Mittwoch, März 31, 2004

"... a heavy blow against atheism"
Nicht untypisch. Im "freien Westen" rühren wir die Suppe um, bis wir endlich das Haar finden, das - wie wir wissen - in der Suppe sein muss. Und natürlich finden wir ein, zwei darin, gar einige Dutzend, genug für ein ganzes Schock Perücken. Und andernorts, in diesem Falle China, zieht man es vor, sich mit der Suppe zu beschäftigen, ungeachtet des einen oder anderen Haares, das sich darin befinden mag ... oder auch nicht. Alles eine Frage der Sättigung. Wer keinen Hunger hat, kann es sich leisten, am Essen zu mäkeln.

AsiaNews: Pirated copies of "The Passion" used to evangelize | A Catholic webmaster, who requested anonymity, said that despite a government crackdown on pirated videos, an open Church priest in Shanxi Province has encouraged his parishioners to watch The Passion. ... "Quite a number of laypeople have said they felt their faith strengthened after watching the movie and felt differently when praying the 14 Stations of the Cross at Lent," the webmaster said. "For me, I found the film very striking, but couldn't bear to watch the scene where Jesus is nailed to the cross," he added. ... The State advocates atheism in education and school text books define Jesus as a mythical character. Any film as religious as The Passion risks being banned and viewed as a challenge to communist state authority. "What's more, The Passion is a very powerful evangelization tool, so it is highly unlikely it will be shown publicly in China," he said. However, he added, the movie’s huge success, as seen in the demand for pirated DVDs, has "struck a heavy blow against atheism."

A young Catholic in Guangdong Province told how she found "exceptionally real as the Messiah went through such pain." A Catholic youth university student in Tangshan (Hebei Province, 160 kilometers southeast of Beijing) recommended the film to friends. Afterward, "one of them asked me to tell him more stories of the Bible, and another expressed his wish to join the Church," he said. The Passion of the Christ begins showing in Hong Kong, Macao and Taiwan at the beginning of April. In Hong Kong there will at least 50 special screenings of the film for Catholic and Protestant groups in two cinemas. There will be 15 minutes of prayer before and after each viewing.


So wird der Film in China gesehen, einem Land, dass immer noch Bekenner gebiert. 15 Minuten Gebet vor und nach der Aufführung des Films: das sah bei uns keiner. Wie auch: wir fischten nach Haaren.

Sonntag, März 28, 2004

Jesus Christ Superstar
Jesus Christ Superstar
Ouverture
Heaven on Their Minds
What's the Buzz
Strange Thing Mistifying
Then We Are Decided
Everything's Alright
This Jesus Must Die
Hosanna
Simon Zealotes
Poor Jerusalem
Pilate's Dream
The Temple
I Don't know How to Love Him
Damned For All Time/Bloodmoney
The Last Supper
Gethsemane (I Only Want to Say)
The Arrest
Peter's Denial
Pilate and Christ
King Herod's Song
Could We Start Again Please
Judas's Death
Trial Before Pilate
Superstar
Crucifixion
John 19:40






Jesus Christ Superstar
Regie: Norman Jewison
Music: Andrew Lloyd Webber
Lyrics: Tim Rice
Music Conducted by André Previn
Darsteller: Ted Neeley (Jesus), Carl Anderson (Judas Iscariot), Yvonne Elliman (Mary Magdalene), Barry Dennen (Pontius Pilatus), Bob Bingham (Caiaphas), Larry Marshall (Simon Zealotes), Josh Mostel (King Herod), Annas (Kurt Yaghjian)


Die Songs der Rockoper als RealAudio-Dateien von einer russischen Webseite verlinkt. Nach über 20 Jahren rotierte gestern diese Aufnahme wieder einmal auf dem Plattenteller meiner Stereoanlage. Ach ja, die 70er. Irgendwie, so scheint's zumindest in meiner - mag sein vergoldenden - Erinnerung, war die Atmosphäre damals optimistischer als dieser Tage. Mit der Welt konnte es wohl nur aufwärts gehen, es würde sich allmählich alles zum Guten wenden. So schaut Jesus/Ted Neeley selbst noch auf dem Weg zur eigenen Kreuzigung hoffnungsfroh in die Zukunft. Werch ein Illtum. Ich werde alt, ich werde alt. Hochgekrempelt trag ich meine Hosen bald.

MARY MAGADALENE, PETER, APOSTLES, CROWD
I've been living to see you
Dying to see you but it shouldn't be like this
This was unexpected, what do I do now?
Could we start again please

I've been very hopeful so far
Now for the first time I think we're going wrong
Hurry up and tell me this is just a dream
Could we start again please

Could we start again please
I think you've made your point now
You've even gone a bit too far to get the message home
Before it gets too frightening
We ought to call a halt
So could we start again please

Samstag, März 27, 2004

es waren die Sommer in jenen Jahren noch länger: Jesus Christ Superstar
Mein vorheriger Eintrag kratzte an meinem Gedächtnis. Unter den alten Schallplatten, die ich oder Andrea vor 20, 25 Jahren kauften oder in unsere Ehe einbrachten, war da nicht auch der Soundtrack zum Film? Ich kniete mich vor das Regal, in dem die Plattencover im Schatten der übermächtigen CD seit Jahren großteils unbeachtet Staub ansetzen. Eine Reise in die Vergangenheit. Rigoletto, Sir Richard Bonynge am Dirigentenpult, Joan Sutherland gab die Gilda, Sherrill Milnes in der Titelrolle, der junge Luciano Pavarotti als Herzog. Damals konnt er ihn nicht nur verführerisch singen, sondern tatsächlich noch spielen. Er war nämlich, auch wenn man das heute kaum glauben mag, zu jener Zeit noch recht schlank. Und mit Martti Talvela ein Sparafucile, wie es ihn kein zweites Mal auf Tonträger gibt. Alles in allem die beste Gesamtaufnahme dieser Oper, die ich kenne. Ich erwarb sie nebst Gesamtaufnahmen von "Carmen" und "La Traviata" um sehr wenig Geld in Rijeka. Das war Ende der siebziger Jahre, auf der ersten gemeinsamen Auslandreise von Andrea und mir. Jugoslawien war damals noch ein einheitlicher Staat unter der Herrschaft von Marschall Josip Broz Tito. Fast ein Stück Zeitgeschichte, diese Platten aus einem Kaufhaus unweit des Hafens von Rijeka. Längst habe ich die gleiche Aufnahme auf CD, sodass sie über viele Jahre hinweg das Regal nicht verließen.

Ah, und dann die vielen anderen Stücke, Strandgut wechselnden Interesses und Geschmacks, mal meiner, mal der Andreas. Klassik, etliche Opern, die vielen Platten italienischer Pop- und Folkmusiker, Fabrizio De André, 1999 an einem Krebsleiden verstorben, Lucio Dalla, Nuova Compagnia di Canto Popolare, Angelo Branduardi ... dann natürlich Leonard Cohen, Stevie Wonder, Neil Diamond ... die späten 70er, frühen 80er Jahre, Andrea und ich, viel Sommer und Sonne - es waren die Sommer in jenen Jahren noch länger - ... und irgendwoher, mein Gedächtnis trügte mich nicht, die Gesamtaufnahme des Soundtracks zum Film. Jesus Christ Superstar. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich sie, höre, wie sich "Good Caiaphas", Annas und die Priester auf den Tod Jesu einschwören: Good Caiaphas ... He is dangerous! (RealAudio).

CAIAPHAS
We must crush him completely -
So like John before him, this Jesus must die
For the sake of the nation this Jesus must die

ALL
Must die, must die, this Jesus must die

CAIAPHAS
So like John before him, this Jesus must die

ALL
Must die, must die, this Jesus must die
Jesus must, Jesus must die!

Freitag, März 26, 2004

Wann ist ein Film Antisemitisch?
Bedenkenswerte Überlegungen von P. Martin Löwenstein SJ anlässlich der gegenwärtigen Diskussion um Mel Gibsons Interpretation der Passion Christi. Für mich überraschend, weil nie in diese Richtung gedacht, dennoch nicht unplausibel: auch Norman Jewisons Verfilmung des populären Musicals Jesus Christ Superstar birgt Passagen, die, so man dies will, antisemitisch gedeutet werden können.

Nach P. Löwenstein wird darin wie sonst in kaum einen anderen Film zwischen den Guten - Jesus und seinen Jüngern - und den Bösen - "den Juden" - unterschieden. Die Mitglieder des Hohen Rates stecken allesamt in obskuren schwarzen Kutten und Hüte, agieren im Dunklen und aus dem Dunklen heraus, oder geben von einem Gerüst herab laut, wo sie wie eine Schar von Geiern auf ihre Beute lauern. Jesus und seine Jünger sind fast wie ein Werbeplakat für United Colors of Benetton zusammengesetzt: Jesus, der Europäer; Judas, der Afro-Amerikaner (natürlich! der Schwarze ist der Verräter! wenn das mal nicht Rassismus ist?); Maria Magdalena, die Asiatin. Daneben die Mitglieder des Hohen Rates, auf die in einer Szene so nebenbei als "die Juden" verwiesen wird: allesamt dunkle, schwarzhaarige Typen mit lockigem Bart, mal düster und bedrohlich, mal als Lachnummern dargestellt. Dies ist nicht alleine auf die szenische Umsetzung im Film zurückzuführen, sondern steckt bereits in der Musik von Tim Rice und Andrew Lloyd Webber; das Duett zwischen dem Bariton Kaiaphas und dem Falsett Annas (Then We Are Decided), in dem sich beides, Bedrohlichkeit wie Lächerlichkeit, untrennbar mischt, ist ein gutes Beispiel dafür. - [P. Löwenstein: Wann ist ein Film Antisemitisch? Kriterien für Antisemitismus im Film: Workshop "Sehschule für Kinogänger"].

Unter diesen Aspekten ist das Musical ein antisemitisches Pamphlet. Ist es das? Ich selber habe nie in diese Richtung gedacht. Auch bezweifle ich, dass Komponist, Lyriker und Regisseur auch nur im entferntesten die Absicht trugen, ein antisemitisches Machwerk zu fabrizieren. Doch wer Antisemitismus darin finden will, wird sicherlich fündig werden. Und Mel Gibsons Film? Wer darin Antisemitismus finden will, wird wiederum fündig werden, in jeder einzelnen Szenen eben jenes Ausmaß an Antisemitismus entdecken, dass selber ins Kino mitgebracht wurde. Der Antisemitismus, auch die Angst davor, steckt in uns, nicht in diesem Film. Wir sind die Steine, die wir schmeissen.

