Dienstag, Juni 01, 2004

HerrschaftsZeiten
Pfingstmontag. Mit einem Freund, dem Maler Ruben R. Baumgartner, fahre ich nach Passau. Auf uns warten HerrschaftsZeiten, Glanz und Elend des Fürstbistums Passau, das letzte Kapitel der Geschichte der Menschen am Inn.

In Schärding legen wir eine kurze Pause ein, schreiten die spätbarocke Gebäudekulisse der Silberzeile entlang, halten am gedrungenen Wassertor, das die geschlossene Reihe der farbenprächtigen Häuserfront zum Inn hin durchbricht. Der Inn war über Jahrhunderte hinweg ein wichtiger Handelsweg, eine fließende Landstraße, auf der Güter aller Art - im besonderen sei das Salz aus dem Fürsterzbistum Salzburg erwähnt - transportiert wurden. "Aenus", den "Schäumenden", so nannten die Römer den Fluss; den Griechen war er als "Ainos" bekannt, was in etwa das gleiche heisst, daneben aber auch die Bedeutung von "riesig" hat. Schäumend und riesig, von diesen Eigenschaften zeugen kleine Täfelchen an der Häuserwand links neben dem Wassertor. In etwa zweieinhalb Meter über Bodenniveau wird der Höchststand des Hochwassers des Jahres 2002 angezeigt. Etwa doppelt so hoch markiert ein Täfelchen die Überflutung des Jahres 1954. Normalerweise führt der Fluß im Sommer etwa 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Damals hingegen schwoll er auf die dreifache Menge an. Das mächtigste aller Hochwässer seit Menschengedenken war die Flut des Jahres 1598. In vielleicht 8 Meter Höhe ist die Marke an der Hausmauer zu sehen. Die gesamte untere Stadt mag damals kurze Zeit Teil des tobenden Flusses gewesen sein, ehe er wieder in sein altes Bett zurückfiel.

Auf dem Parkplatz oberhalb der Wallfahrskirche Mariahilf ob Passau parken wir das Auto und kehren kurz bei der Mutter Gottes ein. Eine Gedenktafel an der Kirche erinnert an Kaiser Leopold I. und an seinen Berater und Beichvater, den Kapuziner Marco d'Aviano, die im Jahr des Herrn 1683 vor dem Gnadenbild den Sieg über die Türken und das Ende der Belagerung Wiens von der Gottesmutter erflehten. Marco d'Aviano wurde am 27. April 2003 vom Papst selig gesprochen.

Vom Haus der Gottesmutter steigen wir hinab zur Stadt, überqueren den Inn, und folgen einer kleinen Gasse hinauf zum Dom. Der Passauer Dom darf sich des größten barocken Innenraums nördlich der Alpen rühmen. Einem Vergleich mit dem Dom zu Salzburg hält er meines Erachtens nicht stand. Bei aller barocker Pracht atmet der Salzburger Dom Klarheit. Das religiöse und künstlerische Programm, der Weg Christi von der Verklärung an der Hauptfassade über die Stationen seines Erlösungwerkes an der Decke des Langhauses bis hin zum Altarbild, das Seine Auferstehung zeigt, wird von keinem Detail und keinem Zierat überwuchert und unterdrückt. In Passau hingegen umschlingt nach meinem Geschmack der ausladende Stukk die Deckenfresken allzu massiv, sodass das Auge kaum zur Bedeutung der Bilder gelangt. Die Größe des Raumes allerdings ist imposant.

