Dienstag, Juni 29, 2004

Erentrudis
Morgen ist der Festtag der Heiligen Erentrudis, der Landesmutter von Salzburg. Erentrudis war die Nichte des Heiligen Rupert, des ersten Bischofs von Salzburg. Sie ist ein Sproß fürstlichen, möglicherweise sogar königlichen Geblüts. Es war eine Zeit, in der die Besten eines Landes, ja, eines ganzen Kontinents, darin wetteiferten dem größten aller Könige zu dienen. Erentrudis, ihr Name bedeutet im Althochdeutschen "die wie ein Adler Starke", wurde von ihrem Onkel nach Salzburg gerufen, um hier ein Frauenkloster, die heute noch bestehende Abtei Nonnberg, zu gründen. Das Kloster wurde niemals aufgehoben und besteht heute noch, ist also rund 1300 Jahre alt und damit das älteste, noch bestehende Frauenkloster im deutschen Sprachraum. Die erste auf unsere Tage gekommene Lebensbeschreibung der Heiligen, verfasst von einem auf dem Nonnberg lebenden Kaplan, Caesarius mit Namen, stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert. Was er zu berichten weiss, ist also gesponnen aus über Jahrhunderte hinweg vergoldeten Erinnungen. Caesarius berichtet: "Glühend war die Macht ihrer Rede, den Hartnäckigen die harten Herzen zu erweichen und mit dem Salz der Weisheit und dem Honig der Liebe zu würzen." Erentrudis scheint sich auch nach ihrem Tod ihres Standes und Wertes bewusst gewesen zu sein. Eine Legende berichtet, ein Pilger, der an ihrem Grab um Heilung seiner Blindheit flehte und Erhörung fand, hätte den Ausruf getan: "Wie kann ein Weib solch Wunder tun?" Die Heilige hatte für diese Geringschätzung ihres Geschlechts wenig Verständnis: der Mann verlor sogleich das eben wiedergeschenkte Licht seiner Augen.

Heute war die erste Vesper zu ihrem Feste. In der Krypta der Klosterkirche ruht ihre irdische Hülle in zwei Reliquiarien. Diese wurden am Nachmittag in feierlicher Prozession in die Kirche getragen. Eigentlich hatte ich beabsichtigt an der Prozession teilzunehmen, doch vertrödelte ich mich bei der Arbeit, so kam ich etwas zu spät auf den Nonnberg, und konnte nur mehr der Vesper beiwohnen. Die Nonnen sind, was das Chorgebet betrifft, ein eingespieltes Gespann. Es war schön, sich in der Strömung ihres Chorals treiben zu lassen. Im Anschluß daran erfolgte eine Segnung mit der Reliquie der Heiligen. Wer wollte, darunter auch ich, trat nach vorne, stieg die wenigen Stufen zum Chor hinauf, und kniete nieder. Ein Priester ging mit dem Reliquiar, einem Kästchen mit einer Einwölbung auf der Unterseite, zu jedem der dort Knienden, stellte jedem einzelnen das Reliquiar auf das Haupt und sprach den Segen: "Auf die Fürsprache der Heiligen Jungfrau und Äbtissin Erentrudis vergebe Dir Gott Deine Sünden." 1924 öffnete man das Reliquiar, um, was an der Heiligen sterblich war, zu untersuchen. Darin fand sich auch eine Locke ihres Haares, der die Zeit den unverblassten goldenen Schimmer nicht zu rauben vermochte.

Morgen abend ist zu Erentrudis Ehren ein feierliches Hochamt, geleitet von Erzbischof Kothgasser; den Abschluss findet das Fest zu ihrem Gedenken übermorgen mit einem geistlichen Konzert in der Kirche. Wer will, mag kommen. Der Eintritt ist frei.