Donnerstag, März 25, 2004

Sossima und Ferapont
"... Ein menschenverachtender Fanatiker auf der einen Seite und ein liebenswürdiger Menschenfreund auf der anderen. Ausgemergelt, mit wildem Haarwuchs, überall Teufel am Werk vermutend, verurteilt der eine die Welt und die Menschheit. Weil ihm seine Zeitgenossen zu lax sind, schickt er sie alle gleich in die Hölle. Selbst Gott vermag gegen die Unerbittlichkeit seiner Logik nichts auszurichten. Denn: Gott ist ihm zum Spiegelbild seiner selbst geworden. Ein verurteilender, Angst und Schrecken einjagender Richter. Ganz anders der andere Mann. Schon seine äußere Gestalt vermag Menschen für ihn zu gewinnen. Sie erweckt Vertrauen. Anstatt die Hölle zu beschwören, erzählt er immer und immer wieder Hoffnungsgeschichten. Selbst im größten Schlammassel vermag er den Funken des Vertrauens zu wecken. So erzählt er darüber, dass Heilige, Maria und Jesus sich gar in die Hölle der Menschen hineinwagen und dort für Unterbrechungen von Qual und Hoffnungslosigkeit sorgen. Er liebt ja die Menschen, mehr noch: er liebt sie auch in ihrer Sünde. Denn nur eine solche Liebe gleicht der Liebe Gottes. Dieser hat ja die Menschen schon geliebt, als sie noch Sünder waren. Und er liebt auch sein eigenes Leben. Auch wenn er fastet, gönnt er sich bewusst diese oder jene Freude. ..."- [Jozef Niewiadomski: Vom Fasten und Lieben: Begnadete Gelassenheit finden].

Eine lesenswerte Betrachtung zur Fastenzeit von Jozef Niewiadomski. Bei der Beschreibung des Pater Ferapont musste ich unwillkürlich an jemand Bestimmten denken, ein Ungerechtigkeit, wie ich wohl weiß. Nur sieht man den Splitter im Auge des anderen so viel leichter, ist nur der Balken im eigenen Auge von gleicher Art. Was ist der Glaube am Ende wert, wenn er zu einer Ideologie verkümmert, die sich mehr um sich selber, als um den Menschen dreht? Mir wäre wohler in meiner Haut, wäre ich nur ein wenig mehr Sossima, und etwas weniger Ferapont.

"Kräuterpfarrer" Hermann-Josef Weidinger +
KönigskerzeWieder ein Todesfall: letzten Sonntag verstarb der als "Kräuterpfarrer" überaus populäre Prämonstratenser-Chorherr Hermann-Josef Weidinger im 87. Lebensjahr. Was ich vor den Berichten anlässlich seines Todes nicht wusste: dieser menschenfreundliche alte Mann, der über die Jahre hinweg durch verschiedene Fernsehsendungen Eingang in viele österreichische Haushalte fand, lebte ein sehr aktives, arbeitsreiches Leben, das ihn weit über Österreichs Grenzen hinaus führte. Er wirkte seit 1938 als Missionar in China, wo er Philosophie und Theologie studierte, das Setzer- und Buchdruckhandwerk erlernte, in der Pressearbeit tätig war, das chinesische Verlagshaus Wah Ming gründete, verschiedene medizinische Kursen absolvierte und als Assistent eines Militärarztes die chinesische Naturheilkunde kennen lernte, um schließlich 1949 nach Abschluss seines Theologiestudiums die Priesterweihe zu erhalten. Im Auftrag des Vatikans reiste er rund um die Welt, um Auslandschinesen für ein chinesisches Presseapostoloat zu gewinnen. Als ihm 1953 eine Malariaerkrankung das weitere Wirken in China untersagte, trat er in das Prämonstratenserstift Geras in Niederösterreich ein. Ihm wurde eine Pfarre anvertraut, daneben sorgte er für den Bau eines Bildungshauses, hielt unzählige Vorträge, erteilte schwererziehbaren Jugendlichen und Sonderschülern Religionsunterricht, daneben erwarb er sich durch intensives Studium ein großes Wissen über heimische Pflanzen und Tiere. Erst in der letzten Phase seines Lebens wurde er zum weitum bekannten "Kräuterpfarrer", der regelmäßig in verschiedenen Fernsehsendungen und Zeitungskolumnen über seine Liebe zu den Kräutern Gottes schrieb: "Die Kräuter sind die Augen Gottes." In seiner letzten Kolumne, die er nur wenige Tage vor seinem Tod verfasste, schrieb er von der Liebe als Gotteskraft. Er selber fasste einmal sein Lebenswerk in den Worte zusammen: "Mein Beruf, damals wie heute, ist die Liebe. Lieben heißt da sein für andere. Und die Liebe ist ein Hin und Her zwischen den Menschen - wer sich selbst vergisst, wird reich beschenkt."

Missio online - alle welt: G'sund g'lebt | Wer kennt ihn nicht, den Kräuterpfarrer Hermann-Josef Weidinger? Wohltuend sind seine Ratschläge - im gleichen Maß für Leib und Seele. Was aber nur wenige wissen: Seine jungen Jahre verbrachte Pfarrer Weidinger als Missionar in China, wo er bei einem buddhistischen Mönch in die Kräuterschule gegangen ist. ...

"Kräuterpfarrer" Weidinger ist tot | Der als "Kräuterpfarrer" über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Prämonstratenser-Chorherr und Buchautor Hermann-Josef Weidinger ist am Sonntag im 87. Lebensjahr gestorben. ...

Requiem aeternam dona eis, Domine, | Ewige Ruhe gib ihnen, Herr,
et lux perpetua luceat eis. | Und ewiges Licht leuchte ihnen.
Te decet hymnus, Deus, in Sion, | Dir gebührt Lobgesang, Gott, in Zion,
Et tibi reddetur votum in Jerusalem. | Und Anbetung soll dir werden in Jerusalem.
Exaudi orationem meam, | Erhöre mein Gebet, Herr,
Ad te omnis caro veniet. | Zu dir kommt alles Fleisch.

Mittwoch, März 24, 2004

In Memoriam Raymund Schwager
"... Nun ist P. Raymund überraschend am Freitag in der Mittagszeit verstorben. Er ging für einen Tag in die Klinik..., es sollten Gewebeproben entnommen werden, nachdem man einen Schatten auf der Lunge diagnostiziert hat. Nach dem Eingriff, noch in der Narkose erlitt Raymund einen Herzinfarkt und verstarb - trotz aller Bemühungen der Ärzte, Bemühungen auch um Reanimation. Ein plötzlicher Tod, an der Schwelle zur verdienten Emeritur. Und für diese hat er sich so viel vorgenommen, v.a. sein Buchprojekt über "Dogma und Drama", ein Projekt, das er zurückgestellt hat zugunsten des vierjährigen Dekanats und der Fakultätsreform. Und wir alle an der Fakultät sind geschockt, betroffen und stückweise auch ratlos..., aber eben zuerst dankbar. ..." - [Jozef Niewiadomski, Dankbar für P. Raymund Schwager SJ, Ansprache beim 18 Uhr Gottesdienst am 1. Fastensonntag in der Kapuzinerkirche Innsbruck].

... Auf die Gewalt reagiert Jesus nicht mit Gegengewalt, ja er griff nicht einmal zur spirituellen Gewalt, zum Verfluchen oder zum Gebet um Rache, wie es der Prophet Jeremia in ähnlicher Situation getan hatte (Jer 15,5; 18,18-32). Die Reaktion seiner Feinde führte ihn vielmehr dazu, seine Verkündigung von der Feindesliebe und Gewaltfreiheit in seinem eigenen Leben zu verwirklichen und der anbrechenden Gottesherrschaft in dieser Extremsituation eine konkrete Gestalt zu geben. Wie er gekreuzigt wurde, betete er für seine Feinde und trat vor Gott für sie ein (Lk 23,34). Seine Hingabe ging so weit, daß er sich mit ihnen in ihrer Not sogar identifizierte, wie seine Worte beim letzten Mahl dies im voraus angedeutet hatten. Die anbrechende Gottesherrschaft blieb so trotz der Ablehnung in seiner eigenen Hingabe wirksam. Dennoch starb er in Verlassenheit. ... - [Raymund Schwager, Dramatische Theologie und theologische Politik].

Dienstag, März 23, 2004

Pietà Pietà Pietà Pietà

Passion, wie wir sie lieben. Reine Ästhetik. Weder Schweiß, noch Blut, schöner Schmerz. Michelangelos Pietà.

Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen (Jesaja 52, 14).

Letzten Donnerstag wurde in Rom im "Braccio di Carlo Magno", dem linken Flügel der Bernini-Kollonaden neben dem Petersplatz, eine Fotoausstellung eröffnet, die sich einem einzigen Gegenstand widmet: Michelangelos Pietà. Die Bilder stammen sämtliche von einem meiner Landsleute, dem 2001 verstorbenen Robert Hupka. Die Fotos entstanden 1964, bei der Präsentation des einzigartigen Stücks anläßlich der Weltausstellung in New York.

"Als ich anfing, konnte ich ich nicht aufhören bis das Schiff, welches die Statue nach Italien zurückbringen sollte, vor meinen Augen verschwand. Das ist eine Erfahrung, die nicht mit Worten beschrieben werden kann: Ich stand vor dem Geheimnis einer wahren Grösse".

5000 Fotos umfasst Hupkas Versuch, das Geheimnis dieser Größe auszuleuchten. Einige dieser Versuche sind nun in Rom zu sehen. Die Ausstellung ist bis 23. Juli geöffnet. Da ich mich im Juni für einige Tage in Rom aufhalte, werde ich Gelegenheit haben, sie zu besuchen.

Montag, März 22, 2004

Dramatis Personae: Jehosaf Bar Qajfa
Der römische Prokurator in Mel Gibsons Film kam also zu seiner Rolle im Prozeß gegen Jesus wie Pontius Pilatus ins Gebet, nämlich ohne so recht zu wissen, wie ihm geschah. Als eigentlich treibende Kraft in der Zerstörung Jesu, anders kann man die Passion nicht nennen, tritt der Hohepriester Kaiaphas auf. Auch über diesen Mann wissen antike Quellen einiges zu berichten.

