Samstag, August 23, 2003

Galileo's Mistake
Galileo's MistakeGalileo Galilei, für viele Begründer des wissenschaftlichen Denkens, abgetrotzt einer wissenschaftsfeindlichen Kirche, ist wieder im Gespräch. Zwei neue Bücher über ihn - Galileo's Mistake: A New Look at the Epic Confrontation between Galileo and the Church von Wade Rowlands sowie Galileo in Rome: A Chronicle of 500 Days» von William R. Shea und Mariano Artigas - scheinen dieses schöne Bild in Schwarz und Weiss in Frage zu stellen. Weder war die Kirche so schurkisch schwarz, noch Galilei so heldenhaft weiss, wie die moderne Fama zu wissen meint. Vielmehr schildern die beiden Bücher, die großes Lob bei Literatur- und Wissenschaftskritik einheimsten, nicht die Vertreter der Kirche, sondern den Helden der Wissenschaft als verbissenen, unduldsamen Dogmatiker. Nicht seine wissenschaftliche Arbeit trieb Galilei in den Konflikt mit der Kirche, wie schon Arthur Koestler in «The Sleepwalkers», seiner Geschichte des menschlichen Geistes, schrieb, sondern seine Persönlichkeit. Galilei sei ein schamloser Plagiator gewesen, ein außerordentlich arroganter Rechthaber, der für seine These, dass sich die Erde um die Sonne drehe, keinerlei Beweis vorlegen konnte (das gelang erst wesentlich später, nämlich 1838, durch die erstmalige Messung der Parallaxenbewegung einiger Sterne). Galileo allerdings bestand darauf, dass seine These nicht einfach eine Theorie sei, sondern eine nicht zu bezweiflende Wahrheit. Im Gegensatz zu dem, was unser «vorurteilsfreies» und «aufgeklärtes» Zeitalter meint, war die Kirche jener Tage nicht wissenschaftsfeindlich eingestellt, eher im Gegenteil. Viele ihrer bedeutendsten Vertreter traten als Förder der Wissenschaften hervor. Einige der bedeutendsten Astronomen jener Tage waren Kleriker. Es war Galileis Geltungssucht, die den Konflikt inszenierte. In seinem «Dialog über die Weltsysteme» führte er die Existenz von Ebbe und Flut, die Gezeiten, als Beweis für die Bewegung der Erde um die Sonne an. Eine falsche Annahme, daher waren auch seine daran anknüpfenden «Beweise» widersprüchlich und ohne wissenschaftliche Substanz. In diesem Dialog vertritt «Simplicio», der wie ein Trottel argumentiert, die kirchliche Weltsicht. Galileo legte ihm Aussprüche des Papstes Urban VIII in den Mund, vor dem am Ende alle in Ehrfurcht verstummen. Mit anderen Worten: Galilei stellt den Papst, der ihn seinen Freund genannt hatte, der ihm eine üppige kirchliche Pension auf Lebenszeit zugesprochen hatte, damit er sein wissenschaftliches Werk ohne Sorgen fortführen könne, als Schwätzer und Hohlkopf dar. Nicht der Wissenschaftler trieb also Galileo in den Konflikt mit der Kirche, sondern der geltungssüchtige Polemiker. Im Kern war es sogar die Kirche, die nach heutigen Maßstäben wissenschaftlicher - erkenntnistheoretisch korrekter - argumentierte als Galilei, denn sie bestand darauf, dass eine wissenschaftliche Aussage solange nur hypothetischen Charakter habe, als sie nicht bewiesen sei. Solange aber diese Beweise fehlten, fand die Kirche, sei es richtig und angemessen an Aussagen der Heiligen Schrift festzuhalten. Galileo Galilei wurde verurteilt und widerrief. Am Ende widerrief auch die Kirche in Person von Johannes Paul II. Galilei ist ein Held. Die Kirche der Schuft. Schwarz ist schwarz. Weiss muss weiss bleiben. In der New York Times ein guter Essay zum Thema: Contrarian's Contrarian: Galileo's Science Polemics.

1 Comments:

At 2:26 PM, Anonymous Odowin Clos said...

Galileis Thesen wurden schon um 1300 UNANGEFOHTEN an der Sorbonne vorgetragen; die melior dispositio. Sentenzenkommentar des Francois de Meyronnes (Mayronis) 2 dist 14 q 5. Auch Thomas Aquinas hielt den Heliozentrismus für durchaus plausibel s. theol. I q 32 a 1 ad 2.

 

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