Nach Überquerung der Donau steigen wir zur Veste Oberhaus auf, die Gastgeber der Ausstellung ist. Den hohen Herren, den Fürstbischöfen und ihren Vasallen, widmet sich dieses Kapitel der Geschichte der Menschen am Fluss. Passau war in seinen Glanzzeiten alles anderen denn ein verschlafenes Städtchen. Von hier rückte in den Jahren 1610 und 1611 das gefürchtete Passauer Kriegsvolk aus, 9000 Mann Fußvolk und 4000 Reiter. Gefürchtet waren sie auch wegen der Passauer Kunst. Nein, man zog in diesen Jahren nicht mit Gemälden und Skulpturen zu Felde, die Passauer Kunst, das waren vielmehr besondere magische Kunststücke, auf deren Handhabung sich der Passauer Scharfrichter Kaspar Neidhart und der geschasste Student Christian Elsenreiter verstanden haben sollen. Das Kriegsvolk glaubte sich durch das Verschlucken eines verzauberten Zettels für einige Stunden gegen Hieb, Stich und Schuss gefeit. "Teufel hilf mir, Leib und Seele geb ich dir", stand auf diesen Zetteln geschrieben. Wer allerdings eines anderen Todes starb, dessen Seele, so glaubte man, war rettungslos dem Teufel verfallen. Mit dem Kriegsvolk nahm's allerdings trotzdem - oder gerade deswegen? - ein böses Ende. Beim Streit im Hause Habsburg auf Seiten Kaiser Rudolfs stehend, war doch der Passauer Fürstbischof, der Erzherzog Leopld V., von diesem als sein Nachfolger für den Kaiserthron ausersehen, stürmte das Kriegsvolk gegen die Kaiserstadt Prag und fuhr eine empfindliche Niederlage ein. Selbst in den Kirchen, in die sich die Soldaten flüchteten, selbst noch auf den Stufen vor den Altären, wurde mit unvermindeter Wut aufeinander eingeschlagen, gestochen und geschossen. Ein Gemälde eines unbekannten Künstlers zeigt den Anführer des Kriegsvolkes, Oberst Laurentius Ramee, inmitten seiner Offiziere. Sehr ernst, würdig und feierlich stehen die Männer um ihren Vorgesetzten. Nach der Niederlage allerdings bezichtigte sie dieser des Hochverrats, worauf neun von ihnen den Kopf verloren, und dies nicht in einem sprichwörtlichen Sinn. Sündenböcke, um den ob dieser vernichtenden Niederlage wohl zu erwartenden Grimm des Fürstbischofes zu stillen. Der hingegegen war um einen Ausgleich mit dem Sieger, Kaiser Matthias, bestrebt. Da war auch ihm an einem Sündenbock gelegen, und so ging dem Oberst Ramee seinerseits die Verbindung zwischen Kopf und Leib verloren.

Verloren, ja, so ins Detail verloren komme ich nie zum Ausgang der Ausstellung. Darum überspringe ich etliche Räume und stoße gleich an das Ende vor, die Säkularisation, Passaus Untergang. 1803 besetzten bayerische Truppen das bis zu diesem Zeitpunkt zumindest nominell unabhängige Hochstift Passau. In der Folge ging Passaus Reichtum den Bach hinunter, genaugenommen den Fluss hinauf, und zwar Richtung München. Der Domschatz und das Hofsilber wurden eingeschmolzen, wertvolle Gegenstände, Gemälde, die fürstbischöfliche Hofbibliothek in Kisten verpackt und verschifft. Die wertvollsten Bücher schluckte die bayerische Staatsbibliothek, eine umfangreiche Sammlung römischer Skulpturen landete im königlichen Antiquarium in der Münchener Residenz. München, um's geradeheraus, aber nüchtern zu sagen, wäre ohne die Säkularisierung in kultureller Hinsicht ein großes Kuhdorf geblieben.

Über die Dummheiten und Schandtaten der Säkularisierung in Bayern wäre noch einiges zu sagen. Aber nicht heute.

Von der Veste Oberhaus steigen wir hinunter zur Donau, überqueren sie und gehen die Landzunge bis zu ihrem Ende aus, wo sich Inn und Donau vereinen. Dass der Inn der Donau mehr Wasser zubringt, als diese hier selber führt, dass er von dieser Stelle aus gemessen gar um rund 100 Kilometer länger ist als diese, wer hätte das gewusst? Warum, frage ich Ruben, heisst dann die Donau stromabwärts auch weiterhin Donau und nicht billigerweise Inn? Oder warum ist nicht der Inn stromaufwärts die Donau, und die Donau ein deutscher Fluss mit anderem Namen? Aber selbst ein Künstler von Rubens Graden ist dieser Weisheit nicht kund. Den Fluss, meint er, wird es nicht kümmern. Woher, frage ich ihn, will er das wissen? Wer weiss schon, was der Fluß will. Mit derlei philosophischen Gesprächen verkürzen wir uns den Weg den Berg hinauf zu Parkplatz und Auto. Und damit ist das letzte Kapitel geschlossen. Wer mehr wissen will, muss selber zur Ausstellung fahren.