Ossuar von Jehosaf Bar QajfaIm Jahr 1990 stießen Bauarbeiter im Jerusalemer Vorort Nord-Talbiot auf dem "Berg des üblen Rates" auf antike Spuren. Wie in solchen Fällen üblich wurde die israelische Antikenbehörde für eine Untersuchung herbeigezogen. Dabei entdeckte man ein Grab, in dem sich 12 Ossuarien aus Kalkstein befanden. In solche Ossuarien wurden nach der Verwesung des Fleisches die Gebeine von Verstorbenen endbestattet. Fünf dieser Kästen trugen Inschriften. Auf einem Ossuar wurde der Name "Qajfa" entziffert, auf einem anderen, besonders kunstvoll verzierten, "Jehosaf Bar Qajfa". Vater und Sohn also, oder doch zumindest enge Verwandte, das Grab einer Familie mit dem Beinamen "Qajfa", ins griechische, die Sprache des Neuen Testaments, übertragen: Kaiaphas. Jehosaf Bar Qajfa, Jehosaf (Joseph) Sohn (oder: aus der Familie) des Kaiaphas. Im Inneren des Ossuars befanden sich die Knochen eines etwa 60jährigen Mannes: mit ziemlicher Sicherheit die Gebeine jenes Mannes, der im Film - getreu den Berichten der synoptischen Evangelien - die treibende Kraft hinter der Vernichtung des Mannes aus Nazareth war.

In den Evangelien wird stets nur der Beiname, Kaiaphas, verwendet, doch Josephus Flavius nennt in seinen "Jüdischen Altertümern" den vollständigen Namen des Hohepriesters: "Joseph mit dem Beinamen Kaiaphas". Zum Hohepriester wurde Kaiaphas im Jahr 16 nach Christus durch den Prokurator Valerius Gratus ernannt. Er löste im Amt seinen Schwiegervate Hannas ab, den Gratus ein Jahr zuvor des Amtes enthoben hatte. 19 Jahre lang konnte er sich an der Macht halten, eine Zeitspanne, reif für das antike Guiness Buch der Rekorde: keiner seiner Vorgänger oder Nachfolger im Jahrhundert um Christus erreichte auch nur annähernd diese Dauer. Das muss ihn über die Jahre viel Geld gekostet haben, da das Amt längst von den Römern wie eine Ware gehandelt wurde. Beim Volk war er wohl kaum beliebt, so wie überhaupt die hohepriesterliche Kaste, die das Amt für Geld kaufte und danach trachtete, es im Besitz der eigenen Familie zu halten, verachtet, ja sogar gehasst wurde. Der Talmud überlieferte diese Verachtung der hohenpriesterlichen Sippschaften, darunter jene des Hannas, der auch Kaiaphas als dessen Schwiegersohn angehörte, in einem Lied:

"Weh mir ob des Hauses Boetos: weh ist's mir vor ihren Keulen!
Weh mir ob des Hauses des Hannas: weh ist's mir vor ihren Denunziationen!...
Sie sind Hohepriester, ihre Söhne Schatzmeister, ihre Schwiegersöhne Verwalter, und ihre Knechte schlagen das Volk mit Stöcken."


Als Pilatus stürzte, stürzte auch Kaiaphas. Nach Josephus Flavius (Jüdische Altertümer XVIII, 4, 3) nahm ihm Vitellius, der römische Legat von Syrien, der zuvor den Pilatus absetzte, das Amt. So wurde ein Gespann aufgelöst, das über die gesamte Amtszeit des Pontius Pilatus lief. Ein Gespann, das wohl mit Rücksicht auf gemeinsame Interessen so manches einander nicht zu verweigern vermochte. Was wog dagegen das Leben eines Zimmermanns?

Im Prozeß gegen Jesu zerriß Kaiaphas sein Gewand mit den Worten "Er hat gelästert!". Der Gotteslästerung beschuldigte er ihn. "... weh ist's mir vor ihren Denunziationen!" Im Familiengrab der "Qajfa" fand sich auch ein Ossuar, in das der Aufschrift nach die Gebeine einer Frau namens Miriam Berat Schimon, Miram Tochter des Simon, zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Im Schädel der Frau fand man eine Bronzemünze, ein von Herodes Agrippa I. geprägtes Geldstück aus dem Jahr 42 oder 43 nach Christus. Die Münze war der Verstorbenen wohl in den Mund gelegt worden, Fährgeld für Charon, der in der griechischen Mythologie die Toten mit seinem Nachen über den Styx, den Fluss der Unterwelt, und vor die Tore des Hades, des Totenreiches, bringt. Ein einigermaßen pikanter Fund, zeigt er doch, dass jener Hohepriester Kaiaphas, der Jesus der Gotteslästerung bezichtigte, in seinem Haushalt heidnische Riten und Glaubensbräuche duldete, somit nach dem Verständnis dieser Zeit selbst der Lästerung schuldig war.

Sonntag, März 21, 2004

Dramatis Personae: ... zu Pilatus
Nach dem Prozeß gegen Jesus, der vermutlich am 7. April des Jahres 30 unserer Zeitrechnung stattfand, diente Pilatus noch weitere 6 Jahre als Prokurator in Judäa. Seinem Gönner Lucius Aelius Seianus allerdings war es nicht mehr möglich eine schützende Hand über ihn zu halten. Wie der römische Historiker Cassius Dio berichtet, wurde nämlich Seianus 31 nach Christus der Verschwörung gegen den Kaiser bezichtigt, verhaftet und hingerichtet. Seinen Leichnam schleppte man an einem Haken zur Gemoniae, der Seufzertreppe, die vom Forum auf das Kapitol führte. Nachdem er dort drei Tage lang dem Pöbel zur Belustigung diente, gab man ihm schließlich ein nasses Grab im Tiber. Dies mag erhellen, warum Pilatus so daran gelegen war, den Titel "Amicus Caesaris", den ihm ausgerechnet Seianus zugeschanzt hatte, zu behalten. Auch mag ihm das Schicksal des römischen Statthalters in Ägypten, Cornellius Gallus, ein warnendes Beispiel gewesen sein. Dieser verlor, wie Sueton in seiner Biographie des Augustus schreibt, unter diesem erst den Titel eines "Amicus Caesaris", dann alle Ämter, dann brach eine Flut von Anklagen und Beschuldigungen über ihn herein, sodass er am Ende den einzig ihm verbliebenen Ausweg wählte: Tod durch eigene Hand. Pilatus gelang es beim Prozess gegen den Mann aus Nazareth diese gefährliche Klippe, den Verlust der Freundschaft des Kaisers, durch Konzessionen an das religiöse jüdische Establishment zu umschiffen. Der Preis war gering: ein wenig gekränkter Stolz; und das Leben eines Juden.

6 Jahre nach der Hinrichtung des Mannes aus Nazareth kam es zu einem Konflikt mit den Samaritern. Josephus Flavius (Jüdische Altertümer XVIII, 4, 2) weiss von einem Propheten der Samaritaner zu berichten, der seinen Anhängern versprach, er würde ihnen auf dem Berg Garizim die dort verborgenen heiligen Geräte des Mose zeigen. Eine große Zahl von Samaritern strömte daraufhin auf den Berg. Weil sie aber Waffen bei sich trugen vermutete Pilatus hinter dieser Ansammlung eine Verschwörung, gar einen Aufstand. Er ließ Soldaten aufmarschieren und das Dorf Tirataba angreifen. Viele der dort versammelten Samariter wurden getötet oder gefangengenommen, ihre Anführer hingerichtet. Der Hohe Rat der Samariter legte gegen das brutale Vorgehen des Prokurators Beschwerde bei Vitellius ein, dem römischen Legaten von Syrien. Der enthob um die Zeit des Jahreswechsels 36/37 nach Christus Pilatus des Amtes und schickte ihn nach Rom, um Rechenschaft abzulegen.

Rom war unterdessen gerade dabei sich an einen neuen Kaiser zu gewöhnen. Tiberius, der hartnäckig an Leben wie Herrschaft festhielt, war am Ende von einem Kommandaten seiner eigenen Leibwache mit einem Kissen erstickt worden. Nun herrschte Caligula. Ihn erreichte ein Brief, den König Herodes Agrippa I. in Sachen Pontius Pilatus an ihn schrieb: "Pilatus war von Charakter unbeugsam und rücksichtslos hart. Zu seiner Zeit herrschten in Judäa Bestechlichkeiten, Gewalttaten, Räubereien, Bedrückungen, Demütigungen, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch und grenzenlose unerträgliche Grausamkeit."

Zehn lange Jahre hatte Pilatus das störrische Judäa im Sinne Roms mit harter Hand regiert. Nun aber war er, ein Mann des alten Systems, für den neuen Kaiser nicht länger von Nutzen. Ohne ihm Gelegenheit für eine Rechtfertigung zu geben, setzte Caligula ihn ab. Damit entschwindet Pilatus aus der Geschichte, über sein weiteres Schicksal ist nichts sicheres bekannt, auch wenn es einen vagen Hinweis gibt, dass er eines gewaltsamen Todes starb. Philon von Alexandrien nämlich berichtet über ihn in seiner Schrift "Adversus Flaccum". Darin werden von Philon nur jene Verfolger von Juden erwähnt, die ihrer gewaltsamen Taten wegen, wie Philon meinte, ein gewaltsames Ende nahmen.

Dramatis Personae: von Pontius ...
Ein Sprichwort sagt "wie Pontius Pilatus ins Gebet" , und bezeichnet damit Geschehnisse, die einem zustoßen, man weiss weder recht wie, noch warum. Wie der römische Prokurator möchte man die Hände in Unschuld waschen. Mel Gibson skizziert in seinem Film tatsächlich einen Mann, der an den Geschehnissen, den Prozess gegen Jesus, nur gezwungenermaßen, ganz gegen den eigenen Willen, Anteil nimmt. Er kam dazu, nun, eben so, wie ins Gebet. Die wenigen antiken Quellen hingegen fügen seinem Bild einige düstere Züge hinzu.

