Montag, Juni 23, 2003

Schönheit zum Schrecken
Carlo Crivelli: Maria Verkündigung"Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?
Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz:
Ich verginge von seinem stärkeren Dasein.
Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang,
den wir gerade noch ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.
Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunklen Schluchzens.
Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt."


So weit der Dichter. Alles uns Übersteigende reduziert unserer Vorstellung auf handsameres Maß. Ist Gott schön? Sicherlich. Ist Gott schrecklich? Ach, da zögere ich schon. Kann denn Gott schrecklich sein? Aber ja, Gott ist sicherlich schrecklich. Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. (1 Kön 19, 11-13). Warum verhüllt Elija sein Gesicht, da sich ihm Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im sanften Säuseln offenbart? Manche Schönheit ist, wie ich glaube, uns Menschen nur bis zu einem bestimmten Grade erträglich. Der unverhüllte Gott, wer könnte Seinen Anblick ertragen, sich Seinem ungedämpften Licht stellen, ohne zu sterben, ohne den Wunsch dazu? Wir denken Gott klein, auf erträgliche Maße. "Gott ist die Liebe", schreibt der Apostel. Ich glaube nicht, dass diese Liebe vergleichbar ist jener kleinen Münze, die ich als Liebe handle. In der Biographie des heiligen Franziskus, die ich zur Zeit lese, flackert noch zwischen den Seiten das verzehrende Feuer dieser anderen, schrecklichen Liebe. Sie in Händen zu halten, das muß sein, als leckte deren Flamme über die um sie geschlossenen Finger. Gottes Handkuß.