenntnis,
ich aber weiß es und sage es euch: Jesus beansprucht uneingeschränkte Lehr- und Gesetzesautorität wie einst der Gesetzgeber auf dem Sinai: Gott.
B -
Bis Himmel und Erde (biblisch für die Welt)
vergehen, soll nicht ein Jota (der griechische Buchstabe für den kleinsten hebräischen, das jod’)
oder ein Tüpflein (Häkchen, Krönchen, eine Verzierung der hebräischen Quadratschrift)
vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist: bis der Sinn jedes, auch des kleinsten Gebotes sich erfüllt hat. Vieles hat sich schon erfüllt durch die Ankunft Jesu, alles wird sich erfüllen bei seiner zweiten Ankunft. Das ewige Leben wird eben nicht darin bestehen, wie die Schriftgelehrten meinten, daß Gott dann das Gesetz weiter auslegen wird, sondern die vollkommene Liebe wird das Gesetz vollkommen überflüssig machen. Noch aber ist die Liebe nicht vollkommen, noch bedürfen wir des Gesetzes in dem Maße, als es nicht durch Liebe »erfüllt« wird. Diese Worte stammen wohl aus einer Diskussion mit Gesetzesfrommen innerhalb der judenchristlichen Gemeinde und mögen in ihrem nächsten Wortsinn ein gewisses beruhigendes Zugeständnis an die Mentalität jüdischer Christen enthalten: doch sicherlich nicht an die pharisäische Gesetzesfrömmigkeit, sondern man muß das Wort aus dem positiven Gesamtverhalten Jesu dem Alten Testament gegenüber erklären.
19 Hier wird zwar zwischen wichtigen und weniger wichtigen
Gesetzen unterschieden, aber es bleibt dabei: auch
das geringste hat seinen Sinn. Wer es nicht erfüllen zu müssen glaubt und das noch verbindlich
lehrt, wird zwar nicht gleich aus der
Königsherrschaft der Himmel ausgeschlossen, aber doch auch nicht
der Größte sein darin, sondern
der Geringste: denn der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Bund ist ihm nicht aufgegangen. Ein Wort an die Adresse von Heidenchristen mit laxer Gesetzesbeobachtung?