Pontius Pilatus (lateinisch für "der mit dem Wurfspieß Bewaffnete"), war der fünfte römische Prokurator in Judäa. Seinen Dienst trat er 26 nach Christus an, also etwa zwei Jahre vor dem vermuteten Beginn von Jesu öffentlichem Wirken. Er enstammt wahrscheinlich dem alten samnitischen Geschlecht der Pontier und gehörte den Equites, dem römischen Ritterstand, an. Die Equites, ursprünglich die Reiter des römischen Heeres, entwickelten sich zu einem eigenen Stand zwischen den Senatoren und dem Volk. Sie waren verpflichtet für ihre Ausrüstung (Pferde, Sklaven, Waffen etc.) selber aufzukommen. Als Mindestvermögen für die Zugehörigkeit zum Ritterstand waren 100.000 Denare erforderlich (als Vergleich dazu: das Verpflegungsgeld eines einfachen Soldaten für ein Jahr betrug 60 Denare). Augustus rekrutierte aus ihnen den Kern seiner Reichsbeamtenschaft und setzte sie als seine persönlichen Vertreter in den Provinzen ein, um mittels ihrer strengen Aufsicht die Steuern einzutreiben.

Pilatus also war einer aus der Schar der römischen Reichsbeamten. Seinen Posten in Judäa verdankte er Lucius Aelius Seianus, Kommandeur der Prätorianer, der Leibwache des Kaisers Tiberius. Als enger Vertrauter des Kaisers führte er für diesen einige Zeit die Regierungsgeschäfte. Seianus war ein im ganzen Reich berüchtigter Judenhasser. Von seinem Schützling erwartete er, den harten Kurs gegen die Juden durchzusetzen. Und Pilatus bemühte sich auch redlich, diesen Erwartungen zu entsprechen. Als er seinen Dienst antrat, befahl er einer römischen Kohorte nächtens mit unverhüllter Kaiserstandarte, die das Bild des Kaisers trug, in Jerusalem einzumarschieren und diese am Tempelplatz vor der Burg Antonia aufzupflanzen. Seine Vorgänger im Amte hatte die Standarte stets verhüllt, um die religiösen Gefühle der Juden, nach deren Glaube der Bilderkult ein Greuel war, zu schonen. Die Juden entsandten sofort eine Gesandschaft nach Cäsarea, dem gewöhnlichen Amtssitz des Prokurators, und forderten die Entfernung des Greuels. Pilatus weigerte sich. Also demonstrierte eine starke Anzahl Tag und Nacht vor dem Palast des Pilatus, bis sie dieser schließlich, am sechsten Tag des Protests, von bewaffneten Legionären einkreisen ließ und ihnen androhte, sie würden bei Fortsetzung ihres Widerstands allesamt niedergehauen. Da fielen die Juden auf die Knie und riefen: "Lieber tot als dieses dulden!" (nach Flavius Josephus, Jüdische Altertümer XVIII, 3, 1). Pilatus beugte sich dem jüdischen Starrsinn, der ihm wohl völlig unverständlich war: Sterben wegen einer solch' nichtigen Sache?

Auch später noch reizte er die Juden, sei es im Auftrag seines Gönners Seianus, sei es aus eigener Abneigung gegen die Juden heraus, oder auch schlicht, weil er dieses Volk am Rand des Reiches samt seiner ihm wohl fremdartig bleibenden Religion weder verstehen konnte, noch wollte. So ließ er unter anderem Kupfermünzen für den täglichen Kleingeldbedarf mit dem Bild eines Opfergerätes aus dem bei den Juden verpönten Kaiserkult prägen. Für den Bau einer Wasserleitung vergriff er sich am Tempelschatz. Als die Juden dagegen protestierten, wies er, wie Josephus Flavius berichtet (Jüdische Altertümer XVIII, 3, 2), Soldaten an, sich in Zivilkleidung unter die Menge zu mischen. Auf ein Zeichen von ihm zogen diese Schlagstöcke aus ihren Gewändern hervor und prügelten auf die Menschenmenge ein. In der ausbrechenden Panik wurden viele von ihnen zu Tode getreten.

Vor diesen Menschen also, der die Juden nicht liebte, wurde Jesus geschleift.

Samstag, März 20, 2004

Survey on Unbelief
Vom 11. bis 13. März fand im Vatikan die Generalversammlung des Päpstlichen Rates für die Kultur statt. In deren Zentrum standen Beratungen hinsichtlich eines Berichts über Atheismus und religiöse Indifferenz. Fundament dieses Berichts bildet ein Fragebogens über den Unglauben, eine Expertenbefragung, gerichtet an Korrespondenten des Rates aus allen fünf Kontinenten.

Mit Hilfe des Berichts wird die Weltkarte des Unglaubens neu gezeichnet. Bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der Generalsversammlung berichtete der Präsident des Rates, Kardinal Paul Poupard, über Ergebnisse der Studie und 6 Schlussfolgerungen daraus:

1 Der Unglaube in der Welt nimmt nicht zu. Er ist ein Phänomen, das vor allem die westliche Gesellschaft betrifft. Sie zeichnet sich nicht in den asiatischen, lateinamerikanischen, oder afrikanischen Weltteilen ab und in ganz geringerem Maß in den muslimischen Weltteilen.

2 Der militante Atheismus ist im Rückgang begriffen und übt keinen politischen Einfluss aus, mit Ausnahme der Staaten, in denen noch immer ein atheistisches politisches System herrscht. Dahingegen ist vor allem in Europa das Aufkeimen eines gewissen militanten Laizismus zu beobachten.

3 Die religiöse Gleichgültigkeit und der praktische Atheismus sind im Wachstum begriffen. Die Grenzen zwischen Agnostikern und nichtpraktizierenden Gläubigen werden fließend und es entsteht ein Umfeld, in dem man faktisch so lebt, als würde Gott nicht existieren.

4 Atheismus und Unglaube, traditionelle Phänomene, die vermehrt bei Männern, im urbanen Umkreis und der kulturellen Mittelschicht zu beobachten waren, breitet sich heute auch unter den berufstätigen Frauen aus: Unter ihnen wächst der Unglaube und erreicht ein fast gleich hohes Niveau wie bei den Männern.

5 Überall nimmt die Anzahl der Personen ab, die regelmäßig in die Kirche gehen. Es bedeutet nicht ein Ansteigen des Unglaubens, sondern eher die Transformation der Religionsausübung und der Art des Glaubens: man glaubt, ohne einer Religion anzugehören.

6 Gleichzeitig ist auch eine neue Suche nach Geistigem im Aufschwung, nicht nach Religiösem. Nicht selten ist sie mit dem Rückgang traditioneller Religionspraktiken verbunden.


Laut Kardinal Poupard geht es bei der Studie nicht um das Problem des Glaubensverlustes an sich, sondern um den Versuch "... konkrete Antworten zu geben. Wir sind keine Soziologen, sondern Hirten." Es gehe darum "... die Antwort auf eine sehr einfache Frage zu finden: Was sollen wir tun? Der wahre Feind des Glaubens ist nicht der aggressive Atheismus. Heute ist Gott für den Großteil der Menschen absolut bedeutungslos. Für Ihn gibt es weder in ihren Bedürfnissen noch im Alltagsleben einen Platz noch eine Notwendigkeit."

Als Maßnahmen gegen den Gottesverlust schlägt er vor: "eine neue Präsenz der Kirche in der öffentlichen Diskussion", "eine neue Sprache, die den Verstand und das Herz erreicht", "eine Initiation im christlichen Glauben, die von der Familie und der Gemeinschaft der Gläubigen gestützt wird und die ihre Fortsetzung in gemeinsam unterhaltenen Erziehungseinrichtungen findet. Katechetischer Unterricht soll dies alles begleiten und eine Liturgie voller Schönheit es fruchtbar machen". - [ Zenit: Der Atheismus geht zurück, statt dessen macht sich Gleichgültigkeit breit – Studie des Vatikans].

vatikanisches Dikasterium
Schon einmal etwas vom vatikanischen Dikasterium gehört? Nein? Ich zuvor auch nicht. Dann aber las ich auf den Seiten des kirchlichen Nachrichtendienstes Zenit, das vatikanische Dikasterium hätte weltweit eine Umfrage bezüglich Atheismus und religiöse Indifferenz durchgeführt, und machte - (o weh! mein alter Deutschlehrer - ich konnte ihn ohnehin nicht besonders gut leiden - würde mit den Augen rollen: "Machen tut man nur in die Hose, und sonst gar nicht!") - machte mich also kundig: Dikasterien, das sind die Zentralbehörden der Römischen Kurie, der Kirchenverwaltung, also Staatssekretariat, Kongregationen, Gerichte, Räte, Ämter, Kommissionen. Schon eine kleine Enttäuschung, nicht wahr? Das Wort klingt doch so gut, fast schon heilsnotwendig, vatikanisches Dikasterium, und ist doch nur ein Ausdruck der Bürokratie. ;-)

Freitag, März 19, 2004

Nach der Passion
Eine Szene, die mir gefiel: Jesus im Garten Gethsemane, in Todesangst zu seinem Vater betend. Auftritt des Versuchers als Frau. Mit statuarischer Miene und einer unweiblich tiefen, leicht heiseren Stimme - ein einfaches, aber wirksames Mittel für eine irritierende Verfremdung - nähert er, vielmehr sie, sich Jesus als Stimme der Vernunft, der personifizierte gesunde Menschenverstand: Kann denn ein Mensch das alles ertragen? Kann denn ein Mensch die Schuld der gesamten Menschheit auf sich laden? Ist dies nicht pure Unvernunft? Wem sollte das nutzen? Jesus gibt im Gebet zum Vater dem Versucher die Antwort: "Aber nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen" (Mk 14, 36). Sein Glaube verwirft des Versuchers Vernunft.

Das wäre nach meinem Geschmack ein guter Abschluss der Szene gewesen. Leider will Gibson an dieser Stelle zuviel. Er mengt noch das Bild von Gen 3, 15 hinzu. "Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse." Eine Schlange kriecht unter dem Rock des Versuchers hervor und auf Jesus zu. Dieser erhebt sich nach der Übergabe seines menschlichen Wollens an den Vater ... und zertritt der Schlange Kopf. Etwas zu viel und zu dick aufgetragene Symbolik für mich.

Gut dann wieder die Szene nach der Heilung des Malchus, dem Petrus im Widerstand gegen die Verhaftung seines Meisters das Ohr abgeschlagen hatte. Nach der Heilung sitzt Malchus auf dem Boden, vollständig verwirrt, berührt von der Hand des Mannes, den zu verhaften er ausgesandt war; berührt, tiefer und über die Heilung des Ohres hinaus, geheilt, doch ertaubt für die Rufe seiner Kumpane, die Jesus gewaltsam abführen. Malchus bleibt zurück, sein Blick irrt verloren ins Leere.

