Der Preis der Laxheit
Vor 25 Jahren hielt ich mich für einige Zeit in einem Trappistenkloster auf, mich und Gottes Wort zu prüfen, doch war ich dem Wort nicht gewachsen, es fiel auf steinigem Grund und unter Dornen. Mehr als 20 Jahre dauerte es bis die verschüttete Saat erneut zaghaft zu grünen und auszutreiben begann. Was mir nicht lebensmöglich schien, war unvermutet lebenswert geworden. In diesem Kloster war es Brauch, dass ein Mönch seinen Brüdern während des Mittagessens vorlas, ein wenig von den Heiligen und Seligen des Ordens, ein wenig aus einer katholischen Zeitung, und tagtäglich längere Passagen aus «Die Eiche und das Kalb. Skizzen aus dem literarischen Leben», einem der Bücher Alexander Solschenizyns. Noch heute, ein Vierteljahrhundert später, habe ich den eigentümlichen Singsang des Vortrags im Ohr, dessen tonale Monotonie die Individualität unterschiedlicher Vortragsstile bewusst negierte. Solschenizyn war einige Jahre zuvor, 1970, der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden, doch durfte er diesen auf Anweisung der KPDSU nicht persönlich entgegennehmen. Solschenizyn wurde im Westen als Kämpfer gegen den Terror des Stalinismus und ganz allgemein des Kommunismus gefeiert. Als er aber auch kritische Worte für den Westen fand, sozusagen in jene Hand biss, die ihn doch so begeistert zu füttern vermeinte, sank sein Stern rasch. Man hatte übersehen, dass er diese Kritik bereits vor seiner gewaltsamen Ausbürgerung aus der Sowjetunion formulierte, unter anderem auch in seiner nie gehaltenen Rede zur Entgegennahme des Nobelpreises, und dass diese Kritik ernst gemeint war.
... Das Ausmaß der Erschütterungen der westlichen Gesellschaft nähert sich, von aussen gesehen, dem Grenzwert, jenseits dessen das System aus dem Gleichgewicht gerät und auseinanderfallen muss. Immer weniger zurückgehalten durch die Rahmen jahrhundertealter Gesetzlichkeit schreitet die Gewalt frech und siegreich über die ganze Welt, unbekümmert darum, dass ihre Unfruchtbarkeit schon oft in der Geschichte offenbart und bewiesen worden ist. Es triumphiert oft nicht die grobe Gewalt selbst, sondern ihre hinausposaunte Rechtfertigung. ...
Dabei fühle ich mich an die Geschehnisse um den Irakkrieg erinnert, an Toni Blair und sein Kabinett an Kriegsbefürworter (um nicht Kriegstreiber zu schreiben), an George Bush und seine den politischen Erdball neu ordnenden Neocons ... der Posaunen sind viele und lautstark.
Solschenizyn schrieb in dieser Rede, die er nicht hielt, auch den überaus bedenkenswerten Satz: "Der Preis der Laxheit ist immer das Verderben." Das sollte ich mir hinter die Ohren schreiben.

