Samstag, Juni 28, 2003

Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen
In einer kleinen russischen Stadt lebte einst ein Mann, ein wohlangesehener, durchaus vermögender Bürger. Diese allseits geschätzte Stütze der Gesellschaft besuchte oftmals einen jungen Mann, Sossima mit Namen. Der war Offizier gewesen, beendete diese Laufbahn aber nachdem er bei einem Duell den Schuß seines Gegner abgewartet hatte, um daraufhin seine Pistole wegzuwerfen und von seinem Kontrahenten Vergebung zu erbitten - ein Verhalten, halb ein Skandal, halb eine modische Sensation für die gute Gesellschaft. Michail, der wohlangesehen Bürger, durch die umherlaufende Gerüchte von Sossima angezogen, fasst schließlich Vertrauen zu diesem. Nach mehreren Besuchen macht er ihn zum Adressaten eines Geständnisses. Vor vielen Jahren erstach er eine junge Frau, die ihn durch Zurückweisung schwer gekränkt hatte. Der Verdacht fiel auf einen heruntergekommenen Knecht, der in der Untersuchungshaft starb. So blieb Michail unentdeckt, heiratete schließlich, bekam Kinder und wurde alles in allem ein guter Bürger, eben jene wohlangesehene Stütze der besseren Gesellschaft. Doch so wohl situiert sein Leben auch schien, so erfolgreich und glänzend es nach aussen war, in seinem Inneren nagte beständig der Wurm seines schlechten Gewissens: Er kommt heim zu seiner geliebten Frau, und es quält ihn der Gedanke: "Meine Frau liebt mich, - wenn sie es aber wüsste!" Und als sie ihm glücklich mitteilt, dass sie ein Kind erwartet, peinigt ihn der Gedanke: "Einem Kinde habe ich das Leben gegeben, und einem anderen Menschen habe ich es genommen." - Es wurden ihm Kinder geboren, er aber sagte sich: "Wie darf ich es wagen, sie zu lieben, sie zu erziehen und zu belehren, wie darf ich ihnen von Tugend reden, ich der ich Blut vergossen habe." Im Gespräch mit Sossima ringt sich Michail zur Erkenntnis durch, ihm könne nur ein öffentliches Geständnis seines Verbrechens zum Seelenfrieden verhelfen. Doch bäumt sich in ihm alles gegen die tatsächliche Umsetzung auf. Sein bisheriges Leben, seine Frau, die Kinder, das Ansehen der Gesellschaft, ginge nicht das alles verloren? Was wäre denn durch ein Geständnis gewonnen? Was wieder gut gemacht? ... aber am nächsten Tage kommt er wieder bleich und böse zu mir und bemerkt spöttisch: "Jedesmal, wenn ich bei Ihnen eintrete, sehen Sie mich mit solch einer Spannung an, als wollten Sie fragen: Hat er es oder hat er es noch nicht getan? Gedulden Sie sich, und verachten Sie mich nicht gar zu sehr. Das ist doch nicht so leicht getan, wie Sie annehmen. Ja, vielleicht werde ich es überhaupt nicht tun. Sie werden dann doch nicht hingehen und mich anzeigen, wie?" Am Ende stehen beide, Sossima wie Michail, an den Grenzen ihrer seelischen Kräfte. Michail, nahe daran Sossima, den einzigen Menschen, der über sein Verbrechen Bescheid weiss, zu ermorden, gibt schließlich diesem sein Geschick in die Hand: "Entscheiden Sie über mein Geschick!", stieß er plötzlich hervor. - "Gehen Sie hin und gestehen Sie", sagte ich flüsternd zu ihm hin. Die Stimme versagte mir fast, doch flüsterte ich es im festen Ton. Darauf nahm ich vom Tisch das Evangelium in neurussischer Übersetzung und zeigte ihm Johannes, Kapitel XII, Vers 24: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein, stirbt es aber, so bringt es viele Frucht." Diesen Vers hatte ich kurz vor seinem Eintritt gelesen. - Er las ihn: "Das ist wahr", sagte er, aber er lächelte bitter. "Ja", sagte er nach einigem Schweigen, "es ist unheimlich, was man in diesem Buch finden kann. Es ist aber leicht, diese Sprüche anderen vor die Nase zu halten. Und wer hat das geschrieben, doch nicht etwa Menschen?" - "Der Heilige Geist", sagte ich. - "Sie haben gut schwätzen", sagte er höhnisch und lächelte fast schon hasserfüllt. Ich nahm wieder das Buch, schlug es an einer anderen Stelle auf und zeigte ihm Ebräerbrief Pauli, Kapitel X, Vers 31. Er las: "Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen." - Er las es und schleuderte das Buch von sich. Er zitterte am ganzen Leibe. - "Ein schrecklicher Vers" sagte er. "Wahrlich, Sie verstehen auszusuchen!" Er erhob sich vom Stuhl: "Nun", sagte er, "leben Sie wohl, vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen ... im Paradiese werden wir uns wiedersehen. Also vierzehn Jahre sind es her, dass ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen bin! - Jetzt weiß ich wenigstens, wie diese vierzehn Jahre heißen! Morgen werde ich diese Hände bitten, mich freizugeben." Michail gesteht öffentlich sein Verbrechen. Doch will ihm, dem wohlangesehenen Bürger, der Stütze der guten Gesellschaft, niemand die Untat glauben, so unterbleibt die von ihm gefürchtete Ächtung seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder. Bald darauf erkrankt er und stirbt, versöhnt mit Gott, freigelassen von dessen schrecklichen Händen, die ihn über Jahre hinweg zur Umkehr trieben wie man verstocktes Vieh in den heimatlichen Stall treibt. - [nach Dostojewskij: Die Brüder Karamasoff].

Im "Vater unser" stocke ich oft bei dem Vers: "Dein Wille geschehe". Was, wenn Gottes Wille gegen meinen prallt? Gott anders, ganz anders, will als ich? Natürlich, Gott will mir nichts Böses. Das will auch der Zahnarzt nicht, wenn er bohrt. Und dennoch tut das Bohren weh. Ich bete das "Vater unser", auch diesen Vers. Und hoffe im Stillen, Gott möge wollen wie ich, hege ich doch den Verdacht, dass Er ohne Betäubung am menschlichen Herz operiert. Der damit verbundene Schmerz ist, wie ich fürchte, notwendiger Bestandteil der Therapie.