Eine Szene, die mir nicht gefiel: bei Jesu Sterben stürzt ein Tropfen vom Himmel, wohl eine Träne Gottes, schlägt auf der Erde auf, diese beginnt zu erzittern, die Erde schüttelt sich in Konvulsionen, im Tempel klafft die Erde auseinander, der Vorhang zerreisst. Das war zu wenig Evangelium, und zu viel Hollywood für mich.

Nach der Passion
Was mir rein formal auffiel, das Kino, in dem ich den Film sah, ließ ihn in zwei Sälen anlaufen. Davon war jener, in dem ich war, nur zu einem Fünftel gefüllt; und ich wüsste nicht, warum es in dem anderen anders gewesen sein sollte. Ich wäre nicht überrascht, erzielte der Film in deutschsprachigen Landen, überhaupt in weiten Teilen Europas, keinen großen Erfolg. Europa ist nicht Amerika. Mag auch in jedem Dorf eine Kirche stehen, wenn es um gelebten Glauben geht, sind wir nachchristlich. Das - unter anderem - wird der Film demonstrieren. Jesus interessiert nicht mehr. Darum ist auch die Anbiederung mancher Kirchenvertreter, sozusagen beamteter Berufschristen, an den Zeitgeschmack nicht nur peinlich, sondern auch nutzlos. Damit wird niemand dem Glauben an Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, zurückgewonnen.

Donnerstag, März 18, 2004

Nach der Passion
Ich habe den Film gesehen. Hat er mir gefallen? Ich weiss es nicht, ich weiss es wirklich nicht. Hätte er mir überhaupt gefallen sollen? Ist der Kreuzweg etwas, das einem gefällt? Ich vermute, dass Glaubende und Nichtglaubende zweierlei Filme sehen. Mich begleiteten während des Films die Evangelien, oft schon gelesene Passagen, Verse, die sich den Bildern auf der Leinwand hinzufügten, sie kommentierten und ergänzten. Jene, die diese Begleitung nicht haben, welchen Film sehen sie?

Ist der Film antisemitsch, wie so oft in der Presse zu lesen stand? Benyamin Cohen, dem Herausgeben von Jewsweek, verlockte es nach dem Film einen Juden zu töten. Maureen Dowd von der New York Times hätte gerne einem Juden die Zähne ausschlagen. Und ich? Ich verließ das Kino mit einer gewissen Traurigkeit, Traurigkeit über uns Menschen, über das, was wir einander anzutun vermögen. Cohens und Dowds Empfindungen, ich kann sie nicht nachvollziehen, kann nicht verstehen, wie man nach dem Par-force-Ritt dieses Films entlang der Via Dolorosa solche Gefühle hegen kann. Nein, antisemitisch ist dieser Film sicherlich nicht.

Die Gewalt. Ja, die ist im Film, wenngleich ich meine, dass in etwa alle 2 bis 3 Wochen im Fernsehen Filme gezeigt werden, die grausamer und furchtbarer sind. Durchbrochen werden diese Szenen durch häufige Rückblenden, Erinnerungsfetzen der beteiligten Personen, Jesus vor allem, Maria, auch Petrus. Mehr Rückblenden, als ich eigentlich erwartet hatte. In gewisser Weise sind es gerade sie, die die Grausamkeit der Passion am Leben erhalten. Wären nicht sie mit ihrem jähen Wechsel des Tempos, von der Hektik des Passionsgeschehens ins ruhigere Fahrwasser der Erinnerung, ich hätte mich wohl leichter gegen die Gewalt auf der Leinwand wappnen können. So lockten sie mich immer wieder aus der Reserve, öffneten mich wieder ein wenig ... bis zum nächsten Schlag mit Rute, Stock oder Geisel, dem Hammer auf den Nagelkopf durch Hände und Füße.

Ist es ein guter Film? Ich weiss es nicht. Aber spielt das eine Rolle? Mir wurde bewusst, stärker bewusst, dass wir in der Fastenzeit stehen, kurz vor der Karwoche, Karfreitag, vor Christi Passion. Mir wurde bewusst, dass Christus wahrhaftig Mensch war, Mensch aus Fleisch und Blut, keine Idee, kein abstraktes Ideal. Mir wurde bewusst, dass Gott sterben musste, damit ich leben kann. Wahrhaftig: dieser Gott war eines Menschen Sohn. Mir wurde bewusst, dass ich hungere, sehr hungere nach dem, was auf die Passion folgt: Ostersonntag, mich hungert nach der Auferstehung, mich hungert sehr nach Ihm.

Ist es ein guter Film? Was spielt das für eine Rolle?

Evangelium vom Tag: Lukas, Kapitel 11, Verse 14-23

Böswillige Anschuldigungen
14 Er trieb einen Dämon aus, der stumm war. Als der Dämon ausgefahren war, konnte der Stumme sprechen. Und die Leute staunten.
15 Einige aber von ihnen sagten: "Durch Beelzebul, den Anführer der Dämonen, treibt er die Dämonen aus."
16 Andere stellten ihn auf die Probe und verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel.
17 Er aber durchschaute ihre Gedanken und sagte zu ihnen: "Jedes Reich, das in sich uneins ist, geht zugrunde, und ein Haus stürzt über das andere.
18 Wenn aber der Satan mit sich selbst uneins ist, wie soll da sein Reich Bestand haben? Ihr sagt, ich treibe die Dämonen durch Beelzebul aus.
19 Wenn nun ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Jünger sie aus? Sie werden darum eure Richter sein.
20 Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen.
21 Solange ein Starker bewaffnet seinen Hof bewacht, ist sein Eigentum in Sicherheit.
22 Sobald aber ein Stärkerer als er eindringt und ihn überwindet, dann nimmt er ihm die Waffenrüstung ab, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.
23 Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.



Günther Schiwy, Weg ins Neue Testament, Bd. 1, S 337-338

14-23 Lukas folgt in der Beelzebulrede, die aus Einzelworten Jesu zusammengestellt ist, einer anderen Quelle als Markus (Mk 3, 22 - 27), während Matthäus (Mt 12, 22 - 30) beide Quellen miteinander verbunden hat.

14 Der Dämon macht stumm, müßte es korrekt heißen. Das Volk staunt wie gewöhnlich.

15 Einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern (nach Mt 12,24; Mk 3,22) bringen Jesus mit Beelzebul in Verbindung.

16 V.16 unterbricht den Zusammenhang und wird erst bei V. 29 wieder aufgenommen. Jesus soll sich, so fordern sie versucherisch, durch ein Zeichen vom Himmel rechtfertigen.

17-18 Jesus aber kannte ihre Gedanken. In einem Reich (Königsherrschaft), das in sich gespalten ist, tobt der Bürgerkrieg und verwüstet. Gleiches gilt vom Reich Satans.

19 Ein anderes Wort Jesu zeigt, daß die Anklage die Kläger selbst richtet (krisis): Gibt es nicht auch Schüler (Söhne) der Pharisäer und Schriftgelehrten, die unter deren Anleitung versuchen, Dämonen auszutreiben? Etwa auch im Namen Beelzebuls? Doch wohl nicht. So machen die Söhne die Bosheit ihrer Väter, die gegen Jesus arbeiten, offenbar und richten sie.

20 Wenn (und so ist es) Jesus aber in göttlicher Vollmacht die Dämonen austreibt, dann hat die endzeitliche Königsherrschaft Gottes über die Welt bereits begonnen und die Herrschaft Satans ist grundsätzlich schon gebrochen. Als Gott die Ägypter mit Plagen heimsuchte suchte und »die Stechmücken über Menschen und Vieh kamen, sagten die Beschwörer zu Pharao: Das ist der Finger Gottes! Aber das Herz des Pharao blieb hart, und er hörte nicht auf sie« (Ex 8, 15). »Wenn ich deinen Himmel betrachte, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du (daran) befestigt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, das Menschenkind, daß es dich kümmert« (Ps 8, 4-5)?

21-22 Tatsächlich ist der Starke dieser Welt, der Satan, bereits durch einen Stärkeren, und das kann nur Gott sein, überwunden. »Herr, Gott!... Ach schweige nur nicht, rufe ich zu dir! Denn einem Starken nimmt man keinen Raub. Wer könnte auch etwas nehmen von dem, was du geschaffen, wenn es du nicht gibst« (aus den außerbiblischen Psalmen Salomos 5,3f)? Einzelzüge des Gleichnisses über diese Aussage hinaus auszulegen, ist nicht sinnvoll.

23 Lukas fügt ein letztes Einzelwort Jesu bei: In diesem Zusammenhang warnt es die Gegner zu meinen, sie könnten, selbst wenn sie ihre Feindschaft aufgeben, dann wenigstens Jesus gegenüber neutral bleiben, unbeteiligt Zuschauer spielen. Wer sich nicht für Gott entscheidet, hat sich schon gegen ihn entschieden. Wer nicht mit Christus sammelt, zerstreut.


Mittwoch, März 17, 2004

intensivchristlicher Pöbel
Auch die Wochenzeitung für Gesellschaft, Politik, Kultur, Religion und Wirtschaft mit dem schönen Namen Die Furche hat etwas zum Film, der morgen in den österreichischen Kinos anläuft, zu sagen. "Auch hierzulande gab es geschlossene Voraufführungen im trauten Kreis gläubiger Intensivchristen". Ach ja, diese gläubigen Intensivchristen, die Religion möglicherweise tatsächlich intensiv leben, das ist an sich schon verdächtig. Wie kann man Religion nur so ernst nehmen? ... Die Furche will, wie es scheint, die Erde nicht ritzen, durch sie meint ihre Furchen zu ziehen. Wieder eine Zeitung mehr, die sich der Mitte des Medienflusses annähert, sodass es kaum mehr lohnt zu lesen, was ohnehin in anderen Blättern täglich - und damit aktueller - zu lesen ist.

"... Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten" (Mt 5, 13).

Blut und Wunden | Auch hierzulande gab es geschlossene Voraufführungen im trauten Kreis gläubiger Intensivchristen. Doch nun kann man sich ein eigenes Bild über den viel diskutierten Passions-Film von Mel Gibson machen. Auch letzte Woche, nach der Österreich-Premiere für die Vertreter der Religionsgemeinschaften, blieben die Meinungen geteilt: Der reformierte Superintendent Peter Karner sprach von einem "grauenvollen, sadomasochistischen Machwerk", auch die Katholische Aktion kritisierte den Film wegen seiner "fundamentalistischen und polarisierenden Grundtendenz" sowie wegen seiner antijüdisch geprägten Bildsprache. Differenzierter der lutherische Bischof Herwig Sturm, der neben Kritik auch äußerte: "Die ständig präsente Frage bleibt: Warum kann Gott das zulassen? Es wird einem so viel Zeit gelassen, dass man nicht nur beim Film bleibt, sondern an die Leiden der Welt denken muss."

Evangelium vom Tag: Matthäus, Kapitel 5, Verse 17-19

Jesus und das Gesetz
17 Glaubt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um sie aufzuheben, sondern um sie zur Vollendung zu führen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota oder Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles erfüllt ist.
19 Wer darum eines von diesen ganz geringfügigen Geboten aufhebt und so die Menschen lehrt, wird im Himmelreich "Geringster" heißen. Wer sie aber hält und lehrt, wird "Großer" genannt werden im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.



Günther Schiwy, Weg ins Neue Testament, Bd. 1, S 72-74

17-19 Bevor Matthäus einzelne Beispiele für das Verhältnis des neuen zum alten Gesetz bringt (Mt 5, 21 - 48), hat er einige grundsätzliche Bemerkungen Jesu zu diesem Thema hier zusammengestellt.

17 Das Gesetz und die Propheten war im Judentum ein stehender Ausdruck für die Bücher des Alten Testamentes, soweit sie im Synagogengottesdienst verlesen wurden.

A - Das Gesetz (hebräisch tora) umfaßte die fünf Bücher Mose: Genesis = Herkunft (der Menschheit); Exodus = Auszug (des auserwählten Volkes aus Ägypten); Levitikus = levitisches Gesetz; Numeri = Volkszählung; Deuterononium = Wiederholung des Gesetzes. Das Gesetz, der dem auserwählten Volk durch Mose kundgetane Wille Gottes, war die Grundlage der jüdischen Frömmigkeit. Denn der Bund Gottes mit diesem Volk war geknüpft an die getreue Befolgung des Gesetzes: »Wenn ihr nun auf mein Wort gewissenhaft hören und meinen Bund halten wollt, dann sollt ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein..., ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein« (Ex 19, 5 - 6). Doch das Gesetz war auch Grundlage des bürgerlichen Rechtes. Seit dem Bundesschluß am Sinai (um 1280/70 v.Chr.) wurde das Gesetz weiter entwickelt und erstreckte sich schließlich auf alle Lebensverhältnisse. Indem auch jüngere Gesetze mit »Jahwe sprach zu Mose« eingeleitet wurden, gab man der Überzeugung Ausdruck: die Offenbarung des Willens Gottes ist mit dem mosaischen Gesetz abgeschlossen, scheinbar neue Gesetze sind nur dessen Auslegung und Anwendung. Das Gesetz wurde anfangs und so lange nicht als Last empfunden, als man sich bewußt war, daß man es nur mit Gottes Hilfe erfüllen konnte und um diese bat. So war das Gesetz ein Geschenk der Liebe Gottes mit dem Ziel, die Gegenliebe des Menschen zu wecken: »Dieses Gebot, das ich dir heute anbefehle, ist ja nicht zu schwer für dich und nicht unerreichbar... In deinem Munde und in deinem Herzen ist es, so daß du es tun kannst... Was ich dir heute gebiete, geht dahin, daß du Jahwe, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen wandelst, seine Gebote, Satzungen und Vorschriften beobachtest« (Dtn 30, 11 - 16). Die Freude über das Gesetz ist vielfach bezeugt: »Die Vorschriften Jahwes sind richtig, erfreuen das Herz« (Ps 19, 9). »Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist meine Lust, und dein Gesetz habe ich im Herzen« (Ps 40, 9)! Psalm 119 ist ein einziges Lob des Gesetzes. Erst als durch die politischen Katastrophen, die man als Strafe Gottes auffaßte, eine genauere, ängstliche Beobachtung des Gesetzes eingeschärft wurde, erst als die Schriftgelehrten durch künstliche und übertriebene Auslegung des mosaischen Gesetzes eine »Überlieferung der Alten« schufen und sie als noch wichtiger als das geschriebene Gesetz erklärten, erst als die Pharisäer diese Gesetze aus eigener Kraft und als eigene Leistung zu erfüllen vorgaben und sie als den einzigen Weg zum Heil priesen, kannte der durchschnittliche Fromme sich in den Paragraphen des Gesetzes nicht mehr aus, erkannte der Gewissenhafte seine Schwäche, glaubten sie sich verloren, indes der pharisäisch »Fromme« sich selbst betrog und über das Gesetz Gott selbst aus den Augen verlor. Mit Jesus tritt der göttliche Gesetzgeber selbst in die Geschichte ein und offenbart den endgültigen Willen Gottes, wodurch er das alttestamentliche Gesetz vollendet und »aufhebt«. Die Auseinandersetzung der Urkirche mit dem alttestamentlichen Judentum führt vor allem Paulus, indem er den vorbereitenden Charakter des jüdischen Gesetzes herausstellt, das nicht selbst das Heil vermitteln, sondern den Menschen mit Gott konfrontieren und so die Verlorenheit in die Sünde und das Angewiesensein auf Gottes Gnade bewußt machen sollte. In Jesus ist uns diese Gnade geschenkt worden, er hat uns vom alttestamentlichen Gesetz befreit, weil er uns von der Sünde befreit hat. Daß damit Gesetze überhaupt (= für eine Gemeinschaft erlassene Ordnungen, aufgestellt von der zuständigen Autorität) nicht abgeschafft sind, zeigt nicht nur die Autorität, mit der Paulus und die Apostel im Namen Christi in der Urkirche auf Ordnung schauen, zeigen nicht nur Kirchenrecht und Kirchengebot überall da, wo sich einzelne Gläubige zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, sondern wird auch offenbar aus der Notwendigkeit, mit der eine Gemeinschaft, ein Staat etwa, zugrunde geht, wenn er ohne Gesetze auszukommen trachtet. Der tiefere Grund liegt darin, daß die Freiheit des Menschen vorgegebene Bindungen, Ordnungen, Gesetze nicht nur verträgt, sondern geradezu fordert: Nur indem der Mensch die Gesetzlichkeiten der Materie, des Lebens, des Geistes, der Gemeinschaft frei bejaht - soweit sie sachgerecht sind -, verwirklicht er sich selbst in diesen Dimensionen, in die hinein er durch die Offenheit seines Geistes und die notwendige Verleiblichung seiner selbst gewiesen ist. Und da Gott den Menschen auf Gemeinschaft hin geschaffen hat, Gemeinschaft aber ohne Ordnungen nicht sein kann, bejaht einer den Willen Gottes, wenn er sachgerechte Gesetze bejaht. Daß das Gesetz der Welt, des zwischenmenschlichen Lebens und der persönlichen Sittlichkeit letztlich auf Gott zurückgeht, war auch Heiden nicht unbekannt.

B - Die Propheten, die in der Synagoge gelesen wurden, waren die Bücher Josua, Richter, 1 Samuel, 2 Samuel, 1 Könige, 2 Könige und die Bücher der sogenannten Schriftpropheten Jesaja, Jeremia, Baruch, Ezechiel, Hosea, Joël, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja und Maleachi. Daniel und alle weiteren »Schriften« waren als spätere ausgeschlossen. Die »Propheten« werden nicht im Gegensatz zum »Gesetz« genannt, sondern gerade weil auch sie dieses interpretierten und einschärften. Besonders beliebt aber waren ihre messianischen Prophezeiungen, an denen sich die Hoffnung der Juden aufrichtete.

C - Jesus wird das Gesetz und die Propheten nicht aufheben, als sinnlos erklären, sondern gerade in ihm werden sich der innerste Sinn des Gesetzes, Ausdruck der Liebe zwischen Gott und den Menschen zu sein, und die messianischen Prophezeiungen erfüllen.

18 A - Amen (= wahrlich, so sei es), sagten die Juden zu der Rede eines anderen, wenn sie ihr zustimmten. Jesus stellt es an den Beginn seiner Worte, als wollte er sagen: Was ich euch sage, darüber gibt es keine Diskussion, das ist so, ob ihr es bejaht oder nicht. Ihr könnt darüber auch gar nicht urteilen, es übersteigt eure Erkenntnis, ich aber weiß es und sage es euch: Jesus beansprucht uneingeschränkte Lehr- und Gesetzesautorität wie einst der Gesetzgeber auf dem Sinai: Gott.

B - Bis Himmel und Erde (biblisch für die Welt) vergehen, soll nicht ein Jota (der griechische Buchstabe für den kleinsten hebräischen, das jod’) oder ein Tüpflein (Häkchen, Krönchen, eine Verzierung der hebräischen Quadratschrift) vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist: bis der Sinn jedes, auch des kleinsten Gebotes sich erfüllt hat. Vieles hat sich schon erfüllt durch die Ankunft Jesu, alles wird sich erfüllen bei seiner zweiten Ankunft. Das ewige Leben wird eben nicht darin bestehen, wie die Schriftgelehrten meinten, daß Gott dann das Gesetz weiter auslegen wird, sondern die vollkommene Liebe wird das Gesetz vollkommen überflüssig machen. Noch aber ist die Liebe nicht vollkommen, noch bedürfen wir des Gesetzes in dem Maße, als es nicht durch Liebe »erfüllt« wird. Diese Worte stammen wohl aus einer Diskussion mit Gesetzesfrommen innerhalb der judenchristlichen Gemeinde und mögen in ihrem nächsten Wortsinn ein gewisses beruhigendes Zugeständnis an die Mentalität jüdischer Christen enthalten: doch sicherlich nicht an die pharisäische Gesetzesfrömmigkeit, sondern man muß das Wort aus dem positiven Gesamtverhalten Jesu dem Alten Testament gegenüber erklären.

19 Hier wird zwar zwischen wichtigen und weniger wichtigen Gesetzen unterschieden, aber es bleibt dabei: auch das geringste hat seinen Sinn. Wer es nicht erfüllen zu müssen glaubt und das noch verbindlich lehrt, wird zwar nicht gleich aus der Königsherrschaft der Himmel ausgeschlossen, aber doch auch nicht der Größte sein darin, sondern der Geringste: denn der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Bund ist ihm nicht aufgegangen. Ein Wort an die Adresse von Heidenchristen mit laxer Gesetzesbeobachtung?

Gibsons Golgatha
Die für mich bislang beste kritische Auseinandersetzung mit Mel Gibsons Film über die Passion Christi in einer deutschsprachigen Zeitung, der Artikel in der Märkischen Allgemeine von Frank Kallensee (Ehre, wem Ehre gebührt).

"Passion Christi": Auf dem Kreuzweg | Wir sind wieder im Mittelalter. Aber nicht erst durch den amerikanischen Kinostart der "Passion Christi" vor einem halben Monat. Hollywood, Reality-TV und World Wide Web haben uns auch ohne Mel Gibson in eine für bezwungen gehaltene Vergangenheit zurückkatapultiert. Wenn nämlich eine Epoche als Bildkultur zu begreifen ist, dann das späte Mittelalter. Alles, was Menschen damals wussten, glaubten oder hofften, haben ihnen Bilder vermittelt. ... [Märkische Allgemeine].

Dienstag, März 16, 2004

Die Eselei des Alexamenos
"Vielleicht aber wird sich am Ende herausstellen, dass das Atheismus-Problem im Westen schwieriger ist als im Osten", so Kardinal König im Jahr 1965. Dass der Westen, durchsetzt von der Volksseuche des Atheismus, dem christlichen Glauben tendenziell feind ist, wollen immer noch viele Gläubige nicht wahrhaben. Ich aber frage mich, wo wohl die Reise hingeht? Vom Spott im Stile jenes unbekannten Vorläufers unserer Spaßvögel in den Massenmedien, der des Alexamenos Glaube für eine ausgemachte Eselei hielt, bis, ja, bis wohin? Versteckte Diskriminierung? Oder darüber hinaus? Ist der Konflikt zwischen der atheistischen Gesellschaft und dem christlichen Glaube unvermeidbar?

Evangelium vom Tag: Matthäus, Kapitel 18, Verse 21-35

Von der Pflicht zur Vergebung
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?
22 Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
27 Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!
29 Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.



Günther Schiwy, Weg ins Neue Testament, Bd. 1, S 144-146

21-22 Matthäus legt die einleitende Frage zu dem Herrenwort von Lk 17, 4 dem Petrus in den Mund: Herr, wie oft wird mein Bruder gegen mich sündigen können, und ich werde ihm vergeben müssen? Bis zu siebenmal? Jesus sagte ihm: Ich sage dir, nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal (Zahlensymbolik). Die Antwort des Herrn, die Matthäus der Gemeinde einschärfen will, erinnert an Gottes Wort an Kain: »Wer Kain tötet, soll siebenfache (=furchtbare) Strafe erleiden« (Gen 4, 15) und an des Lamech Spruch: »Soll Kain siebenfach gerächt werden, dann Lamech siebzigmal und siebenmal (= noch mehr als Kain)« (Gen 4, 24). Wir sollen immer vergeben und gar nicht zählen, will Jesus sagen.

Der Heide Mark Aurel (+ 180 n.Chr.) findet die folgenden Motive, einem Menschen zu vergeben: »Hat sich jemand in etwas gegen dich vergangen, so erwäge sogleich, welche Ansicht über Gut und Böse ihn zu diesem Vergehen bestimmt habe. Denn sobald du dies einsiehst, wirst du gegen ihn nur Mitleid fühlen und dich weder verwundern noch erzürnen. Denn entweder hast du selbst über das Gute noch dieselbe Ansicht wie er oder doch eine ähnliche, und dann mußt du verzeihen, oder du hast über das Gute und Böse nicht mehr diese Ansicht, und in diesem Falle wird dir Wohlwollen gegen den Irrenden um so leichter sein.«

23-35 Die »Gemeindeordnung« des Matthäus schließt mit einem Gleichnis, das sagt: Weil Gott uns unsere große Schuld ihm gegenüber, unsere Sünden, verzeiht, müssen noch mehr wir einander die kleinen Schulden vergeben. Auf jeden Fall wird uns Gott so behandeln wie wir die Mitmenschen.

23 Deshalb ist es mit der Königsherrschaft der Himmel wie (eine formelhafte Übergangswendung, vgl. Mt 22, 2; Mt 25, 14) mit einem König, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte. Gott als König ist eine alttestamentliche Vorstellung, so daß Gideon die israelitische Königswürde mit den Worten ablehnen konnte: »Weder ich will euer Herrscher sein, noch soll mein Sohn euer Herrscher sein! Jahwe soll euer Herrscher sein« (Ri 8, 23). Knecht ist hier ein »Minister« oder hoher Beamter.

24 Da wurde ihm einer vorgeführt, der zehntausend Talente schuldig war. Das Talent war keine Münze, sondern die Bezeichnung für eine festgelegte Recheneinheit: 6.000 Drachmen (vgl. Dutzend). Der Wert des Talentes läßt sich heute nicht mehr schätzen; der Wert eines attisches Talentes könnte mit etwa 5.500 Mark verglichen werden - die Schuld beträgt also an die 25 Millionen Euro!

25 Da er aber nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn, die Frau und die Kinder zu verkaufen und (ihm so einiges wenigstens) zurückzuerstatten. Das war römisch-hellenistisches Recht, während das Alte Testament in der Regel nur den Mann haftbar machte: »Er muß unbedingt Ersatz leisten, wenn er es nicht vermag, wird er zur Deckung des Gestohlenen verkauft« (Ex 22, 2). Doch ist auch bezeugt: »Eine von den Frauen der Prophetenjünger schrie Elischa an: Dein Knecht, mein Mann, ist gestorben, und du weißt, daß dein Knecht Jahwe verehrte. Nun kam der Gläubiger, um sich meine beiden Söhne als Sklaven zu nehmen« (2Kön 4, 1).

26-27 Der Knecht nun huldigte (proskynese) ihm niederfallend und sprach: Sei großmütig mit mir, und ich will dir alles zurückerstatten. Obwohl offensichtlich ist, daß der Knecht die hohe Summe nicht aufbringen kann, erbarmt sich der Herr, läßt ihn los und gibt nicht nur Zahlungsaufschub, sondern erläßt ihm sogar die ganze Schuld.

28 Gegenüber den 25 Millionen sind die 44 Euro (100 römische Denare), die der Mitknecht dem bis eben noch so Hochverschuldeten zu zahlen hat, eine Lächerlichkeit (der 600.000. Teil der diesem eben erlassenen Schuld).

30-34 Dennoch packte und würgte dieser jenen und hört auf kein Flehen, sondern läßt ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt hätte, wie es nach römischem Recht möglich war. Als nun seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr traurig - es ist die Trauer über die scheinbare Ohnmacht des Guten, die Herzen der Bösen zu überwinden - und informierten ihren Herrn. Der sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hattest. Hättest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmen müssen, wie ich mich deiner erbarmt habe? Und zornig übergab ihn sein Herr den Folterern, bis er ihm die ganze Schuld bezahlt hätte. Die auch nach römischem Recht möglichen Folterungen während der Haft sollten den Schuldner zwingen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit das Geld irgendwie beigebracht wurde. In diesem Fall ist das aussichtslos: ein Bild für die immerwährende Strafe der Hölle.

35 So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht: eine für Matthäus typisch formulierte Anwendung.

Daß wir Gott gegenüber immer in Schuld bleiben und auf seine Gnade angewiesen sind, bringt auch der Heide Statius (1. .Jhd. n.Chr.) zum Ausdruck: »Wie könnte ich, arm wie ich bin, meine Schuld den Göttern gegenüber abstatten? Nein, es würde mir niemals gelingen, auch wenn Umbrien für mich den Reichtum seiner Täler ausschöpfen und die Wiesen des Clitumnus mir ihre schneeweißen Stiere liefern wollten. Und doch haben die Götter schon oft mein Opfer, das ich ihnen in Gestalt von ein wenig Salz und Mehl auf meinem Rasenstück darbrachte, mit Wohlwollen aufgenommen.«

Montag, März 15, 2004

Evangelium vom Tag: Lukas, Kapitel 4, Verse 24-30

24 Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
25 Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
26 Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
27 Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.
28 Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut.
29 Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.
30 Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.



Günther Schiwy, Weg ins Neue Testament, Bd. 1, S 315-316

24 Darum gibt es bei ihm nichts zu korrigieren, und seine Antwort auf die Forderung seiner Landsleute ist ablehnend. Obwohl er nichts von dem zurücknimmt, was zu sein er beansprucht (der Messias), sieht er aber auch keine Notwendigkeit, erneut ein Zeichen zu setzen. Denn der Grund, warum man ihn nicht ernstnimmt, ist nicht echte religiöse Kritik, sondern sind Neid und Mißtrauen. Wem die Zeichen, die er bereits anderswo gewirkt hat, nicht hinreichen, dem helfen auch keine weiteren. Denn wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Vaterstadt anerkannt!

25-26 Die Beispiele (der Wahrheit gemäß) deuten an, daß die Boten Gottes durchaus nicht immer ihre Heimat bevorzugt haben, ja daß Gottes Heilswirken sich sogar vom auserwählten Volk, wenn sich dieses verschließt, abwenden kann zugunsten der weiten Welt. So wurde Elija zu keiner Witwe in Israel geschickt - während der langen (drei, sechs: Zahlensymbolik) Trockenzeit, sondern nach Sarepta, damals eine Stadt am Mittelmeer zwischen Sidon und Tyrus im heidnischen Phönizien. Die Geschichte wird in 1 Kön 17 erzählt,

27 die folgende in 2 Kön 5. Elischa (»Gott ist Großmut«) folgte um etwa 860 v.Chr. Elija im Prophetenamt. Naaman (»Lieblichkeit«), vom Aussatz bedroht, war ein Heerführer König Ben-Hadads II. von Syrien, also auch ein Heide.

28-30 Die Reaktion der Heimat ist ohnmächtige Wut, wie ohnmächtig, soll sich gleich zeigen. Von der Synagoge führen sie Jesus aus der Stadt Nazaret hinaus auf ihren Berg. Von einem Befreiungswunder Jesu ist nicht die Rede. Man führte den Plan also nicht aus, schreckt vor dem Letzten zurück; Gott hindert sie, indem er sie von innen her lähmt. Denn Jesu Stunde war noch nicht gekommen.

Freitag, März 12, 2004

Catholic down to his toes
Ich kann mit ihm nicht viel anfangen: Karl Rahner. Dabei hängt sich meine Ablehnung nicht an seiner von manchen in Zweifel gezogenen Rechtgläubigkeit auf; ich mag nur ganz einfach seine Sprache nicht. Alle meine Versuche Rahner zu lesen scheiterten an ihr, die mir immer unpräzise, verschwommen und vieldeutig erschien. Nun ja, jedenfalls berichtet John Allen in seinem letzten Word From Rome von einer hochgradig besetzten internationalen Konferenz an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom, die Rahner auch in Hinblick auf seine Orthodoxie abhandelte. Glaubt man den von Allen zitierten Persönlichkeiten, darunter auch Erzbischof Angelo Amato, Sekretär der Glaubenskongregation, war Rahner ein orthodoxer katholischer Theologe. "Notwithstanding some ambiguous formulae, Rahner was an orthodox Catholic theologian."

Donnerstag, März 04, 2004

problematische Verkürzung
Kreuzweg

Deutsche Bischöfe kritisieren Gibson-Film "Das Leiden Christi"
Nun ja, nicht gänzlich überraschend, aber dennoch ein wenig enttäuschend. Laut Kardinal Lehmann werde durch die "drastische Darstellung der Grausamkeiten ... auf problematische Weise die Botschaft der Bibel" verkürzt. Gestern nahm ich an einer Kreuzwegandacht in der Franziskanerkirche teil, geleitet von einem der Brüder. Da wurde wohl auch durch die drastische Darstellung der Grausamkeit des Leidens Christi die Botschaft der Bibel problematisch verkürzt. Am besten, man schafft den Kreuzweg, diese überholte mittelalterliche Andachtsform, aus der Kirche hinaus, reisst die Bilder mit den Leidensszenen von der Wand, vielleicht auch - wenn wir uns schon darüber Gedanken machen - schaffen wir auch noch den sadomasochistischen schmerzensreichen Rosenkranz ab. Und wie steht es mit Bachs "Matthäuspassion", Liszts "Via Crucis", allesamt unzulässige Verkürzungen, da doch dort wie da das Leiden Christi im Zentrum steht? ... Nun hoffe ich doch, es mögen die österreichischen Bischöfe nicht gleichweise zeitgeistgeschmeidig sein, hege ich doch die Hoffnung, dass wir die Krankheit, an der die deutsche Kirche an allen Ecken und Ende krankt, schon ein Stück weit überwunden haben.

Deutsche Bischöfe kritisieren Gibson-Film "Das Leiden Christi" | Die Brutalität verkürze auf problematische Weise die Botschaft der Bibel, so die deutschen Bischöfe. Die katholischen deutschen Bischöfe haben sich der Kritik an der Brutalität des umstrittenen Mel-Gibson-Film "Das Leiden Christi" angeschlossen. ... [Religion ORF].

problematische Verkürzung
3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Via Crucis
Die Passion Christi, abseits des Gezänks um den Film: Via Crucis von Franz Liszt, eine musikalische Kreuzwegandacht für Solo-Sänger, Chor und Orgel. Mir war bislang keine Vertonung dieser Andachtsform bekannt. Als ich vor einigen Tagen zufällig darauf stieß, bestellte ich sie sofort und hoffe nun, sie bald zu erhalten.

Zum Einhören zwei kurze Stücke:
Station 3 - Jesus fällt zum ersten Mal
Station 6 - Sancta Veronica

It is fascistic
Der Film - unnötig zu sagen, welchen ich meine - der Film also mag auf seine Art extrem sein. Auf andere Art extrem ist ein Teil der veröffentlichten Meinung. Richard Cohens Kommentar in der Washington Post ist ein gutes Beispiel dafür. Übertriebene Gewaltdarstellung? Antisemitisch? Forget it! Schlimmeres droht von der Leinwand: der Film, sagt Cohen, ist faschistisch. Zwar weiss er nicht, wie er selber sagt, ob dies die richtige Bezeichnung ist, aber da er gerade Richard J. Evans Buch The Coming of the Third Reich las, was soll's, irgendwie wird es schon passen. Er sei, wie er ausführt, nicht der typische Zuseher für den Film, vor allem sei er kein Christ und könne die Passion Christi nicht religiös deuten. Immerhin hätte er doch von sich selber erwartet, Abscheu vor der Folter eines normalen Menschen zu empfinden. Dem war aber nicht so. Vielmehr war ihm der Mann im Film nicht mehr als ein Objekt, und die Gewalt, das Blut, wichtiger als das Opfer der furchtbaren Tortur. Und da es also ihm, Richard Cohen, nicht möglich war Mitleid mit dem gemarterten Mann zu empfinden, sei der Film, wie ihm seine Sensibilität in Hinblick auf Faschismus nahelege, eben faschistisch. Quod erat demonstrandum.

Wenn ich das kurz zusammenfasse: Cohen sieht einen Film, in dem ein Mann gefoltert wird. Ihn interessiert mehr die Gewalt, das Opfer der Folterung berührt ihn nicht weiter. Und weil er, Cohen, kein Mitleid empfindet, kalt und gleichgültig bleibt, ist der Film faschistisch. Vielleicht aber denkt Cohen, denke ich, lieber vom Film schlecht, als von sich.

Faith and Violence | I saw Mel Gibson's "The Passion of the Christ" the morning it opened and hurried to my office to write what I thought of it. I thought the movie was tawdry, cartoonish, badly acted and anti-Semitic, maybe not purposely so but in the way portions of the New Testament are -- an assignment of blame that culminated in the Holocaust. But I wrote none of that, actually nothing at all, because there was something else about the movie that disturbed me, and it took days to figure it out. It is fascistic. ... - [Washington Post].

Mittwoch, März 03, 2004

Gelübde

I really want to kill a Jew
Ist "Die Passion Christi" antisemitisch? Keine Frage, meint Benyamin Cohen, Herausgeber des online-Magazins Jewsweek. Er habe, schreibt er, das Kino mit Mord im Herzen verlassen: "Well, after walking out of an advance screening, my first comprehensible thought was this: I really want to kill a Jew." Und auch Maureen Dowd, hübsche (so viel Chauvinist darf sein) und scharfzüngige Kolumnistin der New York Times, fühlte sich durch den Film zur Gewalt angestachelt: "... this is a Mel Gibson film, so you come out wanting to kick somebody's teeth in. In 'Braveheart' and 'The Patriot', his other emotionally manipulative historical epics, you came out wanting to swing an ax into the skull of the nearest Englishman. Here, you want to kick in some Jewish and Roman teeth. And since the Romans have melted into history ...".

Ist dem so? Ist dem tatsächlich so? Warum aber erkären dann so viele Zuschauer, sie hätten tiefe Betroffenheit empfunden über die Passion, Betroffenheit, weil ihnen während des Films klar geworden sei, dass sie - sie, nicht die Juden, nicht die Römer - sie selber es seien, die Schuld hätten an Jesu Leiden und Sterben? Warum empfinden jene Leute, die schlicht und einfach an Jesus glauben und den Film sahen, nicht dieses Bedürfnis, dem Benyamin Chohen und Maureen Dowd kaum widerstehen konnten: "to kill a Jew", "kick in some Jewish ... teeth"? Vielleicht, weil des Filmes Antisemitismus nicht im Film, sondern in Cohens und Dowds Augen liegt. Vielleicht bringt jeder genau jenes Ausmaß an Antisemitismus in den Film mit, das er dann meint, darin zu zu finden. So gesehen reichen unbelehrbare Antisemiten und deren ausdrücklichen Gegner im Urteil über den Film einander die Hände, sind geschwisterlich in der Bewertung vereint.

Jewsweek Review: Jesus Christ, Superstar? | Despite the hype and hoopla, Mad Mel makes an emotionally bankrupt 'Passion' play full of hatred, ignorance, and poor storytelling. ... You'd have to be living under a rock for the last year to not witness the veritable media frenzy that is surrounding Mel Gibson's new Jesus biopic The Passion of the Christ. National news broadcasts, magazine covers, talk radio -- it seems to have supplanted coverage of even the elections and the war in Iraq. ... - [Jewsweek].

Stations of the Crass | Father, forgive them, for they know not what they do. Mel Gibson and George W. Bush are courting bigotry in the name of sanctity. The moviemaker wants to promote "The Passion of the Christ" and the president wants to prevent the passion of the gays. Opening on two screens: W.'s stigmatizing as political strategy and Mel's stigmata as marketing strategy. Mr. Gibson, who told Diane Sawyer that he was inspired to make the movie after suffering through addictions, found the ultimate 12-step program: the Stations of the Cross. ... - [New York Times].

Montag, März 01, 2004

Filmstart von "Die Passion Christi" vorverlegt
Laut einer Pressemitteilung der Constantin Film AG wird der Start von Mel Gibsons Film "The Passion Of The Christ" vorverlegt. Statt, wie ursprünglich vorgesehen, am Gründonnerstag (Deutschland) bzw. Karfreitag (Österreich) kommt der Film noch mitten in der Fastenzeit, am 18. März, in die deutschen und österreichischen Kinos. Für diesen Entschluß ausschlaggebend dürfte der in dieser Größenordnung nicht erwartete Erfolg in den Vereinigten Staaten sein. In den ersten 5 Tagen spielte der Film 117.5 Millionen Dollar ein, also ein mehrfaches der Produktionskosten, die rund 25 Millionen Dollar betrugen. Daran hat das gewaltige Medieninteresse, die schier endlose Flut an öffentlich ausgetragenen Kontroversen eines erbitterten Fürundwider, keinen geringen Anteil. Nicht zuletzt darf sich Mel Gibson bei Abraham Foxman, dem Direktor der jüdischen Anti-Defamation League bedanken. Dessen wortgewaltiger Einsatz gegen den Film, der weltweit mit Hilfe der Massenmedien große Aufmerksamkeit erregte, wäre ein in zwei nahezu toten Fremdsprachen - Latein und Aramäisch - gedrehter Streifen kaum ein solcher Massenhit geworden. - [ORF Religion: Mel Gibsons umstrittener Jesus-Film